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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
21. Buch

6. Wunder gibt es nicht bloß im Bereich der Natur, viele hat auch der Menschengeist zuwege gebracht, viele aber auch beruhen auf Kunstgriffen von Dämonen.

Hier werden nun etwa unsere Gegner einwenden: „Gar keine Rede davon, daß es so etwas gäbe oder daß wir es glaubten; es ist erlogen, was man darüber erzählt, und ebenso erlogen, was man darüber geschrieben hat“; und sie werden dann mit ihren Schlußfolgerungskünsten aufwarten und sagen: „Wenn man solches Zeug glauben muß, so müßt auch ihr glauben, was in den gleichen Schriften vorkommt, daß es nämlich ein Heiligtum der Venus gegeben habe oder gebe und darin einen Leuchter und darauf ein Licht, das im Freien brennt und durch keinen Sturm und durch keinen Regen zum Erlöschen gebracht wird, weshalb man diesem Lichte den Namen lucnoj asbestoj, unauslöschliche Leuchte, gab, gerade so wie man den erwähnten Stein als Asbest bezeichnet.“ So könnten sie etwa reden, um uns in die Enge zu treiben; denn geben wir die Glaubwürdigkeit des Berichtes preis, so entkräften wir jene Wunderaufzeichnungen; geben wir sie zu, so stellen wir uns auf die Seite der Heidengötter. Allein wir unsererseits sind nicht in der Zwangslage, alles glauben zu müssen, was in der weltlichen Geschichtschreibung vorkommt, wie ich bereits im achtzehnten Buch dieses Werkes gesagt habe1 , zumal da die Geschichtschreiber selbst nach einem Ausspruche Varros wie absichtlich und mit Fleiß in vielem voneinander abweichen; vielmehr glauben wir, wenn es uns sonst paßt, nur das, was mit den Schriften nicht in Widerspruch steht, denen wir nach unserer festen Überzeugung glauben müssen. Von den berührten Zustandswundern aber mögen uns bei der Aufgabe, Ungläubige von den künftigen Ereignissen zu überzeugen, solche Erscheinungen genügen, von denen auch wir uns Kenntnis verschaffen können durch Erfahrung und für die man leicht zuverlässige Zeugen auftreiben kann. Dagegen das Heiligtum der Venus mit seiner unauslöschbaren Leuchte treibt uns so wenig in die Enge, daß es uns im Gegenteil einen weiten Spielraum eröffnet. Wir legen nämlich zu dieser unauslöschbaren Leuchte auch noch die vielen Wunder, die herbeigeführt wurden durch menschliche Künste und durch magische, d. h. durch dämonische, in Menschen wirksame Künste, und die von Dämonen persönlich gewirkten Wunder; solche in Abrede zu stellen, fällt uns gar nicht ein; das würde uns ja in Gegensatz bringen gerade zu unserer Quelle der Wahrheit, zu den heiligen Schriften. Es hat also bei jener Leuchte entweder Menschenkunst irgendeine künstliche Vorrichtung geschaffen mit Hilfe des Asbeststeines, oder es ist durch magische Kunst eine Erscheinung zuwege gebracht worden, die von den Leuten an jenem Tempel angestaunt wurde, oder es hat sich irgendein Dämon unter dem Namen der Venus so wirksam gegenwärtig gezeigt, daß dieser Spuk hier den Leuten vor Augen trat und eine Zeitlang andauerte. Dabei hat aber Gott, nicht etwa dämonische Macht, die Dinge geschaffen, die von Dämonen beschlagnahmt werden, und die Dämonen lassen sich dazu verlocken durch verschiedene anziehende Eigenschaften je nach ihrer eigenen Verschiedenheit, nicht so wie die Tiere, die durch Futter angelockt werden, sondern als Geister durch Sinnbilder, die der besonderen Neigung eines jeden entsprechen, sie lassen sich also dazu verlocken durch allerlei Arten Gestein und Gesträuch, Bäume und Tiere, Gesänge und Gebräuche. Wollen sie sich aber von Menschen anlocken lassen, so betören sie sie zuerst mit ausgesuchter Schlauheit, indem sie ihren Herzen verborgenes Gift einhauchen oder auch in verstellter Freundschaft erscheinen, und auf solche Weise machen sie einige wenige zu ihren Schülern, die dann wieder die Lehrmeister für viele werden. Man hätte ja, wenn sie nicht selbst zuerst die Lehrmeister gewesen wären, gar nicht inne werden können, was jeder einzelne dieser Dämonen heischt und was er haßt, mit welcher Anrufung man ihn zu ersuchen hat, mit welcher ihn zwingen kann; daraus erwuchsen dann die magischen Künste und ihre Jünger, Hauptsächlich aber ergreifen sie Besitz von den Herzen der Sterblichen, indem sie sich in Engel des Lichtes verwandeln2 , und des so erworbenen Besitzes rühmen sie sich am meisten. Es gibt also Dämonenwerke in großer Zahl, und als je wunderbarer wir sie anerkennen, um so sorgfältiger müssen wir vor ihnen auf der Hut sein; jedoch für unser gegenwärtiges Thema sind auch sie uns nützlich. Wenn nämlich Derartiges schon unreine Dämonen zustande bringen, wieviel mächtiger sind dann die heiligen Engel, wieviel mächtiger als alle diese erst Gott, der auch die Engel selbst erschaffen hat, diese großen Wundertäter.

Fassen wir also zusammen: Viele und große Wunderdinge, mhcanhmata nennt man sie, werden durch menschliche Kunst vollbracht, indem sich diese die Schöpfung Gottes dienstbar macht, so große Wunderdinge, daß man ihnen göttlichen Ursprung zuschreibt, wenn man darum keine genauere Kenntnis hat [ich erinnere nur an jenen Fall, wo in einem Tempel im Boden und an der Decke entsprechend große Magnetsteine angebracht wurden und nun das eherne Götterbild in der Mitte zwischen beiden Steinen in der Luft schwebte, so daß die, die um das Vorhandensein der Magnete nicht wußten, das Schweben der Kraft der Gottheit zuschrieben3 ; etwas Ähnliches mag auch, wie schon erwähnt, bei jener Leuchte der Venus mit dem Asbeststein auf künstliche Weise zuwege gebracht worden sein]; Werke von Magiern oder von „Giftmischern und Zauberern“, wie sie unsere Schrift nennt, verstanden die Dämonen in einer Weise hinaufzuschrauben, daß ein berühmter Dichter die Anschauung weiter Kreise richtig wiederzugeben glaubte, wenn er von einer Frau, die in solcher Kunst wohl erfahren war, sagte4 :

„Diese verheißt durch Zaubergesang die Herzen zu lösen,

Welche sie will, und andre mit Liebesqual zu beladen,

Flüsse zu hemmen im Lauf und zurück die Gestirne zu wenden;

Auch beschwört sie die Manen der Nacht. Ihr unter den Füßen

Siehst du erbeben die Erde und Eschen vom Berg herab steigen.“

Um wieviel mehr vermag dann Gott Dinge zu vollbringen, die für die Ungläubigen unfaßbar, aber für seine Macht ein Kinderspiel sind; er ja ist der Schöpfer der im Gestein und in anderen Dingen liegenden Kraft, er der Schöpfer des Menschengeistes, der sich diese Kraft auf allerlei wunderbare Weise dienstbar macht, er der Schöpfer der Engelswesen, die mächtiger sind als alle irdischen Lebewesen, und alle Wunder reichen nicht heran an seine wunderbare Kraft und seine Weisheit im Wirken, Anordnen und Zulassen, er macht sich alles dienstbar auf ebenso wunderbare Weise, als er alles erschaffen hat.

1: XVIII 18, 2. Absatz.
2: 2 Kor. 11, 14.
3: Rufinus, Hist. eccl. 2, 23.
4: Verg. Aen. 4, 487-491.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger