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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
21. Buch

15. Jegliches Werk der Gnade, wodurch uns Gott aus den Tiefen des alten Elends herausreißt, hängt zusammen mit dem neuen Leben der künftigen Welt.

Zu diesem schweren Joch, das den Kindern Adams auferlegt ist vom Tage ihres Hervorganges aus dem Schoß ihrer Mutter bis zur Bestattung in den Schoß der Allmutter, gehört nun auch merkwürdigerweise das Übel, daß wir vernünftig sein und einsehen sollen, daß das irdische Leben infolge jener abscheulichen Sünde im Paradies für uns die Eigenschaft eines Strafzustandes angenommen hat und daß alles, was mit uns vorgeht durch den Neuen Bund, lediglich zu dem neuen Erbe eines neuen Lebens in Beziehung steht: hienieden erhalten wir nur ein Unterpfand, um erst seinerzeit das wirklich zu erlangen, wofür es ein Unterpfand ist, und es bleibt uns in der Erdenzeit nichts übrig, als in der Hoffnung zu wandeln und, von Tag zu Tag voranschreitend, durch den Geist die Werke des Fleisches zu töten1 . Denn „der Herr kennt die Seinen“2 ; und „alle, die sich vom Geiste Gottes treiben lassen, nur sie sind Kinder Gottes“3 , jedoch aus Gnade, nicht durch die Natur. Denn der einzige Sohn Gottes der Natur nach ist unsertwegen aus Erbarmung Menschensohn geworden, damit wir, von Natur aus Menschenkinder, durch ihn auf dem Weg der Gnade Gotteskinder würden. Der Unwandelbare bleibend, hat er unsere Natur, in der er sich unser annehmen wollte, von uns angenommen, und festhaltend seine Gottheit, ist er unserer Schwachheit teilhaft geworden, damit wir, zu Besserem gewandelt, unsere Sünde und Sterblichkeit abtäten durch Teilhaben an ihm, dem Gerechten und Unsterblichen, und das von ihm in unserer Natur hervorgerufene Gute dem höchsten Gut erschlössen und so in dessen Gutheit bewahrten. Wie wir nämlich durch einen sündigenden Menschen in solch schweres Unheil gerieten, so werden wir auch nur durch einen rechtfertigenden Menschen und Gott zugleich zu jenem so erhabenen Gute gelangen. Und den endgültigen Übergang von dem einen zum anderen [von Adam zu Christus] vollzogen zu haben, darf man sich erst schmeicheln, wenn man sich an der Stätte befindet, wo es keine Versuchung mehr gibt, wenn man in den Frieden eingegangen ist, den man hienieden in vielen und wechselvollen Kämpfen eines Krieges anstrebt, bei welchem das Fleisch wider den Geist und der Geist wider das Fleisch begehrt4 . Aber diesen Krieg gäbe es gar nicht, wenn die menschliche Natur durch ihren wahlfreien Willen in dem aufrechten Stande verblieben wäre, worin sie geschaffen worden ist. So aber führt sie, die den Frieden mit Gott in Seligkeit nicht haben wollte, unselig einen Kampf mit sich selbst, und das ist, obgleich ein klägliches Übel, immer noch besser als die Art, wie sich vordem5 das Leben gestaltet. Denn besser, man kämpft mit seinen Leidenschaften, als daß man sie ohne jeden Widerstreit herrschen läßt. Besser, sage ich, ist Krieg mit der Hoffnung auf ewigen Frieden, als Knechtschaft ohne einen Gedanken an Befreiung. Freilich wünschen wir auch diesen Krieg los zu sein und brennen wir, durch das Feuer der göttlichen Liebe entflammt, nach Erreichung eines wohlgeordneten Friedens, bei dem mit unverrückbarer Beständigkeit das, was niedriger steht, dem Höheren sich unterwirft. Aber wenn wir keine Hoffnung hätten auf dieses hohe Gut [ich spreche in der reinen Unwirklichkeitsform], so müßten wir lieber in der Beschwernis dieses Ringens verharren, als den Leidenschaften widerstandslos die Herrschaft über uns einräumen.

1: Röm. 8, 13.
2: 2 Tim. 2, 19.
3: Röm. 8, 14.
4: Gal. 5, 17.
5: Nämlich in der „infantia“; s. den Anfang des folgenden Kapitels.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger