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Sulpicius Severus (um 420) - Drei Dialoge (Dialogi; über den hl. Martinus)
1. Dialog

21.

Während ich so erzähle, muß ich an unsere eigene Glaubensarmut1 und Hinfälligkeit denken. Wenn uns nur ein ganz gewöhnliches Menschenkind grüßt, oder ein Weib mit faden Schmeicheleien lobt, erhebt sich da nicht gleich jeder in Stolz und wird von Eitelkeit aufgeblasen? Daher kommt es, daß sich einer für den allerheiligsten Menschen hält, weil ihn törichte Schmeichelei oder eine irrige Ansicht zum Heiligen stempelt, obwohl das eigene Gewissen ihm das Zeugnis der Heiligkeit nicht ausstellen kann. Würden einem solchen häufig Geschenke gemacht, so sagte er, Gott ehre ihn mit freigebiger Güte, alles Nötige werde ihm ja in seiner Sorglosigkeit wie im Schlafe gegeben. Gelängen ihm gar noch, wenn auch nur in ganz bescheidenem Maße, einige Zeichen von überirdischer Kraft, dann hielte er sich für einen Engel. Übrigens leistet er auch in Tat und Tugend nichts Besonderes, so läßt er sich doch sofort den Kleidersaum verbreitern, wenn er Kleriker geworden2 ist. Es tut ihm wohl, wenn man ihn grüßt. Er bildet sich etwas ein, wenn man ihn besucht; er selbst läuft auch überall herum. Ist er früher gewöhnlich zu Fuß oder auf dem Esel dahergekommen, so reitet er jetzt stolz auf schäumendem Rosse3 . Vordem begnügte er sich mit einer kleinen, bescheidenen Wohnung, jetzt läßt er sich hohe getäfelte Decken machen und richtet viele Gemächer ein. Er läßt geschnitzte Türen herstellen und die Schränke bemalen. Er verschmäht rauhe Gewandung und liebt dafür weiche Kleider. Den Witwen und Jungfrauen, die mit ihm befreundet sind, legt er Lasten auf. Die eine muß ihm einen Regenmantel aus dickem Zeug, die andere einen wallenden Überwurf weben. Doch ich will es lieber dem hl. Hieronymus überlassen, derlei Dinge mit der nötigen Schärfe zu schildern. Ich will wieder zu unserem Gegenstand zurückkehren". Da sagte mein lieber Gallus: "Ich wüßte nicht, was du noch für Hieronymus übrig gelassen hättest. So bündig hast du die ganze Lebensart der Unseren gezeichnet, daß ich meine, deine kurzen Worte müßten ihnen großen Nutzen bringen, falls sie dieselben mit Gleichmut aufnähmen und in Geduld erwögen. Sie brauchten dann künftighin nicht mehr in den Schriften des Hieronymus gegeißelt zu werden. Nun erzähle du aber wieder weiter und bringe das Beispiel gegen die falsche Gerechtigkeit, das du uns in Aussicht gestellt hast. Ich muß dir nämlich gestehen, daß sie das schlimmste Übel ist, an dem wir in Gallien kranken". "Ich will es tun", gab Postumianus zur Antwort, "und dich nicht länger in Spannung halten.

1: Statt "infelicitas" lese ich mit Fürtner 86 f. "infidelitas".
2: Zu dieser Schilderung vgl. auch Ammian. Marceil. XXVII, 3, 14: "Ditentur oblationibus matronarum . . vehiculis insidentes, circumspecte vestiti, epulas curantes profusas . . ."
3: "Spumantibus equis", Zitat aus Vergil, Aeneis VI, 881.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger