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Sulpicius Severus (um 420) - Drei Dialoge (Dialogi; über den hl. Martinus)
1. Dialog

22.

Ein junger, reicher, vornehmer Asiate war Tribun in Ägypten. Er hatte ein Weib und einen kleinen Sohn. Auf seinen Kriegszügen gegen die Blember1 kam er öfter durch einen Teil der Wüste, sah dort mehrere Mönchsbehausungen und nahm auch die Heilsbotschaft an aus dem Munde des heiligen Mannes Johannes2 . Bald lernte er den unnützen Kriegsdienst mit seinen eitlen Ehren verachten. Voll Mut begab er sich in die Wüste und bald erstrahlte er dort als Vorbild jeglicher Tugend. Stark im Fasten, ein Muster der Demut, fest im Glauben, tat er es bald den alten Mönchen im Tugendstreben gleich. Aber nach und nach stieg in ihm, auf des Teufels Einflüsterung hin, der Gedanke auf, daß es besser sei, wenn er in sein Vaterland zurückkehre und seinen einzigen Sohn, sein ganzes Haus und seine Gattin für den wahren Glauben gewinne. Dies sei Gott angenehmer, als sich bloß damit zu begnügen, für sich selbst wohl der Welt zu entfliehen, aber das Heil der Seinen in liebloser Weise zu vernachlässigen. Ganz verblendet durch den Schein solch falscher Gerechtigkeit verließ er nach vier Jahren seine Zelle und gab seinen Eremitenberuf auf. Als er aber zum nächsten Kloster gekommen war, das von vielen Brüdern bewohnt wurde, gab er auf Befragen Grund und Absicht seines Wegganges an. Alle rieten ihm ab; zumal der dortige Abt suchte ihn zurückzuhalten. Indes, jener ließ sich nicht von der Ansicht abbringen, die sich traurigerweise in ihm festgesetzt hatte. In unseliger Verblendung stürzte er davon und verließ zum Bedauern aller die Brüder. Kaum war er jedoch ihren Augen entschwunden, da fuhr ein Teufel in ihn. Mit seinen eigenen Zähnen zerfleischte er sich, und blutiger Geifer strömte aus seinem Munde. Auf den Schultern der Brüder wurde er wieder ins Kloster zurückgetragen. Da man den bösen Geist in ihm nicht zu bändigen vermochte, mußte man den Unglücklichen in Eisen legen und an Händen und Füßen fesseln. Diese Strafe hatte der Flüchtling wohl verdient. Da der Glaube ihn nicht zurückhalten konnte, mußte die Kette ihn halten. Erst nach zwei Jahren befreite ihn endlich das Gebet der Mönche vom bösen Geiste. Der Geheilte kehrte alsbald in die Wüste zurück, die er verlassen hatte. Nachdem er so selbst gebessert worden, war er künftighin den anderen ein Beispiel dafür, daß sich niemand durch falsche Scheingerechtigkeit täuschen oder in unnützem Leichtsinn und schwankender Unbeständigkeit verleiten lassen dürfe, das, was er einmal angefangen hat, wieder aufzugeben. Jetzt habt ihr aber genug von den Wunderwerken gehört, die Gott in seinen Dienern gewirkt hat, entweder als Vorbild zur Nachahmung oder zum abschreckenden Beispiel. Ich habe euch genug geboten, ja vielleicht mehr als recht ist geredet. Jetzt mußt du — das galt mir — den schuldigen Zins bezahlen. Wir wollen dich über deinen Martinus, so sagst du ja gewöhnlich, vielerlei erzählen hören. Schon längst brennt mein Herz in Sehnsucht darnach".

1: Ein äthiopischer Stamm.
2: Der hl. Johannes Lykopolita Laus. ed. Butler c. 85.96

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger