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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
22. Buch

12. Die Quertreibereien der Ungläubigen, womit sie sich über die Christen lustig machen wegen des Glaubens an die Auferstehung des Fleisches.

Doch man liebt es, Spitzfindigkeiten hervorzusuchen und unseren Glauben an die Auferstehung des Fleisches lächerlich zu machen durch Fragen wie die, ob denn auch die fehlgeborene Leibesfrucht auferstehe, und weiter — da der Herr sagt1 : „Wahrlich, ich sage euch, nicht ein Haar von eurem Haupte wird verloren gehen“ —, ob Gestalt und Kraft bei allen gleich oder ob die Größe des Leibes verschieden sein werde. Werden nämlich die Leiber alle gleich sein, woher werden dann die Fehlgeborenen, falls auch sie auferstehen werden, den Zuwachs an Körpermasse nehmen? Oder falls sie nicht auferstehen werden, weil sie ja auch nicht eigentlich geboren, sondern ausgestoßen sind, so wirft man dieselbe Frage bezüglich der Kinder auf, die im Kindesalter sterben, woher ihnen die Leibeslänge zuwachse, die ihnen hienieden allem Augenschein nach fehlt. Denn selbstverständlich würden wir doch an der Auferstehung wenigstens derer festhalten wollen, die nicht nur eigentlicher Geburt, sondern auch der Wiedergeburt fähig sind. Man fragt weiter, welches Maß die Gleichheit haben wird. Denn wenn alle so groß und lang sein werden, wie die Größten und Längsten hienieden gewesen, so erhebe sich nicht bloß bezüglich der Kinder, sondern für einen viel weiteren Kreis die Frage, woher der Zuwachs dessen, was hienieden gefehlt hat, kommen soll, falls jeder nur das zurückerhält, was er hienieden gehabt hat; wenn aber das Wort des Apostels2 , daß wir alle „zum Vollmaß des Alters Christi“ gelangen werden, und seine Aussage über die3 , „welche er vorherbestimmt hat, gleichgestaltet zu werden dem Bilde seines Sohnes“, dahin zu verstehen ist, daß Gestalt und Maß des Leibes Christi vorbildlich sein werde für den Menschenleib aller, die in seinem Reiche sich befinden werden, so würden viele an Größe und Länge des Leibes einbüßen, und wo bleibe dann die Verheißung: „Kein Haar von eurem Haupte wird verloren gehen“, wenn doch sogar von der Ausdehnung des Leibes so viel verloren gehe? Ja man könne gerade auch auf die Haare die Untersuchung erstrecken und fragen, ob das alles wiederkehrt, was beim Scheren abfällt. Kehrt es wieder, welch entsetzliche Verunstaltung! Denn dasselbe müßte dann folgerichtig auch von den Nägeln gelten, und es würde also all das wiederkehren, was man bei der Körperpflege abgeschnitten hat. Wo bleibt da die Schönheit, die doch in jener Unvergänglichkeit wird größer sein müssen, als sie in der irdischen Vergänglichkeit nur je sein konnte? Kehrt aber dergleichen nicht zurück, so wird es ja verloren gehen. Wie sollte also, sagt man, kein Haar vom Haupte verloren gehen? Auch Magerkeit und Dicke zieht man in diesem Zusammenhang in die Erörterung herein. Denn wenn alle gleich sein werden, gibt es natürlich nicht Magere und Dicke. Also wird den einen etwas zuwachsen, den anderen etwas verringert werden; und sonach ist es gar nicht an dem, daß man an sich nähme, was vorhanden war, sondern hier ist etwas zu ergänzen, was nicht vorhanden war, und dort wieder etwas zu beseitigen, was vorhanden war.

Auch die verschiedenen Arten von Verwesung und Zerfall der Leichname werden als Schwierigkeit empfunden: der eine verwandelt sich in Staub, ein anderer verflüchtigt sich in Luft; manche Menschen werden von wilden Tieren aufgefressen, andere vom Feuer verzehrt; bei einem Schiffbruch oder sonst im Wasser gehen die Leute so zugrunde, daß die Fäulnis ihr Fleisch in Flüssigkeit auflöst. Daran stößt man sich nicht wenig und will nicht glauben, daß all diese verschiedenen Stoffe sich wieder zu Fleisch verdichten und zum früheren Ganzen wiederhergestellt werden könnten. Auch allen möglichen Häßlichkeiten und Gebresten, angeborenen und erworbenen, geht man mit rührendem Eifer nach, zieht dabei auch mit Grausen und Spott die Mißgeburten heran und fragt, welches denn wohl der Auferstehungszustand all dieser Mißbildungen sein werde. Stellen wir nämlich in Abrede, daß solche Zustände bei den Auferstehungsleibern neuerdings auftreten, so bildet man sich ein, unsere Stellungnahme widerlegen zu können durch den Hinweis auf die Wundmale, mit denen Christus der Herr nach unserer Verkündigung auferstanden ist. Doch die schwierigste aller Fragen, die man in diesem Zusammenhang aufwirft, ist die, in wessen Fleisch bei der Auferstehung das Menschenfleisch zurückkehren wird, mit dem sich unter dem Zwang des Hungers der Leib eines anderen genährt hat. Es wurde dabei verwandelt in das Fleisch dessen, der von solcher Speise lebte, und es hat dessen Verluste ersetzt, die in der Abmagerung in die Erscheinung traten. Ob es dem Menschen zurückgegeben wird, dem es ursprünglich gehört hat, oder dem, dessen Fleisch es später geworden ist, danach fragt man angelegentlich, in der Absicht, den Glauben an die Auferstehung lächerlich zu machen, um dann der Seele des Menschen entweder einen beständigen Wechsel zwischen wirklicher Unseligkeit und irrtümlicher Seligkeit in Aussicht zu stellen wie Plato4 , oder sich mit Porphyrius dazu zu bekennen, daß die Seele wenigstens schließlich einmal, wenn auch ebenfalls nach vielen Wanderungen durch verschiedene Leiber, am Ende ihrer Unseligkeit ankomme und zu ihr nie mehr zurückkehre, selig jedoch nicht im Besitz eines unsterblichen Leibes, sondern durch endgültige Trennung von allem Körperlichen5 .

1: Luk. 21, 18.
2: Eph. 4. 13.
3: Röm. 8, 29.
4: Vgl. oben X 30 [Band II S. 130 f.].
5: Vgl. oben X 29 [Band II S. 127].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger