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Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Teppiche (Stromateis).
Zweites Buch
XXI. Kapitel

130.

1. Wir dürfen uns aber nicht mit diesen Angaben begnügen und hier Schluß machen, sondern müssen es als eine Ehrensache ansehen, soviel wie möglich auch die Lehren der Naturphilosophen über die vorliegende Frage vorzutragen.

2. Was nun den Anaxagoras von Klazomenai betrifft, so soll er die wissenschaftliche Betrachtung und die aus ihr entspringende innere Freiheit als Ziel des Lebens angegeben haben;1 Herakleitos von Ephesos soll dagegen die Zufriedenheit als solches genannt haben.23. Von Pythagoras erzählt Herakleides Pontikos. er habe gelehrt, das Wissen von der Vollkommenheit der Zahlenverhältnisse der Seele sei Glückseligkeit.3

4. Aber auch die Abderiten lehren, daß es ein höchstes Ziel gebe, und zwar Demokritos in seiner Schrift "Über das höchste Ziel" das Wohlgemutheit ((xxx) euthymia), das er auch als Wohlbefinden ((xxx) euesta) bezeichnete; und häufig fügt er noch hinzu: "Vergnügen und Mißvergnügen ist der Maßstab für das Zuträgliche und Unzuträgliche, der als höchstes Ziel für das Leben der Menschen, sowohl der Jungen als auch [S. 244] der Erwachsenen, gilt."4

5. Hekataios aber nennt als Ziel die Selbstgenügsamkeit,5 und Apollodotos6 von Kyzikos das Vergnügen der Seele ((xxx) psychagogia),7 ähnlich wie Nausiphanes die durch nichts zu erschütternde Gemütsruhe ((xxx) akatapläxia); denn diese werde, sagte er, von Demokritos Unverblüfftheit ((xxx) athambiä) genannt.8

6. Ferner bezeichnete außerdem Diotimos als höchstes Ziel die Vollendung (den höchst möglichen Grad) der Güter, die Wohlbefinden ((xxx) euesto) genannt werde.9

7. Wiederum nannte Antisthenes als Ziel das Freisein von Dünkel ((xxx) atyphia);10 die sogenannten Annikereier dagegen von der Kyrenaischen Philosophenschule setzten nichts Bestimmtes als höchstes Ziel des ganzen Lebens fest, sagten vielmehr, daß das besondere Ziel jeder einzelnen Handlung die aus dieser Handlung erwachsende Lust sei.11

8. Diese Kyrenaiker verwarfen die Begriffsbestimmung, die Epikuros von der Lust gab, daß sie nämlich die Abwesenheit des Schmerzenden sei, und nennen dies den Zustand eines Toten; denn wir empfänden Freude nicht nur über Lusterregungen, sondern auch über geselligen Verkehr und über Ehrungen.12

9. Epikuros aber glaubt, keine Freude der Seele könne entstehen, ohne daß zuerst das Fleisch etwas empfinde.13

1: Vgl. Anaxagoras A 29 Diels, Vorsokr. 5. Aufl. I 149,24; Fr. 110 Diels.
2: Herakleitos A 21 Diels, Vorsokr. 5. Aufl. II 13,10.
3: Vgl. Herakleides Pontikos Fr. 13 Voß; Pythagoras Sent. 8 Mullach FPG I p. 500.
4: Demokritos Fr. 4 Diels; die Übersetzung schließt sich an seine aus Stob. Flor. 3,35 genommene Ergänzung an.
5: Hekataios von Abdera Fr. 20 FHG II p. 396; A 4 Diels, Vorsokr. 5. aufl. II 240,20.
6: Gemeint ist Appolodoros.
7: Appolodoros von Kyzikos A 1 Diels, Vorsokr. 5. Aufl. II 246,2.
8: Nausiphanes Fr. 3 Diels a.a.O. 250,16; DemokritosFr. 188 Diels.
9: Diotimos A 2 Diels a.a.O. 250,24.
10: Antisthenes Fr. 59 Mullach FPG II p. 284.
11: Vgl. E. Zeller, a.a.O. II 1, 4. Aufl. S. 381.
12: Vgl. Usener, Epicurea p. 293,28 ff.
13: Epikuros Fr. 451 Usener.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger