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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
22. Buch

17. Wird der Frauenleib in seinem eigenen Geschlechte erweckt werden und fortdauern?

Im Hinblick auf die beiden angeführten Stellen, worin die Rede ist vom „vollkommenen Mann“, vom „Vollmaß des Alters Christi“, wozu wir alle erwachsen sollen, und von der Gleichgestaltung mit dem „Bilde des Sohnes Gottes“, glaubt man mitunter, es würde das Weib nicht in seinem weiblichen Geschlecht auferstehen, vielmehr alles im männlichen, da Gott nur den Mann aus Erde gemacht hat, das Weib aber aus dem Manne. Doch nach meiner Ansicht haben eher die Recht, die an der Auferstehung beider Geschlechter festhalten. Es wird ja dort keine Begierlichkeit geben, und damit entfällt die Ursache der Scham. Vor der Sünde waren Mann und Weib auch nackt und schämten sich nicht. Dem Auferstehungsleib nun werden wohl die Gebrechen abgestreift sein, doch die Natur bleibt ihm erhalten. Ein Gebrechen aber ist die weibliche Geschlechtlichkeit nicht, sie ist vielmehr Natur, die fortan jedoch erhaben sein wird über Beilager und Geburt; allein bestehen bleiben werden die weiblichen Glieder, nicht dem alten Zweck, sondern der neuen Schönheit angepaßt, einer Schönheit, die nicht durch die Augen Begierde weckt — eine solche gibt es ja nicht mehr —, sondern zum Preise der Weisheit und Güte Gottes anregt, der Neues geschaffen und das Alte von der Vergänglichkeit befreit hat. Wenn nämlich zu Beginn des Menschengeschlechtes aus einer der Seite des schlafenden Mannes entnommenen Rippe das Weib erschaffen wurde1 , so geschah dies, weil schon damals Christus und die Kirche vorgebildet werden sollten. Jener tiefe Schlaf des Mannes war der Tod Christi, dessen Seite, während er entseelt am Kreuze hing, mit einer Lanze durchbohrt worden ist, worauf Blut und Wasser aus ihr floß2 ; und das sind bekanntlich die Sakramente, aus denen die Kirche erbaut wird. Denn selbst auch dieses Wortes bedient sich der Schöpfungsbericht; es heißt dort nicht: er formte, oder: er bildete, sondern „er baute sie [die Rippe] zum Weib“3 ; wie denn hinwieder der Apostel von einem Bau des Leibes Christi4 , d.i. der Kirche, spricht. Gottes Geschöpf ist also wie der Mann so auch das Weib; um jedoch die Einheit zu betonen, ist sie aus dem Manne erschaffen worden, und um, wie gesagt, Christus und die Kirche vorzubilden, ist sie auf die angedeutete Weise erschaffen worden. Sonach wird Gott, wie er beide Geschlechter schuf, auch beide wiederherstellen. Übrigens hat Jesus selbst einen diesbezüglichen Ausspruch getan: als ihn die eine Auferstehung leugnenden Sadduzäer fragten, welcher von sieben Brüdern die Frau haben werde, die sie alle nacheinander gehabt hatten, indem jeder dem Verstorbenen Nachkommenschaft erzeugen wollte, wie es das Gesetz vorschrieb, da erwiderte er5 : „Ihr irrt euch und kennt weder die Schrift noch die Macht Gottes“; nun wäre Gelegenheit gewesen, zu sagen: die, über welche ihr mich fragt, wird auch ein Mann sein, nicht ein Weib; aber so sagte er nicht, sondern er fuhr fort6 : „Bei der Auferstehung werden sie weder heiraten noch ein Weib nehmen, sondern sein wie Gottes Engel im Himmel“; den Engeln gleich natürlich nur in der Unsterblichkeit und Seligkeit, nicht hinsichtlich des Leibes, wie auch nicht hinsichtlich der Auferstehung, die sich für die Engel erübrigt, weil sie nicht sterben können. Also nur daß es Heiraten gebe bei der Auferstehung, hat der Herr in Abrede gestellt, nicht aber, daß es Frauen geben werde; und er hat es in Abrede gestellt bei Beantwortung einer Frage, die er einfacher hätte lösen können durch den Hinweis auf das Nichtvorhandensein des weiblichen Geschlechtes, wenn er es in seinem Vorherwissen als nicht vorhanden erkannt hätte; ja er hat im Gegenteil dessen Vorhandensein bejaht in den Worten: „Sie werden nicht heiraten“, was sich auf die Frauen bezieht, „und kein Weib nehmen“, was für die Männer gilt. Also werden die Menschen so sein, wie sie hienieden zu heiraten oder Frauen zu nehmen pflegen; sie werden es nur nicht tun im Jenseits.

1: Gen. 2, 21.
2: Joh. 19, 34.
3: Gen. 2, 22.
4: Eph. 4, 12.
5: Matth. 22, 29.
6: Ebd. 22, 30.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger