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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
22. Buch

6. Rom hat seinen Gründer Romulus zu einem Gott gemacht aus Liebe, die Kirche dagegen liebt Christum im Glauben an seine Gottheit.

An dieser Stelle sei auch an einen Umstand erinnert, den Tullius bei dem Glauben an die Gotteigenschaft des Romulus als wunderbar hervorhebt. Ich will seine Worte hersetzen, so wie sie lauten1 : „Darüber muß man sich bei Romulus um so mehr verwundern, als die übrigen, welche die Sage aus Menschen zu Göttern werden ließ, in weniger gebildeten Zeiten gelebt haben, wo der Geist ohnehin schon zu Erdichtungen geneigt ist, da Ungebildete sich leicht zum Glauben bringen lassen; doch die Lebenszeit des Romulus liegt bekanntlich nur weniger als sechshundert Jahre hinter uns, wo es längst schon eine Literatur und Wissenschaft gab und jener alte, aus der Zeit der Unbildung stammende Irrwahn verschwunden war.“ Und kurz darauf bemerkt er in demselben Sinn und Zusammenhang: „Daraus ist zu ersehen, daß Homer viele, viele Jahre vor Romulus gelebt hat; eine Erdichtung hätte da kaum mehr Fuß fassen können bei der Aufgeklärtheit der Menschen und der Bildung der ganzen Zeit. Nur das Altertum ließ sich Märchen aufbinden, mitunter selbst plump erfundene; aber des Romulus Zeitalter, das schon ein gebildetes war und vorab alles Unmögliche von sich wies, verschmähte sie.“ Einer der Gelehrtesten, zugleich unter allen der beredteste, Markus Tullius Cicero, findet den Glauben an die Gotteigenschaft des Romulus deshalb wunderbar, weil man damals schon in einem gebildeten Zeitalter stand und also erlogene Fabelgeschichten nicht angenommen hätte. Aber vorerst war es nur Rom und nur das kleine Rom der Anfänge, das an die Gotteigenschaft des Romulus glaubte. In der Folge hatten dann die Nachkommen sich an die Überlieferung ihrer Vorfahren halten müssen, und so wuchs die Stadt heran in diesem sozusagen mit der Muttermilch eingesogenen Aberglauben und gelangte zu einer so wirksamen Herrschgewalt, daß sie gleichsam von deren überragendem Gipfel aus auch andere Völker, über die sie herrschte, mit diesem ihrem Wahn überschwemmte, so daß diese, wenn sie auch nicht daran glaubten, doch Romulus einen Gott nannten, um nicht bei der Stadt, der sie unterwürfig waren, anzustoßen, wenn sie deren Gründer anders nannten als Rom selbst, das nun einmal daran glaubte, freilich nicht aus Liebe zu diesem Wahn, wohl aber aus einem Wahn der Liebe. Christus dagegen ist der Gründer einer himmlischen und ewigen Stadt, und doch hat diese den Glauben an seine Gotteigenschaft nicht deshalb angenommen, weil sie von ihm gegründet ist, sondern sie soll vielmehr dadurch erst gegründet werden, daß sie glaubt. Rom hat seinen Gründer als einen Gott in einem Tempel verehrt, als es bereits erbaut und eingeweiht war; dieses Jerusalem dagegen hat seinen Gründer, den Christengott, zum Grundstein des Glaubens gemacht und konnte nun erst erbaut und eingeweiht werden. Rom hat, weil es ihn liebte, an die Gotteigenschaft des Romulus geglaubt, unser Jerusalem hat, weil es an seine Gotteigenschaft glaubte, Christum liebgewonnen. Wie also für Rom der Beweggrund vorherging, dem die Liebe entsprang, die dann gern vom Geliebten auch unwahres Gute glaubte, so ging bei dem neuen Jerusalem der Beweggrund voraus, dem der Glaube entsprang, der nicht blindlings Unwahres, sondern Wahres liebte. Denn abgesehen von den vielen und großen Wundern, die die Überzeugung von Christi Gotteigenschaft herbeiführten, sind auch höchst glaubwürdige Weissagungen göttlichen Ursprungs vorhergegangen, die sich in Christus bereits erfüllt zeigen, nicht erst noch, wie zu Väterzeiten, der Erfüllung harrend Gegenstand des Glaubens sind; von Romulus hingegen hört und liest man lediglich, was geschehen ist, daß er Rom gegründet und dort geherrscht hat, aber nichts davon, daß es vor dem Eintritt geweissagt worden wäre; daß er jedoch unter die Götter aufgenommen worden sei, ist wohl als Glaubensüberlieferung bezeugt im Schrifttum, dort aber nicht als Tatsache erwiesen. Keinerlei Wunderzeichen bestätigen, daß ihm solche Erhebung auch wirklich zuteil geworden wäre. Soll etwa das Säugen durch eine Wölfin, was scheinbar ein ganz außerordentliches Anzeichen gewesen ist, zum Beweise seiner Gotteigenschaft hinreichen? Mag diese Wölfin auch keine Buhlerin2 , sondern ein wirkliches Tier gewesen sein, jedenfalls gilt sein Bruder nicht als Gott, der doch sein Milchgenosse war. Niemanden ferner ist es ja verwehrt worden, Romulus oder Herkules oder andere Menschen solcher Art Götter zu nennen; niemand hat lieber das Leben gelassen, als daß er von solcher Benennung abgestanden wäre. Oder würde auch nur ein Volk den Romulus als einen seiner Götter verehren, wenn nicht die Furcht vor dem Römertum es nötigte? Wer kann dagegen die Scharen zählen, die lieber den Tod unter allen erdenklichen Grausamkeiten erlitten haben, als daß sie die Gotteigenschaft Christi geleugnet hätten? So hat die Furcht vor etwaigem noch so leichtem Unwillen seitens der Römer manche unter römischem Rechte stehende Staaten dazu gebracht, Romulus als Gott zu verehren; dagegen von der Verehrung nicht bloß, auch von dem Bekenntnis zur Gottheit Christi ließ sich die ungeheure Zahl von Märtyrern bei allen Völkern der Erde nicht abschrecken durch die Furcht nicht etwa vor einer leichten Beleidigung, sondern vor unermeßlichen Strafen aller Art und selbst vor dem Tode, den man noch mehr als alles andere fürchtet. Und dabei hat die Stadt Christi, obwohl sie noch auf Erden pilgerte und Volk in Scharen hinter sich hatte, nicht den Kampf für ihr zeitliches Heil aufgenommen wider die gottlosen Verfolger, sie hat im Gegenteil, um das ewige Heil zu erlangen, auf den Kampf verzichtet. Man fesselte die Bekenner Christi und sperrte sie ein, man schlug sie und folterte sie, man verbrannte sie und zerfleischte sie, scharenweise machte man sie nieder — und es wurden ihrer nur immer mehr. Das Heil um des Heilands willen hintanzusetzen, darin bestand ihr Kampf um das Heil.

In Ciceros Werk über den Staat, im dritten Buch, wenn ich mich nicht täusche, wird einmal ausgeführt3 , ein Staat, wie er sein soll, unternehme Krieg entweder um der Treue oder um des Heiles willen. Was Cicero da meint mit dem Ausdruck „um des Heiles willen“ oder genauer, welches Heil er da im Auge hat, legt er an anderer Stelle dar mit den Worten: „Jedoch solchen Strafen, wie Armut, Verbannung, Gefängnis, Geißelhiebe, Strafen, die auch dem Stumpfsinnigsten wehtun, entgehen die Einzelnen oft dadurch, daß sich zur rechten Zeit der Tod einstellt; für die Staaten dagegen ist der Tod, der die Einzelnen unter Umständen vor Strafe schützt, an sich eine Strafe. Denn der Staat muß auf ewige Dauer angelegt sein. Er kann also kein natürliches Ende finden, so wie der Mensch, bei dem der Tod nicht nur naturnotwendig eintritt, sondern sehr oft sogar wünschenswert ist. Wird aber ein Staat beseitigt, vernichtet, seines Daseins beraubt, so ist das ähnlich, um Kleines mit Großem zu vergleichen, wie wenn die ganze jetzige Welt unterginge und zusammenstürzte.“ Cicero wendete diesen Vergleich deshalb an, weil er mit den Platonikern der Ansicht ist, daß die Welt nicht untergehen werde. Demnach ist klar, daß das Heil, um dessentwillen der Staat nach seiner Ansicht einen Krieg unternehmen darf, die ewig dauernde Erhaltung des Staates hienieden ist, wenn auch eine Erhaltung, bei der die einzelnen Glieder des Staates sterben und nachrücken, wie das Immergrün des Ölbaumes, des Lorbeerbaumes und anderer derartiger Bäume sich erhält durch Abfall und Nachschub der einzelnen Blätter. Denn der Tod, meint er, ist nicht für die einzelnen Menschen, die er oft vor Strafe schützt, sondern nur für den gesamten Staat eine Strafe. Man kann darum mit Recht die Frage aufwerfen, ob die Saguntiner richtig gehandelt haben, als sie lieber ihre ganze Stadt dem Untergang weihten als die Treue brachen, durch die sie dem römischen Staate verbunden waren; eine Handlungsweise, um derentwillen sie doch von allen Bürgern des irdischen Staates gepriesen werden. Freilich sehe ich keine Möglichkeit, wie sie diesem Grundsatz hätten entsprechen können, der da einen Krieg nur entweder um der Treue oder um des Heiles willen gestaltet, aber darüber sich ausschweigt, wie man sich zu entscheiden habe, falls beides zumal in Gefahr kommt und das Festhalten am einen den Verlust des anderen bedingt. Sicher mußten die Saguntiner die Treue aufgeben, wenn sie sich für das Heil entschieden hätten; war die Treue zu bewahren, so mußte man eben das Heil fahren lassen, wie es tatsächlich geschah. Das Heil des Gottesstaates jedoch ist derart, daß es mitsamt der Treue4 und durch sie bewahrt oder vielmehr erworben werden kann, während unter Verlust der Treue niemand dazu gelangen kann. Dieser Gedanke schuf die vielen großen Märtyrer mit ihrem festen und geduldigen Herzen, dergleichen Romulus nicht einen hatte oder hätte haben können während der ganzen Zeit, da man ihn für einen Gott hielt.

1: Cicero, De rep. 2, 10.
2: Vgl. Livius I 4.
3: Cic. de rep. III 23.
4: „fides“ in der Doppelbedeutung von „Treue“ und Glaube“; die Übersetzung müßte hier den Ausdruck wechseln, wodurch, aber der gedankliche Zusammenhang mit dem Vorangehenden verwischt würde.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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