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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
22. Buch

30. Von der ewigen Seligkeit und dem beständigen Sabbat der Stadt Gottes.

Wie groß wird diese Seligkeit sein, bei der jedes Übel ausgeschlossen ist, kein Gut verborgen bleibt, jeder dem Preise Gottes sich widmet, der alles in allem sein wird!1 Denn was sonst dort geschehen sollte, wo man weder aus Trägheit untätig ist noch aus Not arbeitet, kann ich mir nicht denken. Darauf führt mich auch hin das heilige Lied, worin ich lese oder höre2 : „Selig, die in Deinem Hause wohnen, in alle Ewigkeit werden sie Dich preisen.“ Alle Glieder und inneren Organe des unvergänglichen Leibes, die wir hienieden verteilt sehen über die verschiedenen Gebrauchszwecke, die das Bedürfnis mit sich bringt, werden dem Preise Gottes dienen, weil es dort kein Bedürfnis mehr gibt, sondern nur eine volle, gewisse, sichere und ewig währende Seligkeit. All die jetzt verborgenen leiblichen Ebenmaßverhältnisse, von denen ich schon gesprochen3 , werden da nicht mehr verborgen sein, äußerlich und innerlich über den Gesamtleib hin wohl geordnet, und mit den übrigen großen und wunderbaren Dingen, die man dort schauen wird, werden die vernünftigen Geister aus Entzücken über die der Vernunft einleuchtende Schönheit begeistert einstimmen in den Preis eines so großen Meisters. Was für Bewegungen dort den verklärten Leibern eigen sein werden? Ich wage mich nicht bestimmt zu äußern über etwas, was ich mir nicht vorstellen kann; doch mögen sie sein wie immer, sie werden wie auch die Haltung und die ganze Erscheinung entsprechend sein da, wo es überhaupt nichts gibt, was nicht entsprechend wäre. Jedenfalls wird der Leib in einem Nu da sein, wo der Geist will, und wird der Geist nichts wollen, was nicht dem Geiste und dem Leibe geziemte. Dort wird es wahre Verherrlichung geben, wo das Lob weder dem Irrtum ausgesetzt noch von Schmeichelei angekränkelt ist; wahre Ehre, die keinem Würdigen versagt, keinem Unwürdigen zuteil wird; es wird sich gar kein Unwürdiger darum bemühen, wo nur Würdige sich aufhalten dürfen; wahrer Friede wird herrschen, wo keiner Widriges zu befahren hat von sich selbst oder von einem anderen. Der Lohn der Tugend wird Gott selbst sein, der die Tugend verliehen und ihr sich selbst in Aussicht gestellt hat, das Größte und Beste, was es geben kann. Denn er spricht durch den Mund des Propheten4 : „Ich werde ihr Gott sein, und sie sollen mir zum Volke sein“; und das will nichts Geringeres heißen als: „Ich werde ihre Sättigung sein, ich werde den Menschen alles sein, wonach sie rechtmäßigerweise verlangen: Leben, Gesundheit, Nahrung, Reichtum, Ruhm, Ehre, Friede und jegliches Gut.“ In diesem Sinne ist auch das Wort des Apostels aufzufassen5 : „Auf daß Gott alles in allem sei“. Der wird unseres Sehnens Ende sein, den man ohne Ende schaut, ohne Überdruß liebt, ohne Ermüdung preist. Diese Gnadengabe, diese Richtung des Herzens, diese Tätigkeit wird sicher, ebenso gut wie das ewige Leben selbst, allen gemeinsam sein.

Wie sich im übrigen je nach dem verdienten Lohne hinwieder auch Ehre und Herrlichkeit abstufen, davon kann man sich keine Vorstellung machen, geschweige denn es in Worten ausdrücken. Doch finden zweifellos Abstufungen statt. Dabei wird jene selige Stadt auch an sich die Beobachtung machen und sie als großes Gut empfinden, daß keiner, der niedriger steht, einen Höherstehenden beneiden wird, so wenig als jetzt die Engel auf die Erzengel neidisch sind; jeder wird darauf verzichten, das zu sein, was ihm nicht zuteil geworden ist, und dabei doch mit dem anderen in friedlichster Eintracht verbunden sein, so etwa wie am Leibe das Auge nicht sein will, was der Finger ist, da ja beide Glieder zu dem in sich gefriedeten Gesamtorganismus des einen Leibes gehören. Ist also auch der eine weniger begnadet als der andere, so hat er doch wieder die Gnade, nicht mehr zu wollen.

Sie werden ferner auch einen freien Willen haben, trotzdem sie die Sünde nicht reizen kann. Der Wille wird vielmehr erst recht frei sein, wenn er vom Reiz zur Sünde bis zu dem Grade befreit ist, daß er einen unbeirrbaren Reiz darin findet, nicht zu sündigen. Denn der erste wahlfreie Wille, der, der dem Menschen ursprünglich verliehen ward, als er aufrecht erschaffen wurde, hatte es wohl in seiner Macht, nicht zu sündigen, hatte es aber auch in seiner Macht, zu sündigen; dieser letzte dagegen wird um so mächtiger sein, als er es nicht in seiner Macht hat zu sündigen; indes auch nur durch Gottes Gnadengabe, nicht kraft des Vermögens der eigenen Natur. Denn es ist ein Unterschied: Gott sein und an Gott teilhaben. Gott kann von Natur aus nicht sündigen; wer an Gott teilhat, dem ist es von Gott verliehen, nicht sündigen zu können. Doch sollte diese Gottesgabe in Abstufungen verliehen werden: zuerst ein freier Wille, der dem Menschen die Macht gab, nicht zu sündigen; der eine bestimmt, Verdienst zu erwerben, der andere, als Lohn verliehen zu werden. Weil jedoch das Menschenwesen, da es zu sündigen Macht hatte, wirklich sündigte, so ist die Befreiungsgnade um so reichlicher, die es zu einer Freiheit führt, in der es nicht die Macht hat zu sündigen. Wie nämlich die erste Unsterblichkeit, die Adam durch sein Sündigen verloren hat, in der Möglichkeit bestanden hat, dem Sterben zu entgehen, die letzte dagegen in der Unmöglichkeit zu sterben bestehen wird, so auch der erste freie Wille in der Möglichkeit, nicht zu sündigen, der letzte in der Unmöglichkeit zu sündigen. Auf solche Weise wird der Wille zur Gottseligkeit und Gerechtigkeit ebenso unverlierbar sein, wie es der zum Glück ist. Denn durch das Sündigen haben wir freilich wie die Gottseligkeit so auch das Glück eingebüßt, aber den Willen zum Glück haben wir auch nach Verlust des Glückes nicht verloren. Jedenfalls wird man doch Gott selbst den freien Willen deshalb nicht abstreiten wollen, weil er nicht sündigen kann.

So wird also der freie Wille jener Stadt in der Gesamtheit einheitlich und in den einzelnen unverlierbar sein, befreit von jedem Übel und ausgestattet mit allem Guten, unablässig die Wonne ewiger Freuden genießend, in seligem Vergessen aller Schuld und aller Strafe, nicht aber deshalb seiner Befreiung vergessend, um nicht undankbar zu sein gegen seinen Befreier; demnach also eingedenk auch seiner vergangenen Übel, soweit die Vernunfterkenntnis in Frage kommt; was jedoch die tatsächliche Empfindung betrifft, ihrer völlig uneingedenk. Es verhält sich damit ähnlich wie mit einem sehr erfahrenen Arzte: er kennt fast alle Krankheiten des Leibes so, wie man sie durch Berufsausübung kennen lernen kann; dagegen kennt er nach den Empfindungen, die sie im Leibe hervorrufen, nur die wenigsten, nur die eben, die er selbst durchgemacht hat. Wie es also ein doppeltes Wissen um die Übel gibt, eines, das sie lediglich der Fassungskraft des Geistes erschließt, und eines, das auf der den eigenen Sinnen anhaftenden Empfindung beruht [das gilt ja von allen Gebrechen: das Wissen darum ist ein anderes, je nachdem es wissenschaftliche Erkenntnis des Weisen oder Erfahrung des Unweisen am eigenen schlechten Leben ist], so gibt es auch ein doppeltes Vergessen der Übel: wer sie nur aus Beobachtung und wissenschaftlicher Beschäftigung kennt, vergißt sie anders als der, der sie erfahren und erduldet hat; jener, wenn er die erworbene Kenntnis vernachlässigt, dieser, wenn er vom Elend frei ist. Und von der letzteren Art ist das Vergessen der vergangenen Übel seitens der Heiligen; denn sie werden ihrer völlig ledig sein, so daß in ihrer Empfindung alle Spuren davon getilgt sind. Dagegen kraft der Erkenntnis durch das Fassungsvermögen, das in ihnen bedeutend sein wird, wird ihnen nicht nur das eigene vergangene Elend nicht entfallen, sondern auch das ewig währende der Verdammten bekannt sein. Wie könnten sie auch, wenn sie sich ihres Elends nicht erinnerten, „die Erbarmungen des Herrn in Ewigkeit preisen“, wie der Psalm6 sagt? Ja es wird dieser Preis zur Verherrlichung der Gnade Christi, durch dessen Blut sie erlöst sind, die größte Wonne für die Gottesstadt sein. Dadurch wird in vollem Maße der Aufforderung entsprochen werden7 : „Feiert und schaut: ich bin Gott“; und das wird in der Tat der größte Sabbat sein, der keinen Abend mehr hat8 , der, auf den der Herr schon bei der Weltschöpfung hingewiesen hat an jener Stelle des Schöpfungsberichtes, wo es heißt9 : „Da ruhte Gott am siebenten Tag von all seinen Werken, die er geschaffen, und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm geruht hat von all seinen Werken, die Gott zu schaffen unternommen hat.“ Der siebente Tag werden nämlich auch wir selbst sein, so wie wir durch seinen Segen und seine Heiligung zur Fülle gebracht und wiederhergestellt sein werden. Da werden wir dann feiernd schauen, daß nur er Gott ist, was wir uns selbst sein wollten, als wir von ihm abfielen auf die Lockung des Verführers10 : „Ihr werdet sein wie Götter“ und den wahren Gott verließen, durch dessen Eingreifen wir wirklich Götter geworden wären auf dem Weg der Teilnahme an ihm, nicht des Abfalls von ihm. Denn was haben wir ohne ihn erreicht, als daß wir uns durch seinen Zorn zugrunde gerichtet haben?11 Von ihm wiederhergestellt und durch noch größere Gnade zur Vollendung geführt, werden wir auf ewig feiern, schauend, daß nur er Gott ist, und erfüllt von ihm, wenn er alles in allem sein wird12 . Denn selbst auch unsere guten Werke werden uns alsdann, da sie vielmehr als Gottes und nicht als unsere Werke erkannt werden, zur Erreichung dieses Sabbates angerechnet werden; sie wären knechtisch, würden wir sie uns zuschreiben, und es heißt doch von jenem Sabbat13 : „Du sollst keinerlei knechtisches Werk verrichten“; deswegen spricht auch der Herr durch den Propheten Ezechiel14 : „Und meine Sabbate habe ich ihnen verordnet zu einem Zeichen zwischen mir und ihnen, damit sie erkennen, daß ich der Herr bin, der sie heiligt.“ Das werden wir vollkommen dann erkennen, wenn wir vollkommen feiern werden; da werden wir vollkommen schauen, daß nur er Gott ist.

Selbst auch die Zahl der Weltalter, sozusagen der Welttage, weist deutlich auf diese Sabbatruhe hin, wofern man die Weltalter nach den in der Schrift angegebenen Zeitabschnitten berechnet; denn da fällt sie dann auf den siebenten Zeitabschnitt: das erste Weltalter als der erste Tag reicht von Adam bis zur Sündflut, der zweite von da bis Abraham, beide einander gleich an Zahl der Geschlechtsfolgen, deren auf jedes zehn treffen, nicht an Zeitdauer. Darauf folgen nun die drei vom Evangelisten Matthäus begrenzten Weltalter bis zur Ankunft Christi15 , jedes in vierzehn Generationen sich entwickelnd, nämlich das eine von Abraham bis David, das andere von da bis zur babylonischen Gefangenschaft, das dritte von da bis zur Menschwerdung Christi. Alle zusammen bis daher machen fünf aus. Das sechste Weltalter ist jetzt im Laufe, und es läßt sich nicht nach einer bestimmten Zahl von Geschlechtsfolgen abgrenzen, weil es heißt16 : „Es steht euch nicht an, die Zeiten zu wissen, die der Vater in eigener Macht festgesetzt hat.“ Nach Ablauf auch dieses Weltalters wird Gott als am siebenten Tage ruhen, indem er in sich selbst eben diesen Tag, der wir sind, ruhen lassen wird17 . Von diesen einzelnen Weltaltern hier ausführlicher zu handeln, würde zu weit führen; aber dieses siebente Weltalter wird unser Sabbat sein, dessen Ende nicht ein Abend sein wird, sondern als der ewige achte Tag der Tag des Herrn, der durch Christi Auferstehung geheiligt ist und das Ruhen nicht nur des Geistes, sondern auch des Leibes vorbildet. Da werden wir feiern und schauen, schauen und lieben, lieben und preisen. Ja wahrhaftig, so wird es sein ohne Ende am Endziel. Denn das eben ist unser Endziel, zu einem Reich zu gelangen, dem kein Ziel durch ein Ende gesetzt ist.

Damit glaube ich mich der Verpflichtung, die mir dieses umfangreiche Werk auferlegte, mit Hilfe des Herrn entledigt zu haben. Manchen werden die Ausführungen unzulänglich, manchen zu weitgehend erscheinen: sie mögen mir Nachsicht gewähren; wem sie aber genügen, der freue sich mit mir und danke, nicht mir, sondern mit mir Gott.

Amen. Amen.

1: Vgl 1 Kor. 15, 28.
2: Ps. 83, 5.
3: Oben XXII 24, 4. Absatz.
4: Lev. 26, 12.
5: 1 Kor. 15, 28.
6: Ps. 88, 2.
7: Ebd. 45, 11.
8: Vgl. oben XI 31 [Band II S. 193].
9: Gen. 2, 2 f.
10: Gen. 3, 5.
11: Vgl. Ps. 89, 7.
12: Vgl. 1 Kor. 15, 28.
13: Deut. 5, 14.
14: Ezech. 20, 12.
15: Matth. 1, 17.
16: Apg. 1, 7. Vgl. oben XVIII 53, 1. Absatz [Bd. III S. 186].
17: Vgl. oben XI 8 [Band II S. 154].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger