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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
21. Buch

25. Untersuchung darüber, ob die Sakramente an sich schon ein Vorrecht auf Nachlaß der ewigen Strafe gewähren, so daß darauf sich Hoffnung machen dürften solche, die bei den Häretikern die Taufe erhalten haben und nachmals durch bösen Wandel schlechter geworden sind, oder solche, die, bei den Katholiken wiedergeboren, zu Häresien oder Schismen übergetreten sind, oder solche, die, ohne sich von den Katholiken zu trennen, bei denen sie die Wiedergeburt erlangt haben, in lasterhaftem Wandel verharrt haben.

Doch nun wollen wir auch denen Antwort geben, die eine Befreiung vom ewigen Feuer in Aussicht nehmen nicht etwa für den Teufel und seine Engel, was ja die anderen auch nicht tun, aber auch nicht für gar alle Menschen, sondern lediglich für die, welche durch Christi Taufe abgewaschen und seines Leibes und Blutes teilhaft geworden sind, mögen sie im übrigen welchen Wandel immer geführt, in welcher Häresie oder Gottlosigkeit immer gelebt haben. Allein wider sie erhebt sich der Apostel1 : „Offenkundig aber sind die Werke des Fleisches, nämlich Hurerei, Unreinigkeit, Üppigkeit, Götzendienst, Giftmischerei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Heftigkeiten, Spaltungen, Häresien, Neid, Trunkenheit, Völlerei und dergleichen; von diesen Dingen sage ich euch im voraus, wie früher auch schon, daß die, die solches tun, vom Reiche Gottes nicht Besitz nehmen werden.“ Dieser Ausspruch des Apostels ist ja unrichtig, wenn derlei Sünder nur überhaupt einmal befreit werden und vom Reiche Gottes Besitz nehmen. Aber er ist nicht unrichtig, und darum werden sie vom Reiche Gottes eben nicht Besitz nehmen. Und wenn sie im Besitz des Reiches Gottes niemals sein werden, so werden sie in ewiger Pein festgehalten werden; denn einen Zwischenort gibt es nicht, einen Ort, worin sich die außerhalb der Pein befänden, die nicht in jenem Reiche sind.

Darum stellt man mit Recht die Frage, wie die Worte des Herrn Jesus aufzufassen seien2 : „Dies ist das Brot, das vom Himmel herabkommt, damit keiner, der davon ißt, sterbe. Ich bin das lebendige Brot, der ich vom Himmel herabgestiegen bin; wenn jemand von diesem Brote ißt, wird er leben auf ewig.“ Nun wird freilich die Auffassung derer, mit denen wir uns jetzt beschäftigen, schon wieder umgestoßen von denen, mit welchen wir uns nachher zu beschäftigen haben; es sind das die, welche eine solche Befreiung schon nicht mehr für alle in Aussicht nehmen, die das Sakrament der Taufe und des Leibes Christi haben, sondern nur für die Katholiken, für diese aber auch bei schlechtem Wandel, weil sie nicht allein im Sakramente, sondern in Wirklichkeit den Leib Christi genossen hätten, eingegliedert nämlich seinem Leibe, von dem der Apostel sagt3 : „E i n Brot, e i n Leib sind wir, die vielen.“ Nur von dem also, der sich in der Einheit seines Leibes befindet, d. i. in dem Gefüge der Glieder Christi, eines Leibes, dessen Sakrament die Gläubigen in der Kommunion am Altare zu nehmen pflegen, kann man in Wahrheit sagen, daß er den Leib Christi esse und das Blut Christi trinke. Demnach können die Häretiker und Schismatiker, die sich getrennt haben von der Einheit mit diesem Leibe, zwar das nämliche Sakrament empfangen, aber nicht zu ihrem Nutzen, im Gegenteil zu ihrem Schaden: nicht gerettet werden sie, wenn auch erst spät, vielmehr werden sie strenger gerichtet. Sie sind eben nicht in die Friedensbande einbezogen, die in jenem Sakrament ihren Ausdruck finden.

Die Vertreter dieser Auffassung haben Recht darin, daß man von einem Genusse des Leibes Christi bei solchen nicht sprechen könne, die dem Leibe Christi nicht angehören; aber nicht Recht haben sie, wenn sie für die, welche die Einheit mit dem Leibe Christi aufgeben und in Häresie oder selbst in heidnischen Aberglauben fallen, eine dereinstige Befreiung vom Feuer der ewigen Strafpein in Aussicht nehmen. Da ist doch zunächst einmal zu berücksichtigen, wie unannehmbar und von der gesunden Lehre weit abweichend die Folgerung wäre, daß viele und fast alle, die gottlose Häresien gestiftet haben unter Austritt aus der Kirche und Häresiarchen geworden sind, ein besseres Los haben sollten als die, welche in deren Netze gerieten, ohne jemals Katholiken gewesen zu sein; und das eben wäre der Fall, wenn diese Häresiarchen lediglich durch den Umstand von der ewigen Pein befreit würden, daß sie in der katholischen Kirche getauft wurden und früher das Sakrament des Leibes Christi im wahren Leibe Christi empfangen haben; und doch ist selbstverständlich einer, der vom Glauben abtrünnig und aus einem Abtrünnigen ein Bekämpfer des Glaubens geworden ist, schlimmer als einer, der nicht erst abtrünnig geworden ist von etwas, woran er nie festgehalten hat. Sodann tritt dieser Anschauung ebenfalls der Apostel entgegen und mit denselben Worten; er kündigt nach Aufzählung jener Fleischeswerke mit derselben Wahrhaftigkeit an, „daß die, die solches tun, vom Reiche Gottes nicht Besitz ergreifen werden“.

Deshalb darf man sich auch ebensowenig bei verkommenem und verwerflichem Wandel in Sicherheit wiegen, als genüge es im Hinblick auf das Wort4 ; „Wer ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden“, wenn man nur bis ans Ende in einer Scheingemeinschaft mit der katholischen Kirche verharrt. Solche werden durch die Verkehrtheit ihres Lebenswandels abtrünnig gerade eben von der Gerechtigkeit des Lebens, die für sie Christus ist, sei es durch Hurerei oder durch Begehung anderer Unreinigkeiten und Schandtaten an ihrem Leibe, die der Apostel nicht einmal beim Namen nennen wollte, oder durch haltlose Hingabe an schändliche Üppigkeit oder durch Verübung anderer Untaten, von denen der Apostel sagt, „daß die, die solches tun, vom Reiche Gottes nicht Besitz nehmen werden“. Demnach werden die, die solches tun, nirgends anders sein als in der ewigen Pein, da sie im Reiche Gottes nicht werden sein können. Indem sie nämlich in solcher Schlechtigkeit bis ans Ende ihres irdischen Lebens verharren, kann man von ihnen selbstverständlich nicht sagen, daß sie in Christus bis ans Ende verharrt hätten: in Christus verharren heißt im Glauben an ihn verharren, und dieser Glaube ist, wie derselbe Apostel5 näher erklärt, „in der Liebe wirksam“. „Die Liebe“ aber, sagt er an anderer Stelle6 , „tut nichts Böses.“ Auch von solchen also darf man nicht sagen, daß sie den Leib Christi genössen: sie sind gar nicht seinen Gliedern beizuzählen. Es genüge darauf hinzuweisen, daß sie nicht zugleich Glieder Christi und Glieder einer Buhlerin sein können7 . Übrigens sagt ja Christus selbst8 : „Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, bleibt in mir und ich in ihm.“ Da macht er klar, was es heißt, nicht dem Sakramente nach, sondern in Wahrheit den Leib Christi essen und sein Blut trinken; es heißt: in Christus bleiben, so daß auch Christus im Genießenden bleibt. Denn es ist in dem Sinne gemeint, als ob es hieße: „Wer nicht in mir bleibt, und in wem ich nicht bleibe, der sage oder meine nicht, daß er meinen Leib esse oder mein Blut trinke.“ Nicht bleiben also in Christus die, die seine Glieder nicht sind. Glieder Christi sind aber die nicht, welche sich zu Gliedern einer Buhlerin machen; sie müßten denn durch Buße das eine, das Schlechte, aufgeben und durch Wiederversöhnung zum anderen, zum Guten, zurückkehren.

1: Gal. 5, 19-21.
2: Joh. 6, 50-52.
3: 1 Kor. 10, 17.
4: Matth. 10, 22.
5: Gal. 5, 6
6: 1 Kor. 13, 4; Röm. 13, 10.
7: Vgl. 1 Kor. 6, 15.
8: Joh. 6, 57.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger