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Sulpicius Severus (um 420) - Leben des hl.Bekennerbischofs Martinus von Tours (Vita sancti Martini)

25.

Da mir vieles über seinen Glauben und seinen Tugendwandel zu Ohren gekommen war, brannte ich vor Verlangen nach ihm. Deshalb unternahm ich eine mir höchst willkommene Pilgerfahrt zu ihm1 . Mich beseelte damals auch der glühende Wunsch, sein Leben zu beschreiben. So forschte ich einerseits ihn selbst aus, soweit er sich ausforschen ließ, andererseits zog ich von jenen Erkundigungen ein, die bei ihm waren und ihn kannten. Er nahm mich damals mit erstaunlicher Demut und Güte auf. Herzlich wünschte er sich Glück und freute sich darüber, daß ich ihm soviel Ehre angetan und eine Pilgerfahrt unternommen habe, um ihn aufzusuchen. Er zollte mir soviel Aufmerksamkeit, daß er mich Armseligen, kaum wage ich es zu bekennen, zu seinem heiligen Mahle lud; er reichte mir dabei selbst das Wasser für die Hände und wusch mir abends eigenhändig die Füße. Ich hatte nicht den Mut, mich zu sträuben und zu widersetzen. So sehr war ich im Banne seiner machtvollen Persönlichkeit, daß es mir als Unrecht vorgekommen wäre, hätte ich nicht nachgegeben. Unser Gespräch drehte sich um nichts anderes, als wie ich der lockenden Lust der Welt und ihrer drückenden Bürde entsagen müsse, um frei und ungehindert dem Herrn Jesus folgen zu können. Als herrliches Beispiel aus unserer Zeit stellte er uns den oben2 erwähnten, hochangesehenen Paulinus vor Augen. Dieser habe seinen gewaltigen Reichtum dahingegeben, sei Christus nachgefolgt und fast der einzige, der in unseren Tagen die Weisungen des Evangeliums3 befolgt habe. Diesem, so betonte er oft, müsse ich nachfolgen, diesem ähnlich werden. Unser Jahrhundert sei ob eines Mannes von solchem Glauben und Tugendbeispiel glücklich zu preisen. Entsprechend dem Ausspruche Christi habe ja der reiche und begüterte Mann all das Seine verkauft und den Erlös an die Armen verteilt und so, was unmöglich schien, durch sein Beispiel möglich gemacht. Welch würdevoller Ernst lag dabei in seinen Worten und Gesprächen! Wie treffend, wie kraftvoll redete erl Wie schlagfertig und gewandt löste er schwierige Fragen der heiligen Schriftenl Indes ich weiß, viele wollen in diesem Punkt nicht glauben; muß ich doch sehen, daß sie auch meiner Erzählung nicht trauen. Deshalb schwöre ich bei Jesus und unser aller Hoffnung: nie habe ich aus einem Mund eine solche Fülle von Wissen, so trefflichen Geistes und klarer Rede vernommen. Und doch wie klein muß dieser Lobpreis erscheinen bei der Tugendgröße eines Martinus! Es ist ja schon ein Wunder für sich, daß einem Mann, der nicht wissenschaftlich gebildet war, auch eine solche Gabe zu Gebote stand.

1: Die Zeit läßt sich nicht genau bestimmen, s. oben S. 4; 12.
2: Kap. 19.
3: Luk. 14, 83; Matth. 19, 21.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger