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Sulpicius Severus (um 420) - Leben des hl.Bekennerbischofs Martinus von Tours (Vita sancti Martini)

12.

Einige Zeit nachher traf es sich, daß er auf einer Reise einem Leichenzuge begegnete, der unter abergläubischen Gebräuchen einen Heiden zu Grabe trug. Schon von weitem sah er die Leute kommen. Er blieb etwas stehen, im unklaren darüber, was das wäre. Es mochte etwa eine Entfernung von fünfhundert Schritt sein, so daß man nur schwer deutlich sehen konnte. Er vermeinte aber, es handle sich um eine heidnische Opferfeier, weil er Bauernvolk sah und die Tücher über der Leiche im Winde flatterten. Es ist nämlich bei den Heiden in Gallien Brauch, die Götzenbilder in einen weißen Schleier zu hüllen und so in beklagenswerter Torheit durch die Felder zu tragen1 . Martinus machte das Kreuzzeichen über die ihm entgegenkommende Schar und befahl ihr so, stehen zu bleiben und die Last niederzusetzen. Da sah man, wie die Armen wunderbarerweise zunächst starr wie Felsen wurden. Als sie mit äußerster Kraftanstrengung vorwärts zu kommen suchten, es aber nicht vermochten, drehten sie sich im Kreise — man mußte lachen. Schließlich gaben sie doch nach und setzten die Leiche nieder. Wie betäubt schauten sie einander an und überdachten stumm, was ihnen denn zugestoßen wäre. Als aber der heilige Mann erfahren hatte, daß es sich um einen Leichenzug, nicht um Götzendienst handle, erhob er wieder seine Hand und gab die Erlaubnis, weiterzuziehen und die Leiche fortzutragen. So hat sein Wille sie zum Halten gezwungen und sein freies Ermessen das Weiterziehen ermöglicht2 .

1: Es ist hier angespielt auf das altrömisehe Staatsfest der Ambarvalia, das alljährlich, meist im Mai, mit feierlichen Umzügen zur Entsühnung und Reinigung der Felder begangen wurde.
2: Einen ähnlichen wunderbaren Vorgang erzählt die Historia monachorum Ml. 21, 414.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger