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Eusebius von Cäsarea († um 340) - Über die Märtyrer in Palästina (De martyribus palaestinae).

VIII.

Es war das sechste Jahr, seit ununterbrochen der Sturm gegen uns tobte. Schon länger schloß das Bergwerk in der Thebais, das seinen Namen nach dem Porphyr trägt, den es zutage fördert, eine außerordentlich große Zahl von Bekennern des Gottesglaubens in sich. Von ihnen wurden nun siebenundneunzig Männer mit Frauen und noch ganz kleinen Kindern an den Statthalter von Palästina gesandt. In der Stadt der Juden1 legten sie das Bekenntnis ab für den Gott des Alls und für Christus; dafür ließ ihnen der als Nachfolger des Urbanus dorthin entsandte Statthalter Firmilianus, vorgeblich im Auftrage des Kaisers, das Kniegelenk des linken Fußes mitsamt den Sehnen mit Brenneisen durchschneiden und außerdem das rechte Auge mitsamt dem Häutchen und der Pupille mit dem Schwerte ausstechen, darauf vollständig bis auf die Wurzeln mit glühenden Eisen ausbrennen und so unbrauchbar machen. Sodann sandte er sie in die Bergwerke der Provinz, um sie dort in Arbeit und Not verkommen zu lassen. Und nicht allein sie, auch die Palästinenser mußte man solches leiden sehen, die, wie kurz vorher bemerkt, zum Faustkampf verurteilt worden waren. Da sie weder die Speisen aus der kaiserlichen Kammer kosteten, noch den für den Faustkampf notwendigen Vorübungen sich unterzogen, mußten sie nicht nur vor den Aufsehern und Prokuratoren, sondern auch vor Maximinus selbst erscheinen. Allein sie ertrugen Hunger und duldeten Geißelstreiche und bewährten aufs herrlichste ihre Standhaftigkeit im Bekenntnisse. Sie teilten das Geschick der schon Genannten, gemeinsam mit einigen anderen Bekennern aus Cäsarea selbst, die ihnen beigesellt wurden. Und gleich nach ihnen hatten einige, die in der Stadt Gaza bei der Lektüre der heiligen Schriften betroffen worden waren, teils die gleichen Verstümmelungen an Füßen und Augen zu leiden wie die Erstgenannten, teils sogar noch größere, indem ihnen in der schrecklichsten Weise durch Folterwerkzeuge die Seiten aufgerissen wurden. Eine von ihnen, dem Leibe nach ein Weib, dem Mute nach ein Mann, vermochte die Drohung der Entehrung nicht zu ertragen und ließ eine harte Bemerkung gegen den Tyrannen fallen, daß er das Amt in die Hände von solch rohen Richtern gelegt: sie wurde zuerst gepeitscht, dann auf das Folterholz gehoben und an den Seiten zerfleischt. Als nun die Henker nach dem Befehl des Richters lange Zeit die furchtbare Folterung fortsetzten, brachte es eine andere, die gleich der ersten das Gelübde der Jungfräulichkeit auf sich genommen, nicht mehr über sich, das erbarmungslose, rohe und unmenschliche Tun mitanzusehen. In ihrem anscheinend völlig schwachen Körper und unscheinbaren Äußern lebte eine starke Seele und ein den Körper überragender Geist. Kühner noch als die berühmten von den Hellenen gefeierten Kämpfer für Freiheit rief sie mitten aus der Menge heraus den Richter an: „Wie lange noch marterst du so grausam meine Schwester?“ Dadurch noch mehr gereizt, ließ der Richter das Mädchen sofort ergreifen. Man schleppte sie vor ihn. Und als sie den erhabenen Namen des Heilandes bekannt, suchte man sie zuerst durch Zureden zum Opfern zu bestimmen, und als sie nicht Folge leistete, ward sie gewaltsam zum Altar geschleift. Unsere Schwester aber blieb ruhig und bewahrte die zuerst gezeigte Entschlossenheit. Furchtlos und mutig streckte sie ihren Fuß gegen den Altar aus und stieß ihn um mitsamt dem Feuer, das darauf loderte. Da geriet der Richter in Wut wie ein wildes Tier; sofort ließ er ihr noch mehr als allen durch eiserne Krallen die Seiten zerreißen, gleich als ob er sich geradezu sättigen wollte an ihrem blutenden Fleische. Und als ihn endlich doch Ekel an seinem wahnsinnigen Tun erfaßte, ließ er beide zusammen binden, die letztgenannte mit der andern, die sie Schwester genannt hatte, und verurteilte sie zum Feuertode. Die erstere soll aus dem Gebiet der Stadt Gaza stammen2 ; die letztere aber, muß man wissen, stammte aus Cäsarea; viele haben sie gekannt; ihr Name war Valentina. Und wie könnte ich sodann das Martyrium würdig schildern, mit dem der dreimal selige Paulus begnadet ward? Er wurde in der gleichen Stunde und unter dem gleichen Richterspruch verurteilt, wie die beiden Jungfrauen, bat aber noch bei der Hinrichtung den Henker, der schon zum Schlage ausholen wollte, ihm eine kurze Frist zu gewähren. Und als sie ihm gegeben worden, begann er mit klarer und vernehmbarer Stimme Gott im Gebete um Gnade anzuflehen; zunächst betete er für die Glaubensgenossen, auf daß ihnen bald Freiheit geschenkt werde; dann betete er für die Juden um Bekehrung zu Gott durch Christus; und er betete weiter um das gleiche für die Samariter; und er betete, es möchten auch die Heiden, die noch im Irrtum und in Unwissenheit von Gott dahin leben, zu seiner Erkenntnis gelangen und die wahre Religion annehmen; und er vergaß dabei auch die Volksmenge nicht, die bunt zusammengewürfelt um ihn stand. Nach all diesen betete er auch — welch ein unendlicher Reichtum von Liebe liegt darin! — für den Richter, der das Todesurteil gesprochen, für die über alle gesetzten Herrscher, und schließlich noch für den Henker, der ihm gleich das Haupt abschlagen sollte, so daß dieser selbst und alle Anwesenden es hörten, aufs innigste zum Gott des Alls, es möge ihnen das, was sie ihm angetan, in keiner Weise angerechnet werden. So und ähnlich betete er mit lauter Stimme und rührte dadurch geradezu alle in der Empfindung, daß er zu Unrecht den Tod erleiden müsse, zu Tränen des Mitleids. Er aber machte sich so, wie es Vorschrift war, bereit, bot seinen entblößten Nacken dem Schwerte dar und wurde so mit dem Martyrium für Gott gekrönt, am fünfundzwanzigsten Tage des Monats Panemos, das ist am achten Tage vor den Kalenden des August3 . Das war der Tod, der den Genannten beschieden war. Nicht lange nachher wurden abermals aus Ägypten einhundertdreißig bewundernswerte Kämpfer für den Glauben an Christus, die schon in Ägypten auf Befehl des Maximian die gleichen Martern wie die vorgenannten an den Augen und den Füßen durchgemacht, teils den Genannten zugesellt, die in den Bergwerken von Palästina arbeiteten, teils denen, die in die Bergwerke von Cilicien verurteilt worden waren.

1: Die längere Fassung [S] bietet: In Palästina gibt es eine große, volkreiche Stadt, deren Einwohner sämtlich Juden sind [aramäisch Lud] , griechisch Diocäsarea genannt. In diese Stadt zog der Statthalter Firmilianus und brachte dorthin die ganze Schar jener hundert Märtyrer. Das war ein großes Schauspiel, wert eines schriftlichen Angedenkens. Die Juden waren Zuschauer bei diesem wunderbaren Kampfe, umstanden das Tribunal von allen Seiten und sahen mit eigenen Augen, sich zum Vorwurf, mit an, wie die Bekenner samt und sonders in großem Vertrauen und unbegrenztem Mute den Gesalbten Gottes bekannten. Da die Juden, welche den Gesalbten, der ihnen vorher von den Propheten verkündet war, und auf den ihre Väter gehofft hatten, nicht aufnahmen, als er kam, — dort die Ägypter, welche zuvor Feinde Gottes gewesen waren; sie bekannten Gott, den Herrn des Alls, und den Aufgang aus ihm mit Freuden unter ihren Drangsalen. Die Ägypter, welche von ihren Vätern nur gelernt hatten, die Götzen zu verehren, gingen zu jener Zeit auf Entscheidung ihres Gewissens hin in den Kampf dafür, den Götzen nicht dienen zu müssen, jene Juden aber, welche von den Propheten täglich des Götzendienstes geziehen wurden, standen herum, sahen und hörten zu, wie die Ägypter ihrer Väter Götter verleugneten, denselben Gott bekannten wie auch sie und für den Zeugnis ablegten, welchen sie oftmals verleugnet hatten. Noch mehr traf es sie und schnitt es ihnen ins Herz, als sie die Herolde des Statthalters die Ägypter laut mit hebräischen Namen und Prophetenbenennungen anrufen hörten. Denn der Herold nannte sie laut: Elia, Isaia, Jeremia, Daniel und anderes in ähnlicher Art, Namen, welche ihre Väter aus den hebräischen ausgesucht hatten, um ihre Söhne nach den Propheten zu benennen. So traf es sich, daß ihre Namen mit ihren Handlungen übereinstimmten. Über sie, ihre Namen, Worte und Taten erstaunten die Juden sehr und kamen mit ihrer Schlechtigkeit und ihrer Verleugnung in Verachtung. Ich glaube aber, daß dies nicht ohne Gottes Willen geschah. Nach dieser Musterung aber beraubte man sie des Gebrauches des linken Beines etc
2: Die längere Fassung [S] nennt sie Ennatha, vgl. aber c. 9 S. 24 Anm. 3.
3: 25. Juli 308.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger