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Sulpicius Severus (um 420) - Drei Dialoge (Dialogi; über den hl. Martinus)
1. Dialog

20.

Noch zwei lehrreiche Erzählungen will ich folgen lassen; die eine ist eine eindringliche Warnung vor Stolz und armseliger Eitelkeit, die andere bietet ein treffendes Beispiel gegen falsche Gerechtigkeit. Ein Mönch besaß eine unglaubliche Gewalt, Teufel aus Besessenen auszutreiben. Täglich wirkte er unerhörte Zeichen; nicht bloß durch seine Gegenwart und mit Worten heilte er Besessene, sondern zuweilen auch, wenn er abwesend war, durch Übersendung von Fasern seines Bußgewandes oder Briefen. Es schien unglaublich, wie man scharenweis aus allen Weltgegenden zu ihm strömte. Ich will nicht reden von gewöhnlichen Leuten: oft lagen sogar Präfekten, Comites und Beamte verschiedener Gerichtshöfe vor seiner Türe. Selbst heilige Bischöfe vergaßen ihrer bischöflichen Würde und verlangten demütig, er möge ihnen seine Hand auflegen und sie segnen. Sie glaubten nicht mit Unrecht, jedesmal, wenn sie jenes Mannes Hände oder Gewand berührten, würden sie geheiligt und mit göttlichen Gaben ausgerüstet. Es hieß von ihm, daß er sich allezeit jeglichen Getränkes enthalte und sein Leben — ich will es dir ins Ohr sagen, Sulpicius, damit es Gallus nicht höre — mit ganzen sechs getrockneten Feigen gefristet habe. Allmählich erwuchs dem heiligen Mann aus seiner Tugend äußere Ehrung. Aber mit der Ehre begann auch Eitelkeit sich einzuschleichen. Sobald er merkte, daß das Übel in ihm um sich greife, versuchte er zwar lang und viel, es zu unterdrücken, indes es gelang nicht ganz. Im tiefsten Herzenswinkel blieb noch eitle Selbstgefälligkeit versteckt, da die Wunderkraft fortdauerte. Die Dämonen machten seinen Namen überall bekannt. Der Mönch vermochte die zusammenströmenden Volksscharen nicht von sich fernzuhalten. Mittlerweile fraß das Gift im Verborgenen seines Herzens weiter. Er, der doch aus dem Körper anderer durch seinen Befehl die bösen Geister austrieb, war nicht imstande, sich selbst von den Gedanken geheimer Eitelkeit freizumachen. Nun wandte er sich in innigem Gebete zu Gott und soll darum gefleht haben, daß dem Teufel fünf Monate lang Macht über ihn gegeben werde, und er so jenen gleich werde, die er selbst geheilt hatte. Kurzum, der Mann, der so übermächtig und seiner Zeichen und Wunder wegen im ganzen Morgenlande berühmt war, der Mann, vor dessen Schwelle die Volksscharen zusammenfluteten, vor dessen Türe sich die höchsten Reichsbeamten niederwarfen, der wurde jetzt von einem Teufel ergriffen und in Banden geschlagen. All das, was die Besessenen gewöhnlich zu erdulden haben, mußte er ausstehen. Erst nach fünf Monaten wurde er wieder frei nicht bloß vom Teufel, sondern auch von der Hoffart, was ihm nützlicher und auch lieber war.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger