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Sulpicius Severus (um 420) - Leben des hl.Bekennerbischofs Martinus von Tours (Vita sancti Martini)

23.

Clarus1 , ein vornehmer junger Mann, nachmals Priester, der jetzt schon selig im Herrn entschlafen ist, hatte alles verlassen und sich zu Martinus begeben. Schon nach kurzer Zeit erstrahlte er im hellsten Glänze des Glaubens und aller andern Tugenden. Unweit vom Kloster des Bischofs hatte er sich seine Zelle erbaut und viele Brüder schlössen sich ihm an. Auch ein Jüngling namens Anatolius kam zu ihm; er trug im Mönchsgewand die größte, demütigste Unschuld heuchlerisch zur Schau. Er wohnte eine Zeitlang mit den andern zusammen. Im Verlauf der Zeit gab er an, Engel pflegten Zwiesprache mit ihm. Niemand wollte ihm Glauben schenken. Doch er wußte es den meisten durch einige auffallende Zeichen glaubhaft zu machen. Schließlich verstieg er sich zu der Behauptung, zwischen ihm und Gott gingen Boten hin und her. Schon wollte er für einen Propheten gehalten werden. Indes Clarus ließ sich nicht bewegen, das zu glauben. Jener drohte ihm mit dem Zorne Gottes und augenblicklichen Strafen, weil er ihm, dem Heiligen, nicht traue. Zu guter Letzt soll er ausgerufen haben: "Heute Nacht wird mir Gott ein weißes Gewand vom Himmel geben, und ich werde mit diesem Gewand in eurer Mitte weilen. Dieses Gewand, das ich aus der Hand Gottes empfange, soll euch zum Zeichen sein, daß ich eine Kraft Gottes2 bin." Auf diese Beteuerung hin waren alle voll Spannung. Ungefähr um Mitternacht entstand ein Getöse; es war, als ob das ganze Kloster unter dem Gestampfe vieler von der Stelle gerückt würde. In der Zelle, wo jener Jüngling sich aufhielt, konnte man häufig Lichtblitze aufleuchten sehen; ein lärmendes Hin- und Herlaufen und ein wirres Durcheinanderreden vieler Stimmen war vernehmbar. Dann wurde es still. Anatolius trat heraus, rief einen von den Brüdern, Sabatius mit Namen, zu sich und zeigte ihm das Gewand, das er anhatte. Voll Staunen rief dieser die andern herbei, auch Clarus selbst eilte herzu. Man brachte Licht, und jetzt besahen alle sorgfältig das Gewand. Es war ungemein weich, blendend weiß und purpurrot; doch ließ sich Stoff und Webart nicht genau bestimmen. Das forschende Auge und der fühlende Finger konnte auf nichts anderes als auf ein Gewand schließen. Indessen mahnte Clarus die Brüder zu eifrigem Gebet, auf daß der Herr ihnen dieses Rätsel kläre. So verstrich der übrige Teil der Nacht unter Hymnen- und Psalmengebet. Sobald der Tag graute, nahm ihn Clarus bei der Hand und wollte ihn zu Martinus bringen; denn er wußte wohl, daß diesen keine Teufelskunst hintergehen könne. Mit lautem Geschrei wehrte sich der Unglückliche dagegen; er erklärte, es sei ihm verwehrt, sich vor Martinus zu zeigen. Man zwang ihn gegen seinen Willen zu gehen. Da verschwand das Kleid unter den Händen der Brüder, die ihn fortzerrten. Sicherlich ist auch dies der Wunderkraft des Martinus zuzuschreiben, daß der Teufel sein Blendwerk nicht länger verheimlichen und verbergen konnte, sobald es Martinus unter die Augen kommen sollte.

1: Starb nach Sulpic. Sev. Ep. II, 5 kurz vor Martinus und wurde nach Paulin. Ep. XXXII, 6 in der Kirche zu Primuliacum begraben, Paulin dichtete die Grabinschrift für ihn. Er stellt ihn mit Martinus auf gleiche Tugendlinie Ep. XXIII, 3 ; XXVII, 3. Im Martyrologium Romanum wird er am 8. November als Heiliger aufgeführt.
2: Vgl. Apg. 8, 10, vgl. Zellerer 61 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger