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Sulpicius Severus (um 420) - Drei Dialoge (Dialogi; über den hl. Martinus)
1. Dialog

13.

Als ich den Wüstensaum betreten hatte, kam ich unter Führung eines wegkundigen Bruders in einer Entfernung von ungefähr zwölf Meilen1 vom Nil zu einem alten Mönch, der am Fuß eines Berges wohnte. Dort befand sich ein Brunnen, eine große Seltenheit in jener Gegend. Der Mönch hatte einen Ochsen, dessen ganze Arbeit darin bestand, ein Rad zu drehen und so Wasser heraufzupumpen; der Brunnen soll ja eine Tiefe von etwa tausend Fuß oder noch mehr haben. Nebenan war ein Garten voll Gemüse, ganz gegen die Natur der Wüste; hier ist ja alles ausgedorrt und durch die Sonnenglut ausgebrannt, kein Samenkorn kann auch nur ein wenig aufkeimen. Allein durch die gemeinsame Arbeit mit dem Tier und durch seine Geschicklichkeit hatte der Mönch das fertig gebracht; die häufige Bewässerung verlieh dem Sand eine solche Fruchtbarkeit, daß die Gemüse in jenem Garten in wundervollem Grün dastanden und herrlich gediehen; wir konnten uns selbst davon überzeugen. Von dem Erträgnis des Gartens lebte der Herr mit seinem Ochsen. Auch uns bereitete der Mönch ein Mahl von diesem seinem Überfluß. Ich sah dort, was euch Galliern wohl unglaublich vorkommt, wie der Topf mit dem Gemüse, das uns zur Mahlzeit bereitet ward, ohne Feuer glühend heiß wurde. Die Sonne brennt ja so stark, daß jeder Koch selbst für gallische Gerichte damit auskommen könnte. Nach dem Mahl, als es schon gegen Abend ging, lud er uns ein, zu dem Palmbaum zu gehen, der ungefähr zwei Meilen entfernt war. Er aß hie und da von seinen Früchten. Palmen sind die einzigen Bäume, die man, wenn auch selten, in der Wüste antrifft. Ich weiß nicht, ob sie uns durch die kluge Sorgfalt der alten Zeit geschenkt sind oder ob sie der Boden von selbst aufsprossen ließ, auf jeden Fall hat das Gott für seine Diener zubereitet, da er ja vorauswußte, daß diese Einöde einst Mönchen zur Wohnstätte dienen werde. Denn jene, die sich in dieser Einsamkeit niederlassen, nähren sich zum größten Teile von den Früchten dieser Bäume, da dort anderer Pflanzenwuchs nicht gedeiht. Sobald wir, von unserm freundlichen Gastgeber geführt, zu jenem Baume kamen, trafen wir dort einen Löwen. Als wir das Tier sahen, erschrak ich und mein Führer; der Mönch trat aber ohne Zaudern hinzu; wir folgten ihm, wenn auch zitternd. Wie auf göttlichen Wink trat das Tier bescheiden auf die Seite und blieb stehen, während der Mönch Früchte, die an den niedrigeren Zweigen leicht erreichbar waren, abpflückte. Dann hielt er dem Tier eine Handvoll Datteln hin. Dieses kam herzu, nahm sie aus seiner Hand, zahmer als ein Haustier, und ging dann weg, als es gefressen hatte. Bei diesem Schauspiel zitterten wir vor Angst und konnten dabei leicht ermessen, wie mächtig sich in jenem Mönch der Glaube erwies und wie schwach wir dagegen seien.

1: Etwa 18 km.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger