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Sulpicius Severus (um 420) - Drei Dialoge (Dialogi; über den hl. Martinus)
1. Dialog

18.

Nur zwei große Wunder will ich euch erzählen, Wunder eines fast unglaublichen Gehorsams, obgleich ich mich an viele erinnere, die ich erwähnen könnte. Doch wem wenige nicht genügen, um sich dadurch zur Tugend aneifern zu lassen, dem frommen auch viele nicht. Als einer der Welt Lebewohl sagte, sich in ein Kloster mit strenger Zucht begab und um Aufnahme bat, stellte ihm der Abt vieles vor die Seele: die Mühsal dieser Lebensordnung sei gewaltig, hart seien seine Befehle, selbst ein geduldiger Mann könne sie nicht leicht zur Ausführung bringen. Er solle lieber ein anderes Kloster aufsuchen, wo man nach leichteren Satzungen lebe; er solle nicht in Angriff nehmen, was er doch nicht vollenden könne. Indes jener ließ sich dadurch nicht einschüchtern, versprach im Gegenteil in allem Gehorsam; heiße ihn der Abt ins Feuer springen, dann sei er sofort dazu bereit. Sobald der Meister diese Zusage vernommen hatte, stellte er ihn unverzüglich auf die Probe. Zufällig brannte in der Nähe ein Ofen; er war stark geheizt und zum Brotbacken zubereitet, die Flammen schlugen oben aus dem Ofen heraus; in seinem Hohlraum wütete fessellos1 der Feuerbrand. Der Meister befahl dem Ankömmling, sich dort hineinzustürzen. Dieser zauderte nicht, dem Befehle nachzukommen. Ohne Zögern warf er sich mitten in die Flammen. Sofort wichen diese, besiegt durch solch kühnen Glauben, vor ihm zurück, wie einst vor den hebräischen Jünglingen. Die Natur war überwunden, das Feuer entfloh. Man hätte glauben sollen, jener würde zu Asche verbrennen, aber zu seiner eigenen Verwunderung ward er wie von erfrischendem Tau2 umgeben. Doch, Christus, was brauchen wir darüber zu staunen, daß jenes Feuer Deinen Jünger nicht berührte? So brauchte der Abt seinen Befehl nicht zu bedauern, und der Schüler brauchte es nicht zu bereuen, daß er dem Befehle Folge geleistet hatte. Am Tage seiner Ankunft sollte jener als Schwächling erprobt werden, ward aber vollkommen erfunden. Wahrhaft glückselig ist er, wahrhaft ruhmwürdig, im Gehorsam erprobt, im Leiden verherrlicht.

1: "Totis habenis regnabat incendium", vgl. Vergil, Aeneis V, 662.
2: Dan. 3, 50.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger