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Sulpicius Severus (um 420) - Drei Dialoge (Dialogi; über den hl. Martinus)
1. Dialog

15.

Damit aber keinem diese Erzählung vielleicht unglaublich vorkomme, will ich noch Größeres berichten. Der Glaube an Christus bietet die Gewähr, daß ich nichts erfinde und auch nichts auf unzuverlässige Mitteilung hin erzähle, sondern nur das, was ich von zuverlässigen Männern erfahren habe. Viele halten sich in der Wüste ohne eine Hütte auf; man nennt sie Anachoreten. Sie leben von Kräuterwurzeln und lassen sich an keinem bestimmten Orte nieder, um nicht häufig Besuche zu erhalten; wo die Nacht sie überrascht, da verweilen sie1 . Zwei Mönche aus Nitrien2 suchten einen Einsiedler auf, der nach dieser Regel und Norm lebte. Sie hatten von seiner Wunderkraft vernommen; sie wohnten zwar in einer ganz andern Gegend, allein sie hatten einst mit jenem im Kloster zusammengelebt, und da war er ihnen liebtrauter Freund geworden. Lange waren sie auf der Suche nach ihm. Endlich nach sieben Monaten fanden sie ihn am Rande der Wüste in der Nähe von Memphis. In dieser Einöde soll er sich zwölf Jahre aufgehalten haben. Obwohl er sonst allen Menschen aus dem Wege ging, entzog er sich ihnen doch nicht, als er sie wieder erkannte, sondern widmete sich ihnen als seinen Freunden drei Tage lang.

Als er am vierten Tag sie auf ihrer Heimreise eine Strecke weit begleitete, sahen sie eine Löwin von ungewöhnlicher Größe auf sich zukommen. Obwohl die Löwin drei Männer vor sich hatte, wußte sie doch genau, wen sie suche. Sie legte sich vor die Füße des Anachoreten. Während sie so dalag, wimmerte und winselte sie, wie jemand, der unter Tränen eine Bitte vorbringt. Alle wurden gerührt, besonders der Anachoret, der wohl verstand, daß die Bitte an ihn gerichtet sei. Die Löwin ging nun voran, sie folgten nach. Denn da sie von Zeit zu Zeit stehen blieb, dann wieder umschaute, gab sie unschwer ihr Verlangen zu verstehen, der Anachoret solle ihr dahin folgen, wohin sie ihn führe. Was soll ich noch viele Worte machen? Man langte bei der Höhle des Tieres an; dort nährte die unglückliche Löwenmutter fünf schon erwachsene Junge. Diese waren blind zur Welt gekommen und auch immer blind geblieben. Die Mutter trug eins nach dem andern aus dem Felsloch hervor und legte sie dem Anachoreten vor die Füße. Jetzt erst wurde es dem Mönche klar, was das Tier wünsche. Er rief den Namen Gottes an und berührte die geschlossenen Augen der Jungen mit der Hand. Die Blindheit wich sofort, und das lang entbehrte Licht strömte in die geöffneten Augen der Tiere3 .

Jene Brüder, die den Anachoreten nach ihrem Herzenswunsche besucht hatten, kehrten zurück, für ihre Mühe reichlich belohnt. Sie waren ja Zeugen solch großer Wunderkraft gewesen und hatten mit eigenen Augen den Glauben des Mönches wahrgenommen und die Herrlichkeit Christi, die sie von da an bezeugen sollten. Wunderbar: fünf Tage später kam die Löwin zu ihrem Wohltäter zurück und brachte ihm das Fell eines seltenen Tieres zum Geschenke. Der Mönch trug dasselbe oftmals wie einen Mantel. Er hatte es nicht verschmäht, von dem Tiere das Geschenk anzunehmen, denn er sah in ihm vielmehr einen andern Spender.

1: "Quas coegerit nox, sedes habent", Zitat aus Sall., Bell. Jug. 18, 2.
2: Westlich vom Nildelta
3: Ein ähnliches Wunder erzählt Rufin, Hist. eocl. 11, 4 von einem Makarius.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger