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Sulpicius Severus (um 420) - Drei Briefe (Epistulae; über den hl. Martinus)

Zweiter Brief.

An den Diakon Aurelius.1

Als du am Morgen von mir fortgegangen wärest, saß ich allein in meiner Zelle. Da beschlichen mich wieder die Gedanken, die mich öfter beschäftigen: Hoffnung auf die Zukunft, Überdruß an der Gegenwart, Furcht vor dem Gericht, Angst vor der Strafe. So kam es, daß die Erinnerung an meine Sünden, die ja den Anlaß gab zu meinem nachdenklichen Sinnen, mich ganz traurig stimmte und krank machte. Von Seelenangst ermattet, warf ich mich dann aufs Ruhelager. Der Schlaf überkam mich, wie es ja oft die Traurigkeit mit sich bringt. Aber es war ein leichter und unruhiger Schlummer, wie er immer in den Morgenstunden ist, er verbreitet sich zögernd, halb und halb über die Glieder, man ist nahezu wach und fühlt, daß man schläft, was sonst beim gewöhnlichen Schlaf nicht der Fall ist. Da kam es mir auf einmal vor, als sehe ich den heiligen Bischof Martinus vor mir. Sein Gewand war weiß, purpurverbrämt, sein Angesicht wie Feuer, seine Augen wie funkelnde Sterne, sein Haar wie Purpur. Seine Haltung und äußere Erscheinung war die gleiche, wie ich sie an ihm kannte. So konnte man ihn wohl erkennen, aber doch nicht betrachten; es fällt mir schwer, das auszudrücken. Martinus lächelte mir eine Weile zu und hielt in seiner Rechten das Büchlein, das ich über sein Leben geschrieben hatte. Ich umfaßte seine heiligen Kniee und bat um seinen Segen, wie ich es sonst gewohnt war. Da fühlte ich seine Hand auf meinem Haupt liegen; wie wohl war mir bei dieser lieben Berührung! Während er bei der feierlichen Segensformel die seinem Munde so geläufigen Worte des Kreuzeszeichens wiederholte, schaute ich unverwandt auf ihn. Ich konnte mich an dem Anblicke seines Angesichts nicht ersättigen. Da ward er plötzlich in die Höhe entrückt und mir entrissen. Er schwebte durch den unermeßlichen Luftraum; während ihn eine Wolke schnell davontrug, folgte ihm mein Blick unablässig, bis ihn der offene Himmel aufnahm und ich ihn nicht mehr sehen konnte. Nicht lange hernach sah ich, wie der jüngst verstorbene heilige Priester Clarus2 , sein Schüler, denselben Weg wie der Meister hinaufstieg. Da wurde ich dreist und wollte ihm nach; aber während ich allen Ernstes daran denke und schon den Versuch mache, in die Höhe zu steigen, erwache ich. Aus dem Schlaf aufgeschreckt, wünschte ich mir Glück zu der Erscheinung, die ich geschaut hatte. In diesem Augenblicke trat mein Diener ein; er war ungewöhnlich traurig, aus seinen Zügen sprach eine traurige Botschaft. "Welch traurige Kunde willst du mir bringen?" fragte ich ihn. Er antwortete: "Zwei Mönche sind soeben aus Tours eingetroffen mit der Nachricht, Martinus sei gestorben". Ich muß gestehen, ich sank zusammen, Tränen stürzten mir aus den Augen, ich weinte bitterlich. Ja auch jetzt noch, während ich dieses an dich, mein lieber Bruder, niederschreibe, fließen meine Tränen und ich kann in meinem unerträglichen Schmerz keine Linderung finden. Du aber warst der Genosse meiner Liebe, darum will ich, sobald mir diese Nachricht zugekommen ist, daß du auch Genosse meiner Trauer seiest. Komm also sofort zu mir, damit wir miteinander betrauern können, den wir beide lieben. Wohl weiß ich, daß man eigentlich dem nicht nachweinen sollte, der die Welt überwunden und über das Irdische triumphiert hat, dem jetzt die Krone der Gerechtigkeit zuteil geworden ist. Indes ich kann mich der Trauer nicht erwehren. Wohl habe ich einen Fürsprecher vorausgesandt, allein den Trost fürs gegenwärtige Leben habe ich damit verloren. Und doch, wollte der Schmerz mich zu vernünftigem Denken kommen lassen, so müßte ich mich freuen; er ist ja eingereiht unter die Apostel3 und Propheten und steht nun hinter keinem aus der Schar jener Gerechten zurück; damit möchte ich aber keinem Heiligen zu nahe treten. Ich hoffe und glaube es und bin der festen Zuversicht, daß er vor allem in der Gesellschaft derer ist, die ihr Gewand im Blute des Lammes gewaschen haben; er folgt rein von jeder Fehle dem Lamm, das vorangeht4 . Denn wenn er auch infolge der Zeitverhältnisse nicht Märtyrer werden konnte, so wird ihm doch der Ruhm eines Märtyrers nicht entgehen; seiner Sehnsucht und seiner Tugend nach hätte er ja Märtyrer sein können und wollen. Wäre es ihm verstattet gewesen, zu den Zeiten eines Nero oder Decius im damaligen Ringen mitzustreiten5 , er hätte, ich rufe den Gott des Himmels und der Erde zum Zeugen an, aus freiem Antrieb die Folterbank bestiegen, sich selbst ins Feuer gestürzt, den hebräischen Jünglingen gleich mitten im Feuerofen im Flammenmeer dem Herrn ein Loblied gesungen. Auch wenn ihm der Verfolger die Marter des Isaias hätte antun wollen, so hätte sich Martinus sicherlich nicht gefürchtet, dem Propheten ähnlich zu werden, sich mit Säge und glühendem Eisen die Glieder trennen zu lassen. Hätte man in gottloser Wut den Gottseligen über jäh abfallende Felsen und abschüssige Berge hinabwerfen wollen, der Heilige hätte sich freiwillig hinabgestürzt, das glaube ich ruhig bezeugen zu können. Wenn man ihn aber, wie vordem den Völkerlehrer, zur Enthauptung verurteilt und ihn, was häufig vorkam, inmitten der anderen Opfer zum Tode geführt hätte, er würde den Scharfrichter für sich gewonnen und als erster die Märtyrerpalme errungen haben. Er wäre in allen Peinen und Martern, denen die menschliche Schwäche doch oft erliegt, unerschütterlich geblieben, wäre von seinem Gottesglauben nicht gewichen, ja frohlockend über die Wunden und voll Freude über die Qualen hätte er mitten unter allen erdenklichen Foltern noch gelächelt.

Er hatte nun allerdings derartiges nicht zu erdulden, vollbrachte aber doch ein unblutiges Martyrium. Denn welche Bitterkeit menschlicher Schmerzen hat er nicht in der Hoffnung auf das ewige Leben ertragen, Hunger, Nachtwachen, Blöße, Fasten, neidisches Übelwollen, böswillige Verfolgung, Pflege von Kranken, bange Sorge um Gefährdete? Wer hätte Leid empfunden, ohne daß er mitgelitten? Wer gab Ärgernis, ohne daß es ihm auf der Seele brannte?6 Wer ging verloren, ohne daß er darüber seufzte? Dazu kommen seine mannigfachen täglichen Kämpfe gegen die gewalttätige Bosheit der Menschen und Teufel7 . Seine sieghafte Kraft, seine beharrliche Geduld und sein ausdauernder Gleichmut errang immer die Oberhand, mochte er auch noch so viele Angriffe zu bestehen haben.

Welch ein Held! Von unaussprechlicher Frömmigkeit und Barmherzigkeit! Die Liebe, die in der frostigen Welt8 auch bei heiligen Männern Tag für Tag erkaltet, brannte in seinem Herzen bis zum Ende, ja sie vermehrte sich noch tagtäglich. Diese herrliche Eigenschaft kam mir in ganz besonderer Weise zu gute, da er an mich Unwürdigen seine Liebe förmlich verschwendete.

Siehe, wieder fließen die Tränen, und aus tiefster Brust stöhne ich auf. Bei wem werde ich fürderhin solche Ruhe finden, solchen Trost der Liebe? Ich Armer, Unglücklicher! Könnte ich je, wenn ich länger am Leben bleibe, von der Trauer lassen, da Martinus von mir gegangen ist? Wird in Zukunft mein Leben noch angenehm, wird ein Tag oder eine Stunde ohne Tränen sein? Kann ich mit dir, mein lieber Bruder, über ihn reden, ohne zu weinen? Kann ich in der Unterhaltung mit dir je von etwas anderem sprechen als von ihm? Doch wozu rühre ich dich zu traurigen Tränen? Siehe, nun wünschte ich, du möchtest getröstet sein, ich, der ich selbst keinen Trost finden kann. Glaube es mir, Martinus wird nicht von uns weichen, nein, er wird nicht von uns weichen: er wird bei uns sein, wenn wir von ihm reden, er wird zugegen sein, wenn wir beten. Und, wie er es schon heute huldvoll gewährt hat, er wird sich noch oftmals in seiner Glorie zeigen, er wird uns, wie er es vor kurzem getan hat, immerdar mit seinem Segen beschützen. Er hat auch im Verlaufe der Erscheinung klar gezeigt, daß der Himmel denen offen steht, die ihm nachfolgen; er hat uns belehrt, wohin wir ihm folgen müssen; er hat uns unterrichtet, wohin unsere Hoffnung zielen, unser Herz sich richten soll. Doch, Bruder, was wird geschehen? Ich muß mir sagen, daß ich jenen beschwerlichen Weg nicht hinansteigen und erklimmen kann; mich drückt ja die lästige Bürde9 , und die Last der Sünden beugt mich nieder, der Aufstieg zum Himmel ist mir verwehrt, bei mir geht es dem schrecklichen Abgrund der Hölle entgegen. Doch eine Hoffnung bleibt, die einzige und letzte: es wird uns wenigstens auf die Fürbitte des Martinus zuteil werden, was wir aus eigener Kraft nicht zu erreichen vermögen.

Doch was halte ich dich, Bruder, mit diesem so geschwätzigen Briefe noch länger auf und verzögere dein Kommen? Zudem ist das Papier zu Ende und faßt nichts mehr. Indes aus dem Grunde habe ich mich länger mit dir unterhalten, daß der gleiche Brief, der dir die Trauerbotschaft übermittelt, dir auch durch diese unsere Aussprache Trost gewähre.

1: Der Brief ist in Toulouse [Ep. III, 3] d. h. wohl zu Eluso geschrieben.
2: S. Vita 28, vgl. Paulin. Ep. XXIII, 3 [Anspielung auf beide Stellen].
3: Vgl. Sulp. Sev. Chron. II, 50, 4; Dial. II, 5, 2.
4: Off. 14, 4.
5: In dieser Beschreibung scheint Severus aus Hilarius, Contra Constant. 4 [Ml. 10, 581] geschöpft zu haben.
6: Vgl. 2 Kor. 11, 27/80.
7: "Spiritualis nequitiae", vgl. Epb. 6, 12.
8: Vgl. Matth. 24, 12.
9: Diese Stelle benützt Paul. Ep. XXIV, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger