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Vinzenz v. Lerin († vor 450) - Commonitorium

23. Fortschritt im Glauben.

[28] Aber vielleicht sagt jemand: Wird es also in der Kirche Christi keinen Fortschritt der Religion geben? Gewiß soll es einen geben, sogar einen recht großen. Denn wer wäre gegen die Menschen so neidisch und gegen Gott so feindselig, daß er das zu verhindern suchte? Allein es muß in Wahrheit ein Fortschritt im Glauben sein, keine Veränderung. Zum Fortschritt gehört nämlich, daß etwas in sich selbst zunehme, zur Veränderung aber, daß etwas aus dem einen sich in ein anderes verwandle. Wachsen also und kräftig zunehmen soll sowohl bei den einzelnen als bei allen, sowohl bei dem einen Menschen als in der ganzen Kirche, nach den Stufen des Alters und der Zeiten, die Einsicht, das Wissen und die Weisheit, aber lediglich in der eigenen Art, nämlich in derselben Lehre, in demselben Sinne und in derselben Bedeutung.

[29] Die Religion der Seelen soll die Art der Leiber nachahmen, die im Verlauf der Jahre wohl ihre Teile entfalten und entwickeln, aber doch dieselben bleiben, die sie waren. Es ist ein großer Unterschied zwischen der Blüte der Kindheit und der Reife des Alters; aber die Greise sind dieselben, die sie als Jünglinge waren, so daß wohl die Größe und das Aussehen eines und desselben Menchen sich ändert, nichtsdestoweniger aber die Natur und die Person dieselbe bleibt. Klein sind die Glieder der Säuglinge, groß die der Jünglinge, doch sind sie die nämlichen; so viele Gliedmaßen der Knabe hatte, so viele hat auch der Mann, und wenn es Glieder gibt, die erst im reiferen Alter hervorkommen, so waren sie doch schon keinartig vorhanden, so daß nachher beim Greise nichts Neues sich zeigt, was nicht vorher beim Knaben schon verborgen gewesen wäre. Daher ist ohne Zweifel die gesetzmäßige und richtige Norm des Fortschritts, die feststehende und schönste Ordnung des Wachstums diese, daß die Zahl der Jahre immer bei den Erwachsenen die Teile und Formen ausgestaltet, welche schon bei den Kleinen die Weisheit des Schöpfers grundgelegt hatte. Sollte die menschliche Gestalt sich später in ein fremdartiges Gebilde verwandeln oder doch etwas der Zahl der Glieder beigefügt oder davon weggenommen werden, so müßte der ganze Leib entweder zugrunde gehen oder verunstaltet oder wenigstens geschwächt werden. So muß auch die Lehre der christlichen Religion diesen Gesetzen des Fortschrittes folgen, daß sie mit den Jahren gefestigt, mit der Zeit erweitert und mit dem Alter verfeinert werde, dabei jedoch unverdorben und unversehrt bleibe und in dem gesamten Umfang ihrer Teile, sozusagen an allen ihr eigentümlichen Gliedern und Sinnen, vollständig und vollkommen sei, außerdem keine Veränderung zulasse, keine Beeinträchtigung ihrer Eigentümlichkeit und keine Veränderung ihres Wesens erleide.

[30] Hierfür ein Beispiel. Unsere Vorfahren haben vor Zeiten auf dem Saatfelde der Kirche die Samen des Glaubensweizens ausgestreut. Es wäre nun sehr unrecht und unpassend, wenn wir, ihre Nachkommen, statt der echten Wahrheit des Getreides den untergeschobenen Irrtum des Unkrautes einsammelten. Im Gegenteil, es wäre das Richtige und Entsprechende, daß wir, da Anfang und Ende sich nicht widersprechen dürfen, von dem Wachstum der Weizenunterweisung auch die Frucht des Weizendogmas einernten, so daß, wenn sich etwas von jenem uranfänglichen Samen im Laufe der Zeit entwickelt, dasselbe jetzt grünt und zur Reife gelangt, an der Eigentümlichkeit des Keimes sich aber nichts ändert; Aussehen, Gestalt und Bestimmtheit mögen neu werden, das Wesen der Arten aber muß dasselbe bleiben. Denn fern sei es, daß sich jene Rosenpflanzung des katholischen Sinnes in Disteln und Dornen verwandle; ferne sei es, sage ich, daß in diesem geistigen Paradiese von Zimmet- und Balsamreisern plötzlich Lolch und Giftkräuter hervorkommen. Was also in dieser Pflanzung der Kirche Gottes durch den Glauben der Väter gesät worden ist, das soll durch den Fleiß der Kinder ausgebildet und gepflegt werden, es soll blühen und gedeihen, wachsen und zur Vollendung kommen. Denn es gehört sich, daß jene alten Lehrsätze einer himmlischen Philosophie im Verlaufe der Zeit weiter ausgebildet, gefeilt und geglättet werden; aber es ist unzulässig, daß sie verändert, unzulässig, daß sie entstellt, unzulässig, daß sie verstümmelt werden; sie mögen an Deutlichkeit, Licht und Klarheit gewinnen, aber sie müssen ihre Vollständigkeit, Reinheit und Eigentümlichkeit behalten. == [31] Denn wenn einmal eine solche Willkür gottlosen Betruges zugelassen würde, so würde, ich sage es mit Schrecken, die größte Gefahr der Zerstörung und Vernichtung der Religion die Folge sein. Denn wird einmal auch nur ein kleiner Teil der katholischen Glaubenslehre aufgegeben, so wird auch ein anderer und dann wieder ein anderer und zuletzt einer nach dem anderen wie gewohnheits- und rechtmäßig aufgegeben werden. Wenn aber die einzelnen Teile verworfen werden, was anders wird dann die letzte Folge sein, als daß das Ganze zugleich verworfen wird? Auf der anderen Seite aber muß, wenn man anfängt, Neues mit Altem, Auswärtiges mit Einheimischem, Unheiliges mit Heiligem zu vermengen, diese Unsitte auf das Ganze hinübergreifen, so daß hernach nichts in der Kirche unberührt, nichts unverletzt, nichts unversehrt, nichts makellos gelassen wird, vielmehr in der Folgezeit dort eine Schandstätte gottloser und häßlicher Irrtümer ist, wo vorher ein Heiligtum keuscher und unversehrter Wahrheit war. Aber diesen Frevel möge von den Herzen der Seinigen die Barmherzigkeit Gottes abwenden, dieser Wahn möge vielmehr den Gottlosen überlassen bleiben!

[32] Die Kirche Christi aber, die eifrige und sorgsame Wächterin der bei ihr hinterlegten Glaubenslehren, ändert an ihnen niemals etwas, nimmt nichts hinweg und tut nichts hinzu; sie schneidet Notwendiges nicht ab und fügt Überflüssiges nicht bei; sie läßt das Ihrige nicht fahren und eignet sich Fremdes nicht an; sie ist vielmehr mit aller Sorgfalt nur darauf bedacht, das Alte treu und weise zu verwalten, und zwar das, was von alters her ungeformt und keimhaft überliefert war, genauer zu gestalten und zu feilen, was schon gehörig ausgedrückt und entwickelt war, zu kräftigen und zu sichern, was schon klar- und festgestellt war, zu bewahren. Was hat sie denn auch je anderes durch die Beschlüsse der Konzilien bezweckt, als daß das, was früher mit Einfalt hingenommen wurde, später mit mehr Bestimmtheit geglaubt werde; was früher lässiger gepredigt wurde, später nachdrücklicher verkündigt werde; was man früher ruhig bewahrte, später sorgsamer ausgebildet werde? Das und nichts anderes, sage ich, hat die katholische Kirche immer, durch die Neuerungen der Häretiker veranlaßt, mit ihren Konzilsbeschlüssen erreicht, daß sie das, was sie früher von den Vorfahren nur durch mündliche Überlieferung empfangen hatte, später den Nachkommen auch schriftlich und urkundlich hinterließ, indem sie in wenige Worte vieles zusammenfaßte und oft zum Zwecke des klareren Verständnisses einen nicht neuen Glaubenssinn mit einem passenden neuen Ausdruck bezeichnete1 .

1: der Verfasser denkt an Ausdrücke wie "wesensgleich" und „Gottesgebärerin"

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger