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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
22. Buch

20. Bei der Auferstehung der Toten wird das, was zum Wesen des Leibes gehört, wieder vollständig gemacht, mögen die Leiber in noch so kleine Teilchen aufgelöst sein und von woher immer zusammengeholt werden müssen.

Sicher aber vermag die Allmacht des Schöpfers zum Zweck der Auferweckung und Wiederbelebung des Leibes all das wieder herbeizurufen, was von wilden Tieren oder vom Feuer verzehrt worden oder in Staub und Asche zerfallen ist oder sich in Flüssigkeit aufgelöst oder in Luft verflüchtigt hat. Sicher gibt es keine Winkel, kein Versteck in der ganzen Natur, worin sich etwas, was sich unseren Sinnen entzieht, so verbergen könnte, daß es der Kenntnis des Allschöpfers entginge oder seiner Macht unerreichbar wäre. Hat doch schon Cicero, dieser bedeutende Schriftsteller aus dem gegnerischen Lager, da er von Gott eine Begriffsbestimmung geben wollte, so gut er imstande war, gesagt1 : „Er ist ein ungebundener, freier Geist, rein von aller Zusammensetzung mit Vergänglichem, alles erkennend und bewegend und selbst mit ewiger Bewegung ausgestattet.“ Er hat das gefunden in den Lehren der großen Philosophen. Wie sollte also, um mich in ihrer Weise auszudrücken, irgend etwas dem alles Erkennenden verborgen bleiben, dem alles Bewegenden irgend etwas wirksam sich entziehen können?

Von hier aus läßt sich nun auch die schwierigste all dieser Fragen entscheiden, die sich erhebt angesichts des Falles, daß das Fleisch eines toten Menschen zugleich das eines lebenden wird, ich meine die Frage, wer von den beiden dieses Fleisch bei der Auferstehung zurückerhält. Wenn nämlich jemand, von Hunger erschöpft und getrieben, sich von Menschenleichnamen nährt, welch grausiger Fall wiederholt vorgekommen ist, wie die alte Geschichte bezeugt und unselige Erfahrungen aus unseren Zeiten lehren, so wird man jedenfalls nicht glaubhaft machen können, daß alles durch den Darm wieder abgegangen, nichts davon in das Fleisch des Verzehrenden verwandelt worden und übergegangen sei; schon die verschwundene Magerkeit zeigt deutlich genug, woran durch solche Nahrung Verluste ersetzt worden sind. Einiges nun habe ich schon oben angedeutet, was zur Lösung auch dieses Knotens dienlich wird sein müssen. Was nämlich der Hunger an Fleisch hinwegnahm, das ist bekanntlich in Luft verflüchtigt, aus der, wie gesagt, der allmächtige Gott das Entflohene wieder herbeirufen kann. Das in Hungersnot verzehrte Fleisch wird also dem zurückgegeben, in welchem es ursprünglich menschliches Fleisch zu sein anfing. Bei diesem anderen ist es gleichsam entlehnt worden; es ist sonach als Lehngut anzusehen und muß wie entlehntes Geld dem zurückerstattet werden, von dem es stammt. Der vom Hunger Entkräftete dagegen wird sein eigenes Fleisch zurückerhalten von dem, der auch das in die Luft Verflüchtigte wieder herbeirufen kann. Freilich würde selbst dann, wenn es vollständig verloren gegangen wäre und in gar keinem Schlupfwinkel der Natur irgend etwas von seiner stofflichen Masse zurückgeblieben wäre, der Allmächtige diese doch wiederherstellen, aus was er wollte. Jedoch im Hinblick auf den Ausspruch der Wahrheit: „Kein Haar von eurem Haupte wird verloren gehen“ hat es keinen Sinn anzunehmen, es könnte eine so große, vom Hunger aufgeriebene und verzehrte Fleischesmasse verloren gehen, wenn doch nicht einmal ein Haar vom Menschen verloren gehen kann.

Aus all dem, was wir nun da nach unserem bescheidenen Vermögen betrachtet und behandelt haben, ergibt sich als Endertrag, daß bei der Auferstehung des Fleisches zur Ewigkeit die Leibesgröße ein Maß haben wird, wie es der Leib eines jeden kraft der ihm angeborenen möglichen Größe während seiner Jugendfülle erreichte oder hätte erreichen sollen, wobei überdies in den Maßen aller Einzelglieder eine ausgeglichene Schönheit gewahrt ist. Diese Schönheit zu wahren, muß etwa hier und dort von einer unförmlich großen Masse etwas weggenommen werden, um über die Gesamtmasse verteilt zu werden, damit einerseits auch dies nicht verloren gehe und andererseits doch die Abgeglichenheit der Teile allenthalben eingehalten werde; und wir mögen immerhin annehmen, daß von solchem Überschuß auch der Körpergestalt ein Zuwachs zuteil werden könne, indem das, was sich unpassend ausnähme, wenn es an einem einzelnen Körperteil in außerordentlicher Größe aufträte, über die Gesamtheit der Teile sich verbreitet zur Wahrung ihrer Schönheit. Will aber jemand daran festhalten, daß jeder in der Körpergestalt auferstehen werde, die er beim Tode hatte, so braucht man sich dagegen nicht zu ereifern; es muß nur verbannt bleiben alle Verunstaltung, alle Schwachheit, alle Schwerfälligkeit und alle Vergänglichkeit und was sonst nicht paßt für ein Reich, in welchem die Kinder der Auferstehung und Verheißung gleich sein werden den Engeln, zwar nicht dem Leibe und dem Alter nach, jedoch sicher an Glückseligkeit.

1: Cic. Tusc. 1, 27.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger