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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
21. Buch

18. Nach anderen würde beim Jüngsten Gericht im Hinblick auf die Fürbitte der Heiligen niemand verdammt.

Auch solche gibt es — und ich selbst habe deren im Gespräche kennen gelernt —, die bei scheinbarer Ehrfurcht gegen die heiligen Schriften ihrem Wandel nach Tadel verdienen und zu eigenem Nutz und Frommen Gott noch weit mehr Mitleid und Erbarmen gegen das Menschengeschlecht beilegen als die vorigen. Es sei freilich, sagen sie, von den bösen und ungläubigen Menschen in den göttlichen Schriften die Wahrheit vorhergesagt, wenn es dort heiße, daß sie Strafe verdienten; wenn es jedoch zum Gericht komme, werde das Erbarmen obsiegen. Der barmherzige Gott werde sie dann den Bitten und Fürsprachen seiner Heiligen schenken. Denn diese würden sicher für sie bitten: wenn sie das schon taten zu der Zeit, da sie an ihnen Feinde hatten, um wieviel mehr dann, wenn sie sie demütig und Hilfe erflehend auf den Knien liegen sehen! Es sei doch nicht anzunehmen, daß den Heiligen die Mitleidsader eintrockne, wenn sie im Besitz allseitiger und vollendeter Heiligkeit sein werden; sie hätten ja dann zu einer Zeit, da sie selbst nicht ohne Sünde waren, für ihre Feinde gebetet, und würden nun, da sie eben von Sünden frei zu sein beginnen, für solche, die ihre Hilfe anflehen, nicht beten! Oder wird Gott seine Kinder nicht erhören, die Bitten so vieler und so trefflicher Kinder gerade dann nicht erhören, wenn ihre Heiligkeit alle Hindernisse eines gottgefälligen Gebetes weggeräumt hat? Die Belegstelle aus den Psalmen, worin es heißt1 : „Wird Gott des Erbarmens vergessen oder seine Barmherzigkeit in seinem Zorne zurückhalten?“ nehmen freilich auch die für sich in Anspruch, welche die ungläubigen und gottlosen Menschen wenigstens lange Zeit gepeinigt und dann erst von allen Übeln erlöst werden lassen, aber mit besonderem Nachdruck doch die Vertreter einer sofortigen Erlösung. Sein Zorn, so erklären sie, besteht darin, daß alle, die der ewigen Seligkeit unwürdig sind, auf seinen Urteilsspruch hin mit der ewigen Pein bestraft werden. Würde er jedoch diese Pein lange währen, ja nur überhaupt eintreten lassen, so könnte das sicher nur geschehen, indem er in seinem Zorne seine Barmherzigkeit zurückhält, was er eben nicht tun wird nach jener Psalmstelle. Denn es heißt dort nicht: „Wird er auf lange seine Barmherzigkeit zurückhalten in seinem Zorne“, sondern es wird klar ausgesagt, daß er sie überhaupt nicht zurückhalten wird.

Dabei wäre nach ihnen die Drohung Gottes mit dem Gerichte, trotzdem er niemand verdammen wird, nicht etwa unwahr, so wenig als wir seine Drohung mit der Zerstörung der Stadt Ninive2 als unwahr bezeichnen können, trotzdem das nicht eingetreten sei, was er völlig unbedingt angekündigt hatte. Denn Gott habe nicht gesagt: „Ninive wird zerstört werden, wenn die Einwohner nicht Buße tun und sich bessern“, vielmehr hat er die Zerstörung dieser Stadt ohne solchen Zusatz angekündigt. Als wahr gilt ihnen diese Drohung insofern, als darin Gott zum voraus ausgesprochen hat, was die Bewohner wirklich zu erleiden verdienten, obwohl er das nicht wirklich auszuführen gedachte. Denn mag er sie auch um ihrer Buße willen verschont haben, so wußte er ja doch sehr genau, daß sie Buße tun würden, und gleichwohl hat er ihren Untergang bedingungslos und unwiderruflich angekündigt. So also, sagen sie, hätte es der gerechten Strenge wirklich entsprochen, weil sie es verdient hatten; nicht aber entsprach es so der Rücksicht auf die Barmherzigkeit, und die Barmherzigkeit hielt er nicht zurück in seinem Zorne, und also verschonte er sie auf ihr demütiges Flehen mit der Strafe, die er ihnen in ihrer Verstocktheit angedroht hatte. Wenn er nun sogar damals, so folgert man, hat Schonung walten lassen, wo er doch seinen heiligen Propheten durch sein Schonen betrüben sollte, so wird er erst recht barmherzig der demütig Flehenden dann schonen, wenn alle seine Heiligen ihn um solche Schonung anrufen. Daß die göttlichen Schriften nicht ausdrücklich von dem sprechen, was sie da in ihrem Herzen vermuten, setzt sie nicht in Verlegenheit; sie erklären dieses Schweigen damit, daß sich auf solche Weise viele bessern aus Furcht vor langwierigen oder gar ewigen Strafen und so die Zahl derer vermehren, die für die Unbekehrten Fürbitte einlegen; übrigens fehlt es nach ihnen nicht ganz an einschlägigen Andeutungen in der Schrift. Wenn es zum Beispiel heißt3 : „Wie groß ist, o Herr, die Menge Deiner Süßigkeit, die Du verborgen hast vor denen, die Dich fürchten“, so könne das nur in dem Sinne aufgefaßt werden, machen sie geltend, daß um heilsamer Furcht willen die große und geheime Süßigkeit der göttlichen Erbarmung verborgen gehalten werde. Und wenn der Apostel sage4 : „Gott hat nämlich alle in Ungläubigkeit eingeschlossen, um an allen Erbarmen zu üben“, so wolle er damit andeuten, daß Gott niemand verdammen wird. Doch erstrecken auch die Vertreter dieser Ansicht ihre Vermutung nicht auf die Befreiung oder Nichtverdammung des Teufels und seiner Engel; nur menschliches Mitempfinden, lediglich auf die Menschen gerichtet, bewegt sie, und vorab ihr eigener Nutz und Frommen steht ihnen vor Augen: sie versprechen sich von einem vermeintlich allgemeinen Erbarmen Gottes dem Menschengeschlechte gegenüber irrigerweise Straflosigkeit für ihre verderbten Sitten; und so werden sie im Preis der göttlichen Erbarmung noch übertrumpft von denen, die solche Straflosigkeit auch dem Fürsten der Dämonen und seiner Gefolgschaft zuerkennen.

1: Ps. 76, 10.
2: Jon.3, 4.
3: Ps. 30. 20.
4: Röm. 11, 32.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger