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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
22. Buch

8. Wunder sind nicht bloß geschehen, um die Welt zum Glauben an Christus zu bringen, sie geschehen immer noch, auch seitdem die Welt gläubig geworden.

Man sucht uns in die Enge zu treiben mit der Frage, warum denn jetzt keine solchen Wunder geschehen, wie sie sich ehedem nach unserer Versicherung zugetragen hätten. Ich könnte darauf erwidern, sie seien notwendig gewesen, als die Welt noch nicht zum Glauben übergegangen war, damit sie sich zum Glauben bekehre. Wer immer noch Wunder braucht, um sich zum Glauben zu entschließen, ist selber eine gar wunderliche Erscheinung, da er nicht glaubt, wo alle Welt glaubt. Allein jene Frage hat einen anderen Zweck: man will damit die Tatsächlichkeit der Anfangswunder in Frage stellen. Wie kommt es dann aber, daß Christi leibliche Himmelfahrt allüberall mit so lebhaftem Glauben gefeiert wird? Wie kommt es, daß in einer aufgeklärten Zeit, die alles Unmögliche von sich weist, die Welt ohne jegliches Wunder so wunderbarerweise das Unglaubliche gläubig hingenommen hat? Wird man sich darauf hinausreden, daß es sich ja um glaubhafte Dinge handle und man sie deshalb gläubig hingenommen habe? Warum glaubt man dann nicht selbst auch? Wir können also kurz zusammenfassend sagen: Entweder haben für etwas Unglaubliches, was man nicht mit Augen sah, andere unglaubliche Dinge, die sich jedoch wirklich zutrugen und vor Augen standen, Glauben erweckt; oder es handelt sich um etwas so Glaubhaftes, daß keine Wunder nötig waren, um Glauben dafür zu erwecken, und dann fällt die übertriebene Ungläubigkeit der Gegner in sich selbst zusammen. Das soll indes nur der Zurückweisung solcher Schwätzer dienen. Denn daß sich in der Tat viele Wunder zugetragen haben zum Zeugnis für jenes gewaltige Heilswunder der Himmelfahrt Christi in seinem Auferstehungsleib, können wir ja gar nicht in Abrede stellen. In den gleichen, durchaus wahrhaften Schriften ist alles verzeichnet, sowohl das, was sich zugetragen hat, wie auch die Glaubenswahrheit, zu deren Bestätigung es sich zugetragen hat. Diese Geschehnisse sind bekannt geworden, um Glauben zu erwecken, sie werden hinwieder noch viel herrlicher bekannt durch den Glauben, den sie erweckt haben. Man verliest sie bei den Völkern, damit man daran glaube, und verliest sie doch nur, weil man daran glaubt. Denn auch jetzt noch geschehen Wunder im Namen Christi, sei es durch seine Sakramente oder durch die Gebete und Reliquien seiner Heiligen; sie treten nur nicht so ans Licht, daß sie mit so strahlendem Ruhm wie die Anfangswunder sich verbreiteten. Durch den Kanon der heiligen Schriften, der einmal abgeschlossen werden mußte, ist dafür gesorgt, daß die Anfangswunder überall verlesen werden und sich bei allen Völkern ins Gedächtnis prägen; die dermaligen Wunder dagegen kennt man selbst da, wo sie sich zutragen, kaum in der ganzen Stadt oder am ganzen Orte der Begebenheit. Meist wissen auch da nur ganz wenige darum, besonders wenn es sich um eine große Stadt handelt; und wenn man derlei Wunder außerhalb dieses Kreises erzählt, so kommt ihnen doch nicht solches Gewicht zu, daß man ohne Anstand oder Zweifel Glauben dafür fände, wenn schon die Mitteilung an Christgläubige gerichtet ist und von solchen ausgeht.

Immerhin vermochte ein Wunder der Blindenheilung, das sich in Mailand begab während meines dortigen Aufenthaltes, zur Kenntnis weiter Kreise zu gelangen: die Stadt ist gewaltig groß, der Kaiser war eben anwesend, und das Ereignis trug sich zu in Gegenwart einer unermeßlichen Volksmenge, die bei den Leibern der Märtyrer Gervasius und Protasius zusammengeströmt war; diese Leiber waren nämlich verborgen gewesen und völlig in Vergessenheit geraten, da wurden sie dem Bischof Ambrosius in einem Traumgesicht gezeigt und dann aufgefunden; bei dieser Gelegenheit sah der erwähnte Blinde nach langer Blindheit das Tageslicht wieder.

Aber wer weiß in Karthago etwas von der Heilung des Innocentius, eines ehemaligen Rechtsbeistandes der Vikariatspräfektur? Sicher nur ganz wenige. Ich war dabei und sah den Vorgang mit eigenen Augen. Innocentius, sehr fromm wie er war samt seinem ganzen Hause, hatte mich und meinen Bruder Alypius, die wir gerade über See her kamen, noch nicht Kleriker, jedoch schon dem Dienste Gottes ergeben, bei sich aufgenommen; wir wohnten damals bei ihm. Er stand in ärztlicher Behandlung wegen Hohlgeschwüren, deren er zahlreiche und verwachsene am rückwärtigen und unteren Teile des Leibes hatte. Die Ärzte hatten ihn bereits operiert und waren eben daran, ihre Kunst weiterhin mit Arzneien zu versuchen. Beim Schneiden hatte er langwierige und heftige Schmerzen zu erdulden gehabt. Gleichwohl war eines der vielen Geschwüre den Ärzten entgangen; sie waren gar nicht darauf gestoßen, und hätten es doch mit dem Messer öffnen sollen. Und so blieb dieses eine Geschwür zurück, während alle anderen heilten, denen sie durch Aufschneiden beigekommen waren, und umsonst bemühte man sich um das zurückgebliebene. Die Verzögerung der Heilung kam dem Kranken verdächtig vor, und er hatte große Angst, man werde ihn noch einmal schneiden [sein Hausarzt, den die behandelnden Ärzte bei der ersten Operation nicht einmal hatten zusehen lassen, wie sie es machten, hatte ihm dies vorausgesagt, und Innocentius hatte ihn dann voll Zorn aus dem Hause gejagt und war kaum dazu zu bringen gewesen, ihn wieder anzunehmen]; da fragte er gerade heraus: Wollt ihr mich nochmal schneiden? Soll es wirklich zu dem kommen, was mein Hausarzt gesagt hat, den ihr nicht habt zugegen sein lassen? Aber die Ärzte hatten nur ein spöttisches Lächeln für den unerfahrenen Berufsgenossen und beschwichtigten die Angst des Kranken mit gütlichen Worten und Versicherungen. Wieder ging Tag um Tag vorüber, und nichts wollte helfen, was auch geschah. Doch die Ärzte blieben bei ihrer Aussage, sie würden dieses Geschwür nicht durch Schneiden, sondern durch Arzneien schließen. Sie zogen noch einen weiteren, schon hochbetagten Arzt bei, der in solcher Kunst einen bedeutenden Namen hatte, den damals noch lebenden Ammonius, der nach Besichtigung der Stelle der nämlichen Hoffnung Raum gab wie die anderen im Hinblick auf deren Eifer und Geschicklichkeit. Durch den Ausspruch dieser maßgebenden Persönlichkeit sicher gemacht, stichelte der Kranke in heiterer Laune, als wäre er schon geheilt, seinen Hausarzt, der von der Notwendigkeit einer zweiten Operation gesprochen hatte. Um es kurz zu machen: es gingen so viel Tage ohne alle Besserung dahin, daß die Ärzte schließlich mürbe wurden und beschämt eingestanden, der Kranke könne nur durch erneute Anwendung des Messers geheilt werden. Da erschrak er und wurde kreideweiß vor Angst, und als er seiner wieder mächtig war und sprechen konnte, entließ er die Ärzte und wollte sie nicht mehr sehen. Vom Weinen geschwächt und nun schon einmal vor die unausweichliche Notwendigkeit gestellt, wußte er keinen anderen Ausweg, als einen Arzt aus Alexandrien kommen zu lassen, der damals für einen außerordentlich geschickten Chirurgen galt, damit dieser die Operation vornehme, die er in seinem Zorn die bisherigen Ärzte nicht wollte vornehmen lassen. Als aber der kam und an den Narben die Leistung seiner Vorgänger mit fachmännischem Blick geprüft hatte, redete er als ein Ehrenmann dem Kranken zu, er möge die vorigen Ärzte, die sich erstaunlich viel Mühe um ihn gemacht hätten, wie er sich durch Augenschein überzeugt habe, die Behandlung zu Ende führen lassen, indem er noch beifügte, zur Heilung sei in der Tat eine weitere Operation unerläßlich; es widerspreche gänzlich seinen Gepflogenheiten, Männer, deren meisterhafte Leistung, Geschicklichkeit und Sorgsamkeit er an den Narben des Kranken staunend beobachtet habe, wegen der geringen Arbeit, die noch zu tun bleibe, um den so erfolgreichen Abschluß so großer Mühe zu bringen. Da söhnte sich Innocentius mit seinen Ärzten wieder aus, und man kam überein, daß sie in Gegenwart des alexandrinischen Chirurgen das Geschwür, das nun einmal nach der Ansicht aller nur so als heilbar galt, mit dem Messer öffnen sollten. Doch verschob man die Operation auf den folgenden Tag. Als sich aber die Ärzte entfernt hatten, erhob sich infolge des großen Kummers des Herrn im ganzen Hause ein solches Wehegeschrei, daß es wie eine Totenklage von uns kaum beschwichtigt werden konnte. Besuch von heiligen Männern erhielt der Kranke täglich; es kamen der damalige Bischof von Uzali, Saturninus seligen Andenkens, der Priester Gulosus und die Diakonen der Kirche von Karthago, darunter auch als der einzig noch lebende der jetzige Bischof Aurelius — mit gebührender Verehrung nenne ich ihn —, mit dem ich, wenn wir Gottes wunderbare Fügungen uns ins Gedächtnis riefen, oft über dieses Vorkommnis gesprochen habe, und er erinnert sich sehr wohl dessen, was ich da erzähle. Als sie ihn wie gewöhnlich am Abend besuchten, beschwor er sie unter Tränen, sie möchten doch am nächsten Morgen anwesend sein und ihm beistehen, nicht so fast in seinem Schmerze als vielmehr bei seinem Tode. Es hatte ihn infolge der vorigen Peinen eine solche Angst befallen, daß er nicht zweifelte, er werde unter den Händen der Ärzte sterben. Da trösteten sie ihn und ermahnten ihn, er solle auf Gott vertrauen und dessen Willen mit Mannesmut über sich ergehen lassen. Hierauf fingen wir zu beten an; dabei ließen wir uns der Sitte gemäß auf die Knie nieder und beugten uns zur Erde, Innocentius aber warf sich der Länge nach zu Boden, wie wenn ihn jemand gewaltsam hingestreckt hätte, und begann zu beten; aber wie, mit welcher Inbrunst, mit welcher Gemütserschütterung, mit welchem Strom von Tränen, mit welchem Seufzen und Schluchzen, das all seine Glieder erschütterte und ihm beinahe den Atem benahm, das beschreibe, wer kann. Ob die anderen noch zu beten vermochten, ob ihre Aufmerksamkeit nicht auf diesen Vorgang abgelenkt wurde, das wußte ich nicht. Ich jedenfalls war völlig außerstande zu beten; ich konnte nur das eine kurz in meinem Herzen sprechen: „Herr, welche Bitten der Deinen wirst Du überhaupt erhören, wenn Du diese nicht erhörst.“ Es schien mir nur dadurch noch höher getrieben werden zu können, daß er im Gebet seine Seele ausgehaucht hätte. Wir erhoben uns und entfernten uns nach Empfang des bischöflichen Segens, wobei der Kranke nochmals um den Besuch am nächsten Morgen bat und wir ihn zum Gleichmut ermahnten. Der gefürchtete Tag brach an, die Diener Gottes trafen ein, wie sie es versprochen hatten, die Ärzte kamen, es wurde alles bereitgestellt, was die Stunde forderte, man holt die schrecklichen Werkzeuge hervor, während alle in banger Erwartung wie betäubt sind. Durch Trostworte richten den sinkenden Mut des Kranken die auf, deren Zuspruch ein besonderes Gewicht hat; unterdessen legt man ihn im Bette handgerecht für die Operation, man löst den Verband und macht die Stelle frei, der Arzt sieht nach und sucht das aufzuschneidende Geschwür mit dem Messer in der Hand aufmerksam. Er forscht mit den Augen, er tastet mit den Fingern, er sucht, wie er nur kann, und was findet er? Eine ganz festgewordene Narbe! Diese Freude jetzt und der Lobpreis des barmherzigen und allmächtigen Gottes, der Dank gegen ihn, wie das aus aller Mund unter Freudentränen sich ergoß, das erlasse man mir, mit Worten zu schildern; es läßt sich besser vorstellen als aussprechen.

Ebenfalls in Karthago war es, wo Innocentia, eine sehr gottesfürchtige Frau aus den ersten Kreisen der Stadt, an Brustkrebs litt, einem Übel, das sich nach Aussage der Ärzte durch Arzneien überhaupt nicht beseitigen läßt. Es wird deshalb gewöhnlich das Glied, woran er sich zeigt, weggeschnitten und vom Körper abgesondert, oder es ist, angeblich nach einem Ausspruch des Hippokrates, jeder Heilversuch zu unterlassen, was dann zur Folge hat, daß man zwar noch eine Zeitlang lebt, aber doch schließlich an dem Übel stirbt. Diesen Bescheid hatte sie von einem erfahrenen und ihrem Hause sehr befreundeten Arzt erhalten und sich an Gott allein im Gebete gewendet. Da ergeht an sie beim Herannahen des Osterfestes im Schlafe die Aufforderung, beim Taufbrunnen auf der Frauenseite acht zu haben und sich von der ersten Getauften, die an ihr vorüberkomme, die kranke Stelle mit dem Zeichen Christi bezeichnen zu lassen. So tat sie, und sofort trat Gesundung ein. Der Arzt übrigens, der ihr geraten hatte, keinerlei Heilverfahren anzuwenden, wenn sie ihr Leben etwas verlängern wolle, überzeugte sich durch Augenscheinnahme von ihrer völligen Genesung, wie er vorher auf gleichem Wege das Vorhandensein des Übels festgestellt hatte, und drang nun in sie, sie möchte ihm mitteilen, was «für ein Heilverfahren» sie angewendet habe; vermutlich wollte er das Mittel kennen lernen, durch das man die Erklärung des Hippokrates aus dem Felde schlagen könne. Als er den Hergang von ihr vernommen, soll er in scheinbar verächtlichem Tone und mit einer Miene, daß die Matrone fürchtete, er möchte am Ende ein Schmähwort gegen Christus vorbringen, mit artiger Gewandtheit erwidert haben: „Ich hatte vermeint, du würdest mir etwas Großes mitteilen.“ Und da sich die Frau schon entsetzen wollte darüber, fügte er sofort bei: „Was hat Christus da Bedeutendes getan mit der Heilung eines Krebsgeschwüres, da er doch einen Toten nach vier Tagen auferweckt hat?“ Davon hörte ich und ärgerte mich sehr, daß ein so bedeutendes Wunder, das sich in dieser Stadt und an dieser doch nicht unbekannten Person zugetragen hatte, so ganz verborgen bleibe; ich. glaubte deshalb der Frau Vorstellungen, ja beinahe Vorwürfe machen zu sollen. Sie erwiderte mir, sie habe davon nicht geschwiegen, worauf ich mich bei den ihr besonders befreundeten Matronen erkundigte, die gerade zufällig da waren, ob sie schon davon gewußt hätten. Aber sie erwiderten, sie hätten nicht das Geringste gewusst. Ei, ei, sagte ich, so wenig schweigst du, daß nicht einmal so vertraute Freundinnen davon hören. Und weil ich nicht genauer nach dem Hergang gefragt hatte, veranlaßte ich sie nun, den ganzen Fall der Reihenfolge nach, wie er sich zugetragen, vor den anwesenden Frauen mitzuteilen, die sich darüber sehr verwunderten und Gott priesen.

In derselben Stadt lebte ein Arzt, der an Fußgicht litt. Er hatte sich zur Taufe gemeldet. Tags vor der Taufe verwehrten ihm im Schlafe schwarze, gelockte Knaben, in denen er Dämonen erkannte, sich in diesem Jahre taufen zu lassen. Da er sich ihnen nicht willfährig zeigte, traten sie ihn sogar auf die Füße und verursachten ihm einen Schmerz, so heftig, wie er nie einen verspürt hatte. Aber er wurde trotzdem über sie Herr und verschob die heilig versprochene Taufe nicht. Da wurde er nun während des Taufaktes nicht nur die augenblicklichen, ungewöhnlich heftigen Schmerzen los, sondern die Fußgicht überhaupt und hatte fortan während seines ganzen Lebens, das sich noch lang erstreckte, nie mehr Schmerzen an den Füßen. Aber wer weiß davon? Ich allerdings weiß es und einige wenige Mitbrüder, denen Kunde davon zuging.

Ein ehemaliger Schauspieler aus Curubis wurde bei der Taufe von einer Lähmung sowohl wie von unförmlicher Größe der Geschlechtsteile geheilt und stieg aus dem Brunnen der Wiedergeburt herauf, von beiderlei Beschwer so gänzlich befreit, als ob er überhaupt kein Übel an seinem Leibe gehabt hätte. Wer weiß dies außerhalb Curubis und abgesehen von den ganz wenigen, die davon sonst irgendwo zu hören Gelegenheit hatten? Als wir davon erfuhren, ließen wir auf Befehl des heiligen Bischofs Aurelius ihn auch selbst nach Karthago kommen, obwohl wir darüber völlig zuverlässige Nachrichten hatten.

Bei uns lebt Hesperius, ein Mann tribunizischen Standes; er besitzt im Gebiet von Fussala ein Landgut, namens Zubedi. Dort hatte, wie er erfuhr, sein Haus unter feindseliger Gewalt böser Geister zu leiden, die sich äußerte in Heimsuchung seines Viehstandes und seiner Sklaven. Da ersuchte er in meiner Abwesenheit meine Priester, es möchte sich einer dorthin begeben, um die Geister durch seine Gebete zu vertreiben. Es ging auch einer hin, brachte das Opfer des Leibes Christi dar, wobei er nach Kräften betete, daß diese Plage aufhören möge, und sofort hörte sie durch Gottes Erbarmen auf. Hesperius hatte ferner von einem Freunde heilige Erde aus Jerusalem erhalten, von der Stätte, wo Christus begraben ward und am dritten Tage auferstand; diese Erde hatte er in seinem Schlafgemach in freischwebender Lage aufbewahrt, um auch von seiner Person Schlimmes abzuwehren. Als jedoch sein Haus von der erwähnten Anfeindung gereinigt war, wollte er die Erde aus Gründen der Ehrerbietung nicht länger in seinem Schlafgemach haben und dachte nach, was er damit anfangen solle. Zufällig waren gerade ich und mein damaliger Amtsgenosse Maximin, Bischof der Sinitensischen Kirche, ganz in der Nähe; er ersuchte uns, wir möchten kommen, und wir kamen auch. Da erzählte er uns alles und bat unter anderem, die Erde möge irgendwo vergraben und ein Betraum darüber errichtet werden, wo sich die Christen auch zu gottesdienstlicher Feier versammeln könnten. Wir widersetzten uns nicht, und der Plan kam zur Ausführung. Nun lebte dort ein gichtbrüchiger Bauernjunge. Davon erfuhr Hesperius, und er bat dessen Eltern, ihn unverzüglich an diese heilige Stätte zu bringen. Als man ihn dorthin gebracht hatte, verrichtete er da sein Gebet und ging dann sofort gesund auf eigenen Füßen hinweg.

Das Victorianische Landgut, wie es genannt wird, liegt nicht ganz dreißig Meilen von Hippo Regius entfernt. Dort befindet sich eine Gedächtnisstätte der mailändischen Märtyrer Gervasius und Protasius. Man verbrachte dorthin einen jungen Menschen, der von einem Dämon befallen worden war, als er eben um Mittagszeit im Sommer ein Pferd im Tümpel eines Flusses zur Schwemme ritt. Wie er nun dem Tode nahe oder doch einem Toten ganz ähnlich in der Kapelle lag, kam die Gutsherrin mit ihren Mägden und einigen gottgeweihten Jungfrauen dorthin zu den gewöhnlichen Abendgesängen und Gebeten, und sie begannen die Hymnen zu singen. Durch diese Töne wurde der Dämon gleichsam aufgepeitscht; er fuhr empor und erfaßte den Altar, wagte aber nicht oder vermochte nicht, ihn zu verrücken, sondern hielt sich unter entsetzlichem Gebrüll daran fest, als ob er daran gebunden oder geheftet wäre, und bekannte, indem er mit lautem Geheul um Schonung bat, wo und wann und wie er in den jungen Mann gefahren sei. Indem er schließlich erklärte, er werde ausfahren, benannte er im einzelnen alle die Glieder, die er dem Besessenen dabei ausreißen werde, und entwich unter diesen Worten aus dem Menschen. Jedoch dessen Auge hing herab über die Wange, nur durch eine dünne Ader noch mit der Augenhöhle verbunden, und der ganze mittlere Teil des Auges, vorher schwärzlich, war weiß geworden. Die Anwesenden [es waren noch andere auf sein Geschrei herbeigekommen, und alle hatten sich zu Boden geworfen, um für ihn zu beten], so erfreut sie waren, daß er gesunden Geistes vor ihnen stand, betrübten sich aufs neue bei diesem Anblick, und es wurden Stimmen laut, man müsse wegen des Auges einen Arzt holen. Da rief sein Schwestermann, der ihn in die Kapelle gebracht hatte: „Gott, der den Dämon verjagt hat, hat die Macht, ihm auf das Gebet der Heiligen hin auch das Augenlicht wiederzugeben.“ Darauf setzte er, so gut er konnte, das herausgefallene und herunterhängende Auge wieder in seine Höhle ein und band es mit dem Schweißtuch fest und nahm dieses erst am siebenten Tage wieder ab. Und siehe, er fand ihn völlig geheilt. An dieser Stätte erlangten auch andere Heilung; doch es würde zu weit führen, auch von diesen noch zu erzählen.

Ich kenne in Hippo eine Jungfrau, die durch Salbung mit einem Öl, in das ein Priester unter Gebet für sie seine Tränen hatte träufeln lassen, sofort vom Geisterspuk geheilt wurde. Ich weiß ferner, daß ein Bischof für einen jungen Menschen, den er gar nicht vom Sehen kannte, nur einmal betete, worauf dieser sogleich den Dämon los wurde.

In unserem Hippo lebte ein Greis, Florentius mit Namen, ein gottesfürchtiger armer Mann, der sich vom Schneiderhandwerk nährte; er hatte seinen Anzug verbraucht und besaß kein Mittel, sich einen neuen zu kaufen. Da betete er mit lauter Stimme um ein Gewand zu den zwanzig Märtyrern, deren Gedächtnisstätte bei uns in sehr hohem Ansehen steht. Einige zufällig anwesende spottlustige junge Leute hörten ihn und gingen ihm nach, als er sich entfernte, unter Hänseleien, er habe die Märtyrer um fünfzig Pfennig angegangen, um sich ein Kleid kaufen zu können. Er jedoch ging schweigend seines Weges. Da sah er einen großen Fisch, den das Wasser ausgeworfen hatte, am Ufer zappeln, den fing er mit gefälliger Beihilfe der jungen Leute und verkaufte ihn für dreihundert Pfennig an einen Koch namens Cattosus, einen guten Christen, in die Garküche, wobei er den Hergang erzählte, und wollte sich nun mit dem Geld Wolle kaufen, damit ihm seine Frau davon einen Anzug mache, so gut sie es könnte. Als jedoch der Koch den Fisch zerkleinerte, fand er in dessen Bauch einen goldenen Ring. Er gab ihn alsbald aus Mitleid und religiöser Scheu dem armen Mann zurück mit den Worten: „Sieh da, wie dich die zwanzig Märtyrer gekleidet haben.“

Die Reliquie des glorreichen Märtyrers Stephanus, die Bischof Präiectus nach Aquä Tibilitanä brachte, kam dort an unter ungeheurem Zulauf des Volkes. Da bat ein blindes Weib, man möchte es doch zum Bischof führen, der die Reliquie trug; sie reichte Blumen dar, die sie mitgebracht, erhielt sie wieder zurück, führte sie an die Augen und — ward sofort sehend. Frohlockend setzte sie sich zum Staunen der Anwesenden an die Spitze des Zuges, ihren Weg wandelnd, ohne weiter einen Führer zu brauchen.

Eine Reliquie desselben Märtyrers befindet sich auch im Sinitenischen Kastell, das nahe bei der Kolonie Hippo liegt. Lucillus, der dortige Bischof, trug sie, während Volksmengen vorangingen und sich anschlossen. Ihm machte schon lange ein Hohlgeschwür zu schaffen, das nun für die Hand seines vertrauten Arztes, der ihn operieren sollte, reif war; aber es wurde durch das Tragen dieser frommen Bürde plötzlich geheilt; er fand es von Stund’ an nicht mehr an seinem Leib.

Eucharius ist ein Priester aus Spanien; er wohnt in Calama und krankte an einem alten Steinleiden; durch eine Reliquie des genannten Märtyrers, die Bischof Possidius dorthin brachte, ward er gesund. Später befiel ihn eine andere schwere Krankheit und nahm so Überhand, daß er wie tot dalag; man umwickelte ihm schon die Daumen; da wurde er erweckt durch die Hilfe des erwähnten Märtyrers, als man von dessen Gedächtnisstätte das Untergewand dieses Priesters zurückbrachte und es über ihn breitete.

Dort lebte auch ein Mann namens Martialis, in seiner Standesklasse der Vornehmste, schon hoch bei Jahren und der christlichen Religion sehr abgeneigt. Doch hatte er eine gläubige Tochter und einen Schwiegersohn, der eben in jenem Jahre getauft worden war. Der alte Herr erkrankte, und die beiden drangen in ihn mit vielen und heißen Tränen, er möge doch Christ werden; aber er lehnte es rundweg ab und hieß sie in heftigem Unwillen sich entfernen. Da entschloß sich sein Schwiegersohn, zur Gedächtnisstätte des heiligen Stephanus zu gehen und dort für ihn nach Kräften zu beten, daß ihm Gott die gute Gesinnung verleihe, unverzüglich an Christus zu glauben. So machte er es auch und betete unter heftigem Seufzen und Weinen und mit heißer und aufrichtiger Kindesliebe; dann nahm er beim Weggehen etwas Blumen vom Altare mit, was er gerade erreichen konnte, und legte sie, als es Nacht geworden, zu Häupten des Kranken; hierauf ging man schlafen. Und siehe da, noch vor dem Morgengrauen ruft der Kranke, man soll zum Bischof eilen, der aber gerade zufällig bei mir in Hippo war. Er verlangte dann nach den Priestern, als er von der Abwesenheit des Bischofs unterrichtet war. Diese kamen, er erklärte, er sei jetzt gläubig, und wurde getauft, während alle staunend sich freuten. Und so lang er noch lebte, hörte man aus seinem Munde immer wieder die Worte1 : „Christus, nimm meinen Geist auf“, obwohl er nicht wußte, daß dies die letzten Worte des heiligen Stephanus waren, als er von den Juden gesteinigt wurde; sie waren auch seine letzten, denn bald hernach starb auch er.

Es wurden dort durch denselben Märtyrer auch zwei Bürger und ein Fremder geheilt, die alle an Fußgicht litten; jedoch die Bürger völlig, während der Fremde in einer Offenbarung nur inne wurde, was er beim Schmerzanfall anwenden soll; und so oft er das Mittel anwendet, legt sich der Schmerz sofort.

Audurus ist der Name eines Landgutes, auf dem sich eine Kirche befindet und in ihr eine Gedächtnisstätte des Märtyrers Stephanus. Ein kleiner Knabe, der auf dem Hofe spielte, kam unter die Räder eines scheuenden Ochsengespannes und wurde so übel mitgenommen, daß er gleich in die letzten Zuckungen verfiel. Da riß ihn die Mutter weg und legte ihn bei der erwähnten Gedächtnisstätte nieder; und er lebte nicht nur wieder auf, sondern erschien sogar unverletzt.

Eine gottgeweihte Jungfrau auf einem benachbarten Gute, das Caspalania heißt, wurde krank, und man gab schon die Hoffnung auf; da brachte man ihr Untergewand zu der nämlichen Gedächtnisstätte; aber sie starb, ehe man es zurückholte. Die Eltern bedeckten jedoch ihren Leichnam mit diesem Untergewand, und sie kam wieder zum Leben und ward geheilt.

In Hippo betete ein gewisser Bassus, ein Syrer, bei der Reliquie dieses Märtyrers für seine gefährlich erkrankte Tochter und hatte ein Gewand von ihr mitgebracht. Unterdessen kamen aus seinem Hause Diener herbeigeeilt, um deren Ableben zu melden. Sie wurden jedoch, während er im Gebete lag, von seinen Freunden abgefangen, die sie verhinderten, ihm die Mitteilung zu machen. Als er nun nach Hause kehrte, wo ihm bereits die Totenklage der Seinigen entgegen tönte, und das zurückgebrachte Gewand über die Tochter warf, wurde sie dem Leben zurückgegeben.

Ebenfalls bei uns war es, daß der Sohn des Irenäus, eines Geldwechslers, von einer Krankheit dahingerafft wurde. Während der Leichnam so dalag und unter Trauer und Klage die Beisetzung vorbereitet wurde, regte einer der Hausfreunde zwischen den Trostworten anderer den Gedanken an, den Leichnam mit Öl dieses Märtyrers zu salben. Es geschah, und der Knabe wurde wieder lebendig.

Und ebenfalls bei uns trug es sich zu, daß Eleusinus, ein Mann von tribunizischem Stande, sein an einer Krankheit verstorbenes Knäblein auf die Märtyrerreliquie legte, die sich in der Vorstadt befindet, wo er wohnt, und es nach einem Gebet, das er dort unter vielen Tränen verrichtete, lebendig aufhob.

Wie soll ich’s doch machen? Das Werk drängt zum Abschluß, der schon in Aussicht gestellt ist, so daß ich hier nicht alles anführen kann, was ich weiß; andererseits werden es sicher sehr viele von den Unserigen, wenn sie dies lesen, bedauern, daß ich so vieles übergangen habe, was sie natürlich so gut wissen, wie ich. Ich bitte sie zum voraus um Verzeihung; sie mögen bedenken, welch langwierige Arbeit es erfordern würde und wie ich damit nur etwas täte, was der maßgebende Plan des Werkes mich nötigt, hier zu unterlassen. Denn wollte ich auch nur die Wunderheilungen, um von anderen Wundern gar nicht zu reden, und auch da nur die durch diesen Märtyrer, ich meine den glorreichen Stephanus, in der Calamensischen und unserer Kolonie geschehenen Wunderheilungen verzeichnen, so müßte ich viele Bücher schreiben und könnte doch keine Vollständigkeit erreichen, sondern nur die Wunder aufnehmen, über welche Aufzeichnungen zum Zweck der öffentlichen Verlesung übergeben worden sind. Dies nämlich haben wir angeordnet, als wir uns überzeugten, daß Erweise göttlicher Kraft, ähnlich den alten, auch in unserer Zeit häufig vorkommen und daß sie der Kenntnis weiterer Kreise nicht verloren gehen sollten. Noch sind es keine ganzen zwei Jahre, seitdem sich diese Reliquien in Hippo Regius befinden2 , und obschon viele Aufzeichnungen über wunderbare Begebenheiten, wie ich auf das Bestimmteste weiß, nicht abgeliefert sind, so ist doch die Zahl der abgelieferten schon auf beinahe siebzig gestiegen, da ich dies schreibe. In Calama dagegen, wo man zu Reliquien schon früher kam und häufiger Aufzeichnungen übergeben werden, findet sich deren eine unvergleichlich größere Zahl.

Auch in Uzali, einer Kolonie bei Utica, haben sich viele herrliche Dinge durch Vermittlung desselben Märtyrers zugetragen, wie mir bekannt ist; dort wurde eine Reliquie von ihm durch den Bischof Evodius bedeutend früher als bei uns eingesetzt. Jedoch die Gepflogenheit, Aufzeichnungen abzuliefern, besteht dort nicht oder bestand jedenfalls früher nicht; vielleicht hat man unterdessen damit begonnen. Als ich nämlich jüngst in dieser Stadt war, habe ich der vornehmen Matrone Petronia, die dort von schwerem und langwierigem Siechtum, das aller Kunst der Ärzte spottete, auf wunderbare Weise geheilt wurde, mit Zustimmung des erwähnten Ortsbischofs nahegelegt, eine Aufzeichnung abzuliefern zur Verlesung vor dem Volke, und sie ist der Mahnung gewissenhaft nachgekommen. Darin hat sie auch etwas niedergelegt, was ich hier nicht unerwähnt lassen kann, so sehr ich trachten muß, auf den eigentlichen Gegenstand dieses Werkes zurückzukommen. Ein Jude hatte ihr beigebracht, sie solle einen Ring in einem Gürtel aus Haaren befestigen und diesen Gürtel unter aller Gewandung am bloßen Leib anlegen; der Ring sollte unter dem Edelstein einen in den Nieren eines Rindes gefundenen Stein haben. Mit diesem vermeintlichen Heilmittel umgürtet, machte sie sich auf den Weg zum Heiligtum des Märtyrers. Sie reiste von Karthago ab und hielt Rast in ihrem Besitztum am Flusse Bagrada. Wie sie sich nun erhob, die Weiterreise anzutreten, sah sie den Ring zu ihren Füßen liegen; verwundert untersuchte sie den Haargürtel, in dem er befestigt gewesen war. Aber der zeigte sich überall unversehrt und in seinen Verschlingungen fest angezogen wie vorher, so daß sie vermutete, der Ring sei geborsten und ausgesprungen, aber auch er war ganz, und so nahm sie an, dieser merkwürdige Vorgang sei eine Art Unterpfand der Genesung, nahm den Gürtel ab und warf ihn mitsamt dem Ring in den Fluß. Das brauchen nun die nicht zu glauben, die auch nicht glauben, daß der Herr Jesus aus unversehrt jungfräulichem Mutterschoß hervorgegangen ist und zu seinen Jüngern bei verschlossenen Türen kam; aber sie sollten wenigstens dieser Begebenheit nachforschen und, wenn sie sie als wahr befinden, auch jene Wunder glauben. Die Dame ist sehr vornehmen Standes, edel geboren, mit einem Edelmann verheiratet und wohnt in Karthago; die Stadt ist groß genug, die Persönlichkeit angesehen genug, um zu verhindern, daß die Sache verborgen bleibt, wenn man ihr nur nachgehen will. Der Märtyrer sicherlich, der ihr die Genesung erlangte, hat an den Sohn der immerwährenden Jungfrau geglaubt; er hat an den geglaubt, der bei verschlossenen Türen zu den Jüngern kam; er hat — und in diesem Zusammenhang führe ich ja alle diese Dinge an — an den geglaubt, der mit seinem Auferstehungsleib gen Himmel fuhr; und eben deshalb geschehen durch ihn so große Dinge, weil er für diesen Glauben sein Leben hingegeben hat. Es geschehen also auch jetzt viele Wunder, Gott wirkt sie, durch wen er will und wie er will, derselbe Gott, der auch die Wunder gewirkt hat, die geschrieben stehen; nur daß die jetzigen Wunder nicht so bekannt werden und auch nicht durch häufige Verlesung immer wieder zu Ohren dringen, so daß sie dem Geiste nicht wieder entfielen sozusagen durch Versandung der Erinnerung. Denn selbst da, wo man, wie jetzt seit kurzem bei uns, Sorge dafür trägt, daß die Aufzeichnungen der mit Wohltaten Begnadeten vor dem Volke verlesen werden, hören davon eben nur die gerade Anwesenden, und diese nur einmal, viele sind nicht da, und auch die Dagewesenen behalten das Vernommene nicht länger als einige Tage im Gedächtnis, und kaum einer findet sich unter ihnen, der davon einem Ununterrichteten Mitteilung machte.

Ein einziges Wunder hat sich bei uns zugetragen, das, obwohl nicht größer als die erwähnten, doch so bekannt und offenbar geworden ist, daß ich glaube, es gibt niemand in Hippo, der es nicht gesehen oder davon erfahren hätte, niemand, der es irgend vergessen haben könnte. Zehn Geschwister aus Cäsarea in Kappadozien, sieben Brüder und drei Schwestern, in ihrer Heimat Leute von Ansehen, wurden auf den Fluch ihrer kurz vorher verwitweten Mutter hin, die sehr erbittert war über eine Unbill, die sie ihr zugefügt hatten, von Gott mit der Strafe gezüchtigt, daß sie sämtlich von einem fürchterlichen Gliederzittern befallen wurden; in solch widerlichem Zustand wollten sie sich nicht länger dem Anblick ihrer Mitbürger aussetzen: sie zerstreuten sich nach allen Himmelsrichtungen, dahin und dorthin, und kamen fast im ganzen römischen Reiche herum. Zwei davon gelangten auch zu uns, ein Bruder und eine Schwester, Paulus und Palladia, nachdem sie infolge ihres jammervollen Zustandes an vielen anderen Orten schon bekannt geworden waren. Es war etwa vierzehn Tage vor Ostern, als sie ankamen, und sie besuchten täglich die Kirche und die Gedächtnisstätte des glorreichen Stephanus in ihr3 und beteten, daß Gott ihnen nun wieder gnädig sein und die frühere Gesundheit zurückgeben möge. Auch hier und überhaupt, wo sie gingen und standen, lenkten sie die Blicke der Stadt auf sich. Manche hatten sie schon anderswärts gesehen und die Ursache ihres Zitterns erfahren, und diese beeilten sich, nach Möglichkeit anderen davon Mitteilung zu machen. So kam Ostern heran. Da, am Ostersonntag früh, als schon viel Volk anwesend war und der junge Mann die Schranken der heiligen Stätte, an der sich die Reliquie befand, betend festhielt, sank er plötzlich um und lag da gerade wie im Schlaf, jedoch nicht zitternd, während sie sonst auch im Schlafe zitterten. Die Anwesenden waren höchlichst überrascht, die einen entsetzten sich, andere hatten Mitleid; schon wollten ihn einige aufrichten, aber andere wieder verwehrten es und meinten, man solle lieber das Weitere abwarten. Und siehe, er stand selbst auf und zitterte nicht mehr, weil er geheilt war; gesund stand er da und schaute die Leute an, und diese schauten ihn an. Wer hätte sich da zurückhalten können vom Preise Gottes? Bis in die letzten Winkel der Kirche pflanzten sich die Freudenrufe und die Beglückwünschungen fort. Nun eilt man zu mir an den Platz, wo ich saß, eben im Begriffe, in die Kirche einzuziehen; einer nach dem anderen drängt sich herein, jeder meldet als etwas Neues, was andere schon vorher gesagt haben; und während ich in der Freude meines Herzens Gott im stillen danke, kommt Paulus selbst, begleitet von einer größeren Schar, wirft sich mir zu Füßen, und ich richte ihn auf, ihn zu küssen. Darauf begeben wir uns zum Volk, die ganze Kirche war gesteckt voll, und sie widerhallte von Freudenrufen: Gott sei Dank! Gott sei Lob! Von allen Seiten ertönten die Rufe, und keiner war da, der sich nicht beteiligt hätte. Ich begrüßte das Volk, und neuerdings erschallten noch lauter die Rufe. Endlich trat Stille ein, die Festabschnitte aus der Heiligen Schrift wurden verlesen. Als es dann so weit war, daß ich meine Predigt einlegen sollte, machte ich es kurz, anknüpfend an den Festtag und den Freudenjubel. Ich wollte die Anwesenden mehr sozusagen Gottes Beredsamkeit an dem Werke Gottes nicht so fast vernehmen als vielmehr betrachten lassen. Der junge Mann speiste dann bei uns und erzählte uns genau seine ganze Leidensgeschichte und die seiner Geschwister und seiner Mutter. Am folgenden Tag nach der Predigt kündigte ich an, daß die Aufzeichnung der Erzählung nächsten Tags dem Volke verlesen werden solle. Als dies am dritten Osterfeiertag geschah, hieß ich die beiden Geschwister während der Verlesung auf die Stufen der Chornische stehen, in der ich von erhöhtem Platze aus sprach. Das ganze Volk beiderlei Geschlechtes sah sie stehen, den einen ohne die entstellende Bewegung, die andere an allen Gliedern zitternd. Und wer nicht mit eigenen Augen beobachtet hatte, was an Paulus durch Gottes Erbarmen geschehen war, der konnte es an Palladia wahrnehmen. Man sah ja, wozu man den einen zu beglückwünschen, worum man für die andere zu beten hatte. Unterdessen war die Verlesung der Aufzeichnung4 beendet, ich hieß die beiden sich vor dem Volke zurückziehen und hatte eben angefangen, über den ganzen Vorfall etwas eingehender zu sprechen5 , als sich plötzlich während meiner Rede andere Stimmen erneuter Beglückwünschung von der Gedächtnisstätte des Märtyrers her vernehmen ließen. Dahin wandten sich nun meine Zuhörer, und es bildete sich ein Auflauf. Palladia hatte sich nämlich von den Stufen weg, auf denen sie gestanden, zu dem heiligen Märtyrer begeben, um dort zu beten; aber sowie sie die Schranken berührte, sank sie ebenfalls in einen Scheinschlaf und erhob sich dann gesund. Während wir uns also erkundigten, was geschehen sei, woher der freudige Lärm komme, traten sie mit ihr in die Basilika ein, in der wir uns befanden, und führten sie von der Gedächtnisstätte des Märtyrers gesund herbei. Nun aber erhob sich von seiten beider Geschlechter ein solcher Sturm von Verwunderungsrufen, mit denen sich bald auch Tränen mischten, daß man an kein Ende glauben mochte. Man führte sie bis an die Stelle, wo sie kurz vorher zitternd gestanden hatte. Man jubelte, daß sie nun dem Bruder ähnlich geworden, wie man vorher bedauert hatte, daß sie ihm unähnlich geblieben war; man überzeugte sich, daß die noch nicht verrichteten Gebete für sie, vielmehr der nur erst vorhandene Wille dazu so schnell erhört worden sei. Man jubelte zum Lobe Gottes nur mit der Stimme, ohne Worte, aber mit einer Macht, daß es unsere Ohren kaum aushalten konnten. Der Glaube, für den das Blut des heiligen Stephanus geflossen ist, der Glaube an Christus war es, der ihre Herzen so aufjubeln ließ.

1: Apg. 7, 58.
2: Also seit 424, da das letzte Buch der Civitas Dei im Jahre 426 geschrieben wurde [vgl. Possidius, Vita s. Augustini VIII 5,1].
3: Im Jahre 424 hatte Augustinus aus Mitteln, die ihm sein Diakon Eraclius zur Verfügung stellte, für die Reliquien des hl. Stephanus eine „cella sacra, quod sacellum vocamus“ an die Basilica anbauen lassen. Possidius, Vita s. Aug. VIII 5, 1. Augustini Sermo 356, 7.
4: Sie ist enthalten in den Augustinischen Werken als Sermo 322.
5: Vgl. Sermo 323 und 324.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger