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Vinzenz v. Lerin († vor 450) - Commonitorium

21. Neuerungen im Glauben sind unstatthaft nach 1 Tim. 6, 20.

[26] Unter diesen Umständen kann ich, wenn ich das Gesagte immer wieder betrachte und erwäge, mich nicht genug wundern über den so großen Wahnsinn einiger Menschen, über die so große Gottlosigkeit ihres verblendeten Sinnes und endlich über ihre so große Neigung zum Irrtume, daß sie nicht zufrieden sind mit der überlieferten und einmal vor alters angenommenen Glaubensregel, sondern immer wieder nach Neuem suchen, immer darauf sinnen, der Religion etwas beizufügen, daran zu ändern oder davon wegzunehmen, als wäre es nicht eine himmlische, ein für allemal geoffenbarte Lehre, sondern eine irdische Einrichtung, die nur durch beständige Verbesserung oder vielmehr Kritik zur Vollendung gebracht werden könnte, während doch die göttlichen Aussprüche laut verkünden: Verrücke nicht die Grenzsteine, die deine Väter gesetzt haben1 , und: Über einen Richtenden richte nicht2 , und: Wer Gemäuer niederreißt, den wird die Schlange stechen3 . Dazu kommt jenes apostolische Wort, mit dem wie mit einem geistigen Schwerte allen verruchten Neuerungen aller Häresien oft der Kopf abgeschlagen worden ist und abgeschlagen werden muß: O Timotheus, bewahre die Hinterlage, indem du die heillosen Wortneuerungen und die Gegensätze der fälschlich so genannten Wissenschaft meidest, zu welcher einige sich bekennend vom Glauben abgefallen sind4 . Und trotzdem finden sich Menschen von so frecher Stirne, von so eiserner Verwegenheit und von so diamantharter Starrsinnigkeit, daß sie einer solchen Masse göttlicher Aussprüche nicht erliegen, unter solcher Wucht nicht zusammenbrechen, durch so schwere Hämmer nicht zermalmt, durch so schreckliche Blitze nicht niedergeschmettert werden. Meide, heißt es, die heillosen Wortneuerungen; er sagte nicht: das Altertum, nicht: die alten Lehren; er deutete vielmehr klar an, was aus dem Gegenteil folgt; denn wenn die Neuerung zu meiden ist, so ist am Altertum festzuhalten; wenn die Neuerung unheilig ist, so sind die alten Lehren geheiligt. Und die Gegensätze, heißt es, der fälschlich so genannten Wissenschaft; in Wahrheit ein falscher Name für die Lehren der Häretiker, daß die Unwissenheit als Wissenschaftlichkeit, die Dunkelheit als Aufklärung, die Finsternis als Licht ausgegeben wird. Zu der einige, heißt es, sich bekennend vom Glauben abgefallen sind. Zu was anders bekannten sie sich und fielen ab, als zu irgendeiner neuen und unbekannten Lehre?

Denn man höre nur einige von ihnen reden: Kommt, ihr Unverständigen und Armseligen, die ihr gemeiniglich Katholiken genannt werdet, und lernet den wahren Glauben, den außer uns niemand kennt, der früher jahrhundertelang verborgen blieb, kürzlich aber geoffenbart und ans Licht gezogen wurde. Aber lernet ihn verstohlen und in der Stille, denn er wird euch Freude machen; und wenn ihr ihn gelernt habt, lehret ihn ebenso heimlich, damit die Welt es nicht höre und die Kirche nicht wisse; denn nur wenigen ist es gegeben, ein so verborgenes Geheimnis zu fassen. Sind das nicht die Worte jener Buhlerin, die in den Sprichwörtern Salomons die am Wege Vorübergehenden, die ihre Straße wandeln, zu sich ruft? Wer unter euch, sagt sie, recht unwissend ist, kehre bei mir ein. Die aber arm an Geist sind, ladet sie also ein: Nach geheimen Broten langet mit Wohlgefallen, und süßes Wasser trinket verstohlen. Aber jener, heißt es weiter, weiß nicht, daß die Erdenkinder bei ihr zugrunde gehen5 . Wer sind diese Erdenkinder? Der Apostel mag es sagen: Die vom Glauben abgefallen sind6 , sagt er.

1: Spr. 22, 28.
2: Sir. 8, 17.
3: Pred. 10,8. Giftige Schlangen nisten gern in Mauerritzen.
4: 1 Tim. 6, 20 f.
5: Spr 9 15—18, aber frei zitiert. Dieselbe Stelle der Spriohwörter bezieht der hl. Augustinus auf die Manichäer [vgl.III 6, 11].
6: 1 Tim. 6, 21.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger