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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
21. Buch

26. Worin besteht es, Christus zum Grunde zu haben, und wem wird die Rettung wie durch Feuerbrand zugesichert?

Jedoch die katholischen Christen, so wendet man weiter ein, haben zum Grunde Christus, und sie haben die Einheit mit ihm nicht aufgegeben, mögen sie auf diesem Grunde auch das schlechteste Leben aufgebaut haben, wie der Apostel sagt: Holz, Heu, Stroh; ihre Rechtgläubigkeit also, durch die Christus ihr Grund ist, wird sie dereinst vor der ewigen Dauer des Feuers retten, wenn schon mit Schaden, weil das, was darauf gebaut ist, verbrannt werden wird. Ihnen möge in aller Kürze zur Antwort dienen das Wort des Apostels Jakobus1 : „Wenn jemand sagt, er habe Glauben, ohne aber die Werke zu haben, kann ihn etwa der Glaube retten?“ Aber wen meint dann der Apostel Paulus, hält man entgegen, wenn er sagt2 : „Er selbst aber wird gerettet werden, jedoch so wie durch Feuer“? Untersuchen wir einmal miteinander, wen er da meint. Daß es freilich der nicht ist, von dem Jakobus spricht, das ist völlig sicher; sonst würden wir die Aussprüche zweier Apostel in Widerstreit zueinander bringen, wenn der eine sagte: „Mag einer auch schlechte Werke haben, so wird ihn der Glaube durch Feuer retten“, während der andere sagt: „Wenn er die Werke nicht hat, kann ihn etwa der Glaube retten?“

Stellen wir zunächst fest, was es heißt, Christus zum Grunde zu haben; dann wird sich auch zeigen, wer durch Feuer gerettet werden kann. Dabei gehen wir am besten von dem Gleichnisse selbst aus: bei jedem Gebäude ist der Grund die Hauptsache; wer also Christus so in seinem Herzen trägt, daß er ihm die Hauptsache ist im Vergleich selbst auch mit dem erlaubten und verstatteten Irdischen und Zeitlichen, der hat Christus zum Grunde; stellt er aber solches Vergängliche über Christus, so mag er wohl den Glauben an Christus haben, aber Christus ist nicht der Grund in ihm, wenn ihm dergleichen vorgezogen wird. Noch viel mehr verrät einer, daß er Christus nicht vorangestellt, sondern nachgesetzt habe, wenn er Heilsvorschriften verachtet und Unerlaubtes begeht: er hat dessen Gebot oder Erlaubnis hintangesetzt, indem er es vorzog, seine eigene Begier durch Schandtaten zu sättigen im Widerspruch zu dem, was Christus befiehlt oder gestattet. Wenn also ein Christ eine Buhlerin liebt und ihr anhängt und so e i n Leib mit ihr wird, so hat er nicht mehr Christus zum Grunde. Liebt aber einer seine Frau und liebt er sie im Geiste Christi, so ist ohne Frage Christus sein Grund; liebt er sie aber im Geiste dieser Welt, dem Fleische nach, in krankhafter Begierde, wie die Heiden, die Gott nicht kennen3 , so gestattet auch dies in der Form der Nachsicht der Apostel4 oder vielmehr durch den Apostel Christus. Es kann also auch ein solcher Christus zum Grunde haben. Wenn er nämlich solche Zuneigung und Lust in keiner Weise über Christus stellt, so ist immer noch Christus sein Grund, doch baut er darauf Holz, Heu, Stroh, und deshalb wird er nur durch Feuer gerettet werden. Denn derlei Lust und irdische Liebe, die im Hinblick auf das eheliche Band nicht verdammlich sind, wird das Feuer der Trübsal verbrennen. Zu diesem Feuer sind auch zu rechnen Gattenverlust und alle Schicksalsschläge, die mit diesen Dingen aufräumen. Und so wird dem Bauenden ein solcher Bau zum Schaden gereichen, weil er das, was er auf den Grund baute, nicht behält und der Verlust von Dingen schmerzt, an deren Genuß er Freude hatte. Jedoch durch dieses Feuer wird er gerettet werden dank dem Grunde, weil er, selbst wenn er vom Verfolger vor die Wahl gestellt würde, ob er lieber diese Annehmlichkeiten oder Christum besitzen wolle, sie Christo nicht vorziehen würde. Der Apostel selbst führt uns einen Menschen vor, der auf dem Grunde mit Gold, Silber und Edelstein weiterbaut5 : „Wer keine Frau hat, sorgt um Gottes Sache, wie er Gott gefalle.“ Er führt auch den vor, der mit Holz, Heu und Stroh weiterbaut: „Wer aber verheiratet ist, sorgt um die Dinge dieser Welt, wie er der Frau gefalle.“ „Eines jeden Werk wird offenbar werden; der Tag wird es ans Licht bringen“6 ; „denn er wird im Feuer hervorbrechen“ [eben die Trübsal meint er mit dem Feuer, wie man an anderer Stelle liest7 ; „Die Gefäße des Töpfers prüft der Ofen und die gerechten Menschen die Heimsuchung mit Trübsal“]. „Und das Feuer wird prüfen, von welcher Art eines jeden Werk ist. Wenn jemands Werk standhält“ [das hält stand, was der einzelne um Gottes Sache sorgt, wie er Gott gefalle], „das er darauf gebaut hat, wird er Lohn empfangen“ [das heißt, er wird das entgegennehmen, um was er sich gesorgt hat]; „wenn aber jemands Werk verbrennt, wird er Schaden leiden“ [weil er das nicht behalten wird, was ihm teuer war], „er selbst aber wird gerettet werden“ [weil keine Trübsal ihn losgerissen hat von der festen Verbindung mit jenem Grunde], „jedoch so wie durch Feuer“ [denn was ihn mit dem Reiz der Liebe gefesselt hat, verliert er nur mit brennendem Schmerz]. So wäre denn, wie mich dünkt, das Feuer gefunden, das keinem von beiden zur Verdammung gereicht, sondern den einen bereichert, den anderen schädigt und dabei den einen wie den anderen prüft.

Aber nehmen wir einmal an, es sei unter dem hier genannten Feuer das zu verstehen, von dem der Herr zu denen auf der Linken sagen wird: „Weichet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer“; es wären also zu den Verfluchten auch die zu rechnen, die auf dem Grunde mit Holz, Heu und Stroh weiterbauen, und sie würden aus diesem Feuer nach einer ihren Mißverdiensten entsprechenden Zeit um des guten Grundes willen befreit: so bleibt nur übrig, die zur Rechten, denen das Wort zugerufen wird: „Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt Besitz von dem euch bereiteten Reiche“, gleichzusetzen mit denen, die auf dem Grunde mit Gold, Silber und Edelgestein weitergebaut haben. Allein in das Feuer, von dem es heißt: „Jedoch so wie durch Feuer“, wenn dieses auch hier gemeint wäre, müßten ja beide Teile wandern, die zur Rechten nämlich wie die zur Linken. Denn in einem Feuer, von dem es heißt: „Der Tag wird es ans Licht bringen; denn er wird im Feuer hervorbrechen, und das Feuer wird prüfen, von welcher Art eines jeden Werk ist“, in einem solchen Feuer also müssen beide erprobt werden. Wenn nun aber das Feuer beide erprobt, mit dem Ergebnis, daß der eine Lohn empfängt, der nämlich, dessen Werk standhält, d. h. dessen Bau nicht vom Feuer verzehrt wird, während der andere, dessen Werk verbrennt, Schaden leidet, dann ist ja dieses Feuer offenbar nicht das ewige. Denn in das ewige Feuer werden nur die zur Linken durch die letzte und immerwährende Verdammung verstoßen werden, dagegen dieses Feuer prüft ja die zur Rechten. Jedoch einen Teil von ihnen mit dem Erfolg, daß es den von ihnen auf Christus als Grund aufgeführten Bau nicht verbrennt und verzehrt, und einen Teil mit anderem Erfolg, nämlich daß ihr Aufbau brennt und sie dadurch Schaden leiden, aber gerettet werden, weil sie sich an den fest zum Grunde gemachten Christus mit überwiegender Liebe gehalten haben. Werden sie aber gerettet werden, so werden sie ohne Zweifel zur Rechten ihren Platz haben und mit den übrigen vernehmen: „Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt Besitz von dem euch bereiteten Reiche“, und nicht zur Linken, wo die stehen, die nicht gerettet werden und deshalb zu hören bekommen: „Weichet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer.“ Niemand wird nämlich aus diesem Feuer gerettet werden, weil alle die zur Linken in eine ewige Pein wandern, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt8 , mit dem sie Tag und Nacht in alle Ewigkeit gepeinigt werden9 .

In der Zwischenzeit übrigens zwischen dem leiblichen Tode und dem Jüngsten Tag der Verdammnis und der Belohnung nach der Auferstehung der Toten mögen immerhin die Geister von Verstorbenen durch ein Feuer hindurchgehen, das die nicht spüren, die in ihrem Leben keine solchen Sitten und Neigungen gehabt haben, daß es bei ihnen Holz, Heu oder Stroh zu verzehren gäbe, während andere es spüren, die nämlich, welche Gebäude aus derlei Stoff mit sich schleppen, sei es daß diese Gebäude, der Welt zugewandt, jedoch nicht der Verdammnis verfallen, nur im Jenseits oder hienieden und jenseits zumal oder hienieden und nicht jenseits das zerstörende Feuer einer vorübergehenden Trübsal über sich ergehen lassen müssen. Einer solchen Meinung trete ich nicht entgegen: vielleicht ist sie richtig. Es kann ja zu dieser Trübsal auch schon der leibliche Tod zu rechnen sein, der von der Begehung der ersten Sünde herrührt; die auf ihn folgende Zeit würde dann von jedem so verspürt, wie es dessen Bauwerk entspricht. Auch die Verfolgungen, die den Märtyrern ihre Kronen verschafft haben und die die Christen überhaupt zu erdulden haben, erproben beide Arten von Bauwerken wie ein Feuer und verzehren die einen mitsamt den Erbauern, wenn sie in ihnen nicht auf den Christusgrund stoßen, andere ohne die Erbauer, wenn sie darauf stoßen, weil solche Erbauer, wenn auch mit Schaden, gerettet werden, wieder andere verzehren sie überhaupt nicht, weil sie sie in einem Zustande vorfinden, der für ewige Dauer geeignet ist. Es wird ferner beim Weltende zur Zeit des Antichrists eine Trübsal hereinbrechen, wie vorher nie eine gewesen ist. Wie viele Bauwerke wird es da geben, aus Gold und aus Heu, auf dem besten Grunde, Jesus Christus, und wie wird da das Feuer beide Arten prüfen und aus der einen Freude, aus der anderen Schaden erzeugen, dabei jedoch keine der beiden Arten von Baumeistern zugrunde richten um des trefflichen Grundes willen! Wer immer dagegen, um nicht zu reden von der eigenen Frau, die ihm durch ehelichen Umgang auch fleischliche Lust gewährt, selbst solcher Lust fernestehende Verwandte in rein menschlicher Weise dem Fleische nach so liebt, daß er sie über Christus stellt, hat Christus nicht zum Grund und wird deshalb nicht gerettet werden durch Feuer, sondern wird überhaupt nicht gerettet werden; denn er kann keine Gemeinschaft haben mit dem Retter, der über diesen Punkt ganz ausdrücklich gesagt hat10 : „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert; und wer den Sohn oder die Tochter in der Liebe über mich stellt, ist meiner nicht wert.“ Wer jedoch solch nahe Verwandte zwar fleischlich, aber doch nicht so liebt, daß er sie über Christus den Herrn stellte, und also eher auf sie als auf Christus verzichtete, falls er darüber auf die Probe gestellt würde, der wird gerettet werden durch Feuer; denn der Schmerz über ihren Verlust wird ihn unfehlbar brennen in dem Maße, als er in Liebe an ihnen gehangen. Wer endlich Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter im Geiste Christi liebt, so daß er ihnen behilflich ist, in sein Reich zu gelangen und ihm anzuhangen, oder wer in ihnen ihre Eigenschaft als Glieder Christi liebt, der hat eine Liebe, die durchaus nicht etwa wie Holz und Heu und Stroh vernichtet werden muß, sondern in jeder Hinsicht als ein Bau aus Gold, Silber und Edelgestein zu erachten ist. Und da er sie um Christi willen liebt, kann er sie ja gar nicht mehr lieben als Christum.

1: Jak. 2, 14.
2: 1 Kor. 3, 15.
3: Vgl. 1 Thess. 4, 5.
4: Vgl. 1 Kor. 7, 5 f.
5: 1 Kor. 7, 32 f.
6: der Tag der Trübsal nämlich
7: Ekkli. 27, 6.
8: Is. 66, 24.
9: Off 20, 10.
10: Matth. 10, 37.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger