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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
22. Buch

22. Die Nöte und Übel, in die das Menschengeschlecht infolge der ersten Übertretung verstrickt ist und woraus man nur durch die Gnade Christi erlöst wird.

Denn schon in seinen Anfängen bezeugt das irdische Leben, wenn es mit seinen unzähligen schweren Übeln überhaupt noch den Namen Leben verdient, daß das gesamte Geschlecht der Sterblichen verdammt worden ist. Darauf weist hin eine geradezu schauerliche Unwissenheit, die Mutter all des Irrtums, der sämtliche Adamskinder umfängt wie ein düsterer Schlund, so daß sich der Mensch nur mit Mühe, unter Schmerz und Angst herausarbeiten kann. Und nicht minder auch die Liebe zu so vielen nichtigen und schädlichen Dingen, und was daraus entspringt: nagende Sorge, Beunruhigung, Trauer, Furcht, unsinnige Freude, Zwist und Streit, Krieg, Nachstellung, Zorn, Feindschaft, Falschheit, Schmeichelei, Betrug, Diebstahl, Raub, Untreue, Hochmut, Ehrgeiz, Neid, Totschlag, Verwandtenmord, Grausamkeit, Wildheit, Liederlichkeit, Schwelgerei, Frechheit, Unverschämtheit, Schamlosigkeit, Hurerei, Ehebruch, Blutschande und all die vielen widernatürlichen Unzuchtssünden bei beiden Geschlechtern, die auch nur zu nennen schandbar ist1 , Gottesschändung, Häresie, Gotteslästerung, Meineid, Unterdrückung von Unschuldigen, Verleumdung, Hintergehung, Rechtsverdrehung, falsches Zeugnis, ungerechtes Urteil, Gewalttätigkeit, Spitzbüberei, und noch gar vieles der Art, was mir nur eben nicht einfällt, aber vom irdischen Leben der Menschen unzertrennlich ist. Mag das immerhin nur bei bösen Menschen vorkommen, es entspringt doch aus derselben Wurzel des Irrtums und verkehrter Liebe, mit der jedes Adamskind geboren wird. Wem wäre es auch unbekannt, mit welch großem Mangel an Wahrheitskenntnis, der ja gerade bei den kleinen Kindern klar ersichtlich ist, und mit welch großem Überschuß an nichtigem Begehren, der sich dann im Knabenalter zu zeigen beginnt, der Mensch in das Leben eintritt, so daß er, wollte man ihn nach seinem Belieben leben und tun lassen, was er möchte, mehr oder weniger auf all die erwähnten und nicht erwähnten Schandtaten und Niederträchtigkeiten verfiele.

Allein da die göttliche Führung die Verdammten nicht gänzlich sich selbst überläßt und Gott auch in seinem Zorn mit seinen Erbarmungen nicht zurückhält2 , so sind ebenfalls in den Sinnen des Menschengeschlechtes Verbot und Bildung als Wache bestellt zum Schutz in dieser Finsternis, mit der wir auf die Welt kommen, und leisten den Angriffen Widerstand, freilich auch wieder überall begleitet von Mühsal und Schmerz. Oder worauf zielen denn die vielgestaltigen Einschüchterungsmittel ab, die man anwendet, um die Kindereien der Kleinen in Zaum zu halten? Wofür hat man Erzieher, Lehrer, Ruten, Riemen und Stecken und die ganze Zucht, mit der man, wie die Heilige Schrift sagt3 , die Lenden des geliebten Sohnes schmeidigen soll, damit er nicht ungebändigt heranwachse und zuletzt, unlenksam geworden, nur schwer oder vielleicht gar nicht mehr gebändigt werden kann? Was sonst bezweckt man mit all diesen harten Vorkehrungen, als die Unbildung niederzuringen und die böse Begierde zu zügeln, Übel, die wir in diese Welt mitbringen? Denn woher kommt es, daß es uns Mühe macht, etwas zu merken, und keine, zu vergessen? Mühe, zu lernen, und keine, unwissend zu sein? Mühe, fleißig zu sein, und keine, untätig zu sein? Zeigt sich darin nicht deutlich, wohin die verderbte Natur sozusagen vermöge ihrer Schwerkraft von selbst sich neigt und welcher Nachhilfe es bedarf, sie davon zu befreien? Die Trägheit, die Laßheit, die Faulheit, die Nachlässigkeit, womit man der Arbeit aus dem Wege geht, sind unbestreitbare Gebrechen, während die Arbeit selbst, auch die nützliche, eine Plage ist.

Doch das sind erst die Plagen für das Kind, unvermeidlich, wenn das gelernt werden soll, was die Vorgesetzten wollen, die auch wieder nur selten etwas zum wirklichen Nutzen der Kinder wollen. Aber wie viele schwere Plagen suchen außerdem das Menschengeschlecht heim, begründet in dem gemeinsamen Los menschlichen Elends, nicht etwa in der Bosheit und Verworfenheit schlechter Menschen! Unsagbar in der Tat, nicht einmal ausdenkbar! Welch große Besorgnis, welches Unglück wird verursacht durch den Tod der Teuersten, durch Einbuße am Vermögen, durch Verurteilungen, durch Lüge und Trug der Menschen, durch falschen Verdacht, durch jede Art fremder Gewalt- und Freveltat! Gehören doch hierher Plünderung und Gefangennahme, Fesseln und Kerker, Verbannung und Marter, Verstümmelung an den Gliedern und Verlust der Sinne, Vergewaltigung zur Stillung schnöder Lust des Schänders und sonst noch viel Entsetzliches. Wieviel Unheil kommt von den zahllosen äußeren Zufällen, die den Leib bedrohen, von Hitze und Kälte, von Stürmen, Regengüssen, Überschwemmungen, von Blitz und Donner, Hagel und Wetterschlag, von Erdrutschungen und Erdspaltungen, vom Einsturz von Gebäuden, von Wut und Scheu oder auch Bösartigkeit der Haustiere, von den vielen giftigen Gewächsen, Wassern, Düften und Tieren, von den oft nur schmerzhaften, oft auch tödlichen Bissen wilder Tiere, von der Wutkrankheit, die durch einen wütenden Hund beigebracht wird — so daß ein seinem Herrn sonst schmeichelndes und anhängliches Tier mitunter heftiger und entsetzlicher gefürchtet wird als selbst Löwen und Drachen — und die den Menschen, den sie etwa ergreift, durch Ansteckung ebenfalls wütend macht, so daß Eltern und Gattin und Kinder sich vor ihm scheuen mehr als vor irgendeinem wilden Tier. Welchen Übeln ist man zu Schiff ausgesetzt, aber auch bei Reisen zu Lande! Mag einer gehen, wo er will, ist er irgendwo sicher vor unvermuteten Unfällen? Auf dem Wege vom Forum nach Hause fiel einer, obwohl ihm an den Füßen nichts fehlte, brach den Fuß und starb an dieser Verletzung. Wie sicher, meint man, ist man im Sitzen! Und doch fiel der Hohepriester Heli von dem Stuhl, worauf er saß, und war tot4 . Unfälle an den Feldfrüchten gewärtigen mit Besorgnis vom Himmel her, von der Erde aus oder von schädlichen Tieren die Landwirte, und nicht bloß sie, nein, alle Leute. Immerhin ist man gewöhnlich wenigstens von dem Augenblick an beruhigt, da die Früchte gesammelt und eingeheimst sind. Und doch hat schon manchmal, wie ich selber weiß, eine unversehens eintretende Überschwemmung den reichsten Früchteertrag aus der Scheune heraus mit sich genommen, da die Menschen sich vor dem Wasser flüchten mußten. Wer möchte gegenüber den tausendfachen Angriffen von Dämonen auf seine Unschuld pochen? Quälen sie doch mitunter selbst die getauften Kleinen, gewiß das Unschuldigste, was es gibt, mit Gottes Zulassung in einer Weise, daß gerade an ihnen sich aufs deutlichste zeigt, wie sehr das irdische Leben ein Jammertal ist und das jenseitige mit seiner Glückseligkeit das Land der Sehnsucht zu sein verdient. Nun gar erst der Leib! Ein Herd von Krankheiten in solcher Zahl, daß nicht einmal die Bücher der Ärzte alle enthalten; und bei den meisten, ja fast allen Krankheiten verursachen die Erleichterungs- und Arzneimittel selbst auch wieder Qualen, so daß die Menschen vor dem durch Leiden drohenden Verderben nur durch eine wieder mit Leiden verbundene Hilfe gerettet werden. Hat nicht unerträgliche Hitze Menschen so weit gebracht, in brennendem Durst menschlichen Harn zu trinken, sogar ihren eigenen? Hat nicht der Hunger sie so weit gebracht, daß sie sich des Genusses von Menschenfleisch nicht mehr enthalten konnten und dabei nicht etwa verstorbene Menschen, sondern eigens zu dem Zweck getötete verzehrten, und auch da nicht beliebige fremde, sondern Mütter ihre eigenen Kinder in unfaßbarer Grausamkeit, die nur auf Rechnung eines wahnsinnigen Hungers zu schreiben ist? Ja schließlich selbst der Schlaf, der recht eigentlich als Ruhe bezeichnet zu werden verdient hat, schildere es, wer kann, wie unruhig er oft ist infolge von Traumgesichten und mit welchen Schrecknissen, die er so natürlich vor Augen führt, daß man sie von wirklichen nicht unterscheiden kann, er die geplagte Seele und die Sinne verwirrt. Und mit solch falschen Vorspiegelungen wird man bei gewissen Krankheiten und infolge von Gifttränken auch in wachem Zustand jämmerlich geängstigt; ja böse Dämonen betören mitunter selbst auch gesunde Menschen in vielfältig schillerndem Trug mit solchen Erscheinungen, um deren Sinne wenigstens durch den Reiz verführerischer Trugbilder zu täuschen, wenn es ihnen auch etwa nicht gelingt, sie dadurch zum Eingehen auf ihre Absichten zu bringen.

All das macht dieses unselige Leben zu einer Art Hölle, und daraus erlöst uns einzig die Gnade Christi des Heilandes, unseres Gottes und Herrn [das sagt ja schon der Name Jesus, der so viel wie Heiland bedeutet]; er erlöst uns davon namentlich in dem Sinne, daß auf dieses Leben nicht ein noch unseligeres und ewig dauerndes folge, das nun freilich nicht mehr Leben, sondern Tod wäre. Denn im gegenwärtigen Leben erhalten wir zwar auch große Tröstungen in Heilung von Übeln durch heilige Dinge oder heilige Personen, jedoch nicht immer werden solche Wohltaten auch wirklich denen zuteil, die darum bitten, damit man nicht um solcher Vorteile willen eine Religion aufsuche, die man in erster Linie aufzusuchen hat um eines anderen Lebens willen, in welchem es überhaupt kein Übel gibt; und wenn die Gnade allen einigermaßen Guten beisteht in diesem Elend, so geschieht es vorab, damit sie je gläubiger je tapferer diese Übel ertragen können. Dazu wäre nach der Versicherung der gebildeten Weltleute nun allerdings auch die Philosophie tauglich, die in ihrer echten Gestalt von den Göttern einigen wenigen zuteil geworden ist, wie Tullius sagt5 , und zwar als das größte Geschenk, das die Menschen von den Göttern erhielten oder überhaupt erhalten konnten. So sehr sehen sich also auch unsere Gegner genötigt, den Besitz der wahren, nicht irgendwelcher Philosophie als göttliche Gnade anzuerkennen. Aber freilich, wenn nur wenigen in der wahren Philosophie der einzige Behelf wider die Nöte dieses Lebens von den Göttern an die Hand gegeben worden ist, so zeigt sich auch darin deutlich genug, daß das Menschengeschlecht zur Ertragung von Nöten und Peinen verdammt ist. Wie aber nach ihrem Eingeständnis diese göttliche Gabe von allen die größte ist, so ist auch anzunehmen, daß sie nur von dem Gott gespendet wird, der, wiederum nach den eigenen Worten der Verehrer vieler Götter, unter allen der größte ist.

1: Vgl. Eph. 5, 12.
2: Vgl. Ps. 76, 10.
3: Ekkli. 30, 12.
4: 1 Kön. 4, 18
5: Cic., De finibus 5, 21, 58. Acad. post. 1, 2, 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger