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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

20. Buch

1. Zu jeder Zeit richtet Gott; aber in diesem Buch ist von seinem Jüngsten Gericht im besonderen zu handeln.

Im Begriff, über den Tag des letzten Gerichtes Gottes zu sagen, was er selbst in den Sinn gibt, und diesen Tag gegenüber den Gottlosen und Ungläubigen zu erhärten, müssen wir zunächst, sozusagen als Grundlage des Gebäudes, Zeugnisse Gottes anführen; denn es sind doch nur menschliche Tüfteleien, irrig und irreführend, womit die, die ihnen nicht glauben wollen, dagegen anzugehen suchen, und sie laufen darauf hinaus, daß man entweder der aus den heiligen Schriften angezogenen Beweisstelle einen anderen Sinn unterlegt oder gleich gar ihren göttlichen Ursprung in Abrede stellt. Denn das halte ich für ausgeschlossen, daß irgend jemand diesen Zeugnissen, trotzdem er sie auffaßt, wie sie lauten, und sie als durch heilige Seelen vermittelte Aussprüche des höchsten und wahren Gottes gelten läßt, die Anerkennung und Zustimmung versagt; mag im übrigen ein solcher nach außen hin sich wie immer dazu stellen: sei es, dass er sich ausdrücklich dazu bekennt, oder aus irgendeiner Schwachheit sich des Bekenntnisses schämt oder davor zurückschreckt, oder gar mit einem an Wahnsinn grenzenden Widerspruchsgeist das Gegenteil von dem zu vertreten unternimmt, was er durch Vernunft oder Glaube als richtig erkennt.

Die Wiederkunft Christi nun zum Gericht über die Lebendigen und die Toten, wie sie die gesamte Kirche des wahren Gottes laut und offen bekennt, sie nennen wir den letzten Tag des göttlichen Gerichtes, d. i. die letzte Zeit. Denn wie viele Tage dieses Gericht währt, ist nicht bekannt; Tag aber für Zeit zu setzen, ist Sprachgebrauch der heiligen Schriften, wie jeder weiß, der sie, wenn auch noch so oberflächlich, gelesen hat. Und die nähere Bestimmung „der letzte“ oder „der jüngste“ fügen wir, wenn wir den Gerichtstag Gottes meinen, deshalb bei, weil Gott auch jetzt richtet und von Anbeginn des Menschengeschlechtes an gerichtet hat, indem er die ersten Menschen ob ihrer schweren Sünde aus dem Paradiese verstieß und sie vom Baume des Lebens absonderte1 ; ja auch schon, als er der sündigenden Engel nicht schonte2 , deren Fürst, durch sich selbst zu Fall gekommen, aus Neid auch die Menschen zu Fall brachte, hat Gott ohne Zweifel gerichtet; und ebenso beruht es auf seinem erhabenen und gerechten Gericht, daß der Dämonen Leben im Lufthimmel und der Menschen Leben auf Erden so unselig ist, voll Irrtum und Mühsal. Aber auch wenn niemand gesündigt hätte, so würde er die gesamte vernünftige Schöpfung, die alsdann ihm als ihrem Herrn in unverbrüchlicher Treue anhinge, nur auf Grund eines gütigen und gerechten Gerichtes in ewiger Glückseligkeit bewahren. Er hält auch nicht bloß allgemein Gericht über das Geschlecht der Dämonen und der Menschen, sie zur Unseligkeit verurteilend wegen der Schuld der ersten Sünden, sondern auch über die Werke, die jeder einzelne durch Willensentscheid vollbringt. Denn sowohl Dämonen flehen um Verschonung mit Qual3 , und selbstverständlich geschieht es nach Recht, ob sie nun Schonung erlangen, oder ob sie, jeder nach dem Maße seiner Ruchlosigkeit, gequält werden, als auch die Menschen erleiden, sei es in diesem Leben oder nach dem Tode, von Gott verhängte Strafen für ihre eigenen Missetaten, zumeist augenfällig, stets aber innerlich; dabei bleibt immer bestehen, daß kein Mensch recht zu handeln vermag, außer es wird ihm göttliche Hilfe zuteil, und daß kein Dämon und kein Mensch unrecht tun kann, außer es wird ihm durch göttliches und zugleich völlig gerechtes Gericht zugelassen. Denn wie der Apostel sagt4 , „es gibt bei Gott keine Ungerechtigkeit“; aber auch, wie er an anderer Stelle sagt5 , „unerforschlich sind seine Gerichte und unaufspürbar seine Wege“. In diesem Buche nun also werde ich nicht von jenen ersten Gerichten und nicht von den Zwischengerichten Gottes handeln, sondern, soviel er selbst gewährt, vom Jüngsten Gericht, da Christus vom Himmel kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten. Dieser Tag ja heißt in besonderem Sinne der Gerichtstag, weil dabei zu unverständigem Klagen, weshalb dieser Ungerechte glücklich und jener Gerechte unglücklich ist, kein Anlaß sein wird. Denn da erst wird in die Erscheinung treten das wahre und vollkommene Glück aller und nur der Guten und das verdiente und äußerste Unglück aller und nur der Bösen.

1: Gen. 3, 22 f.
2: 2 Petr. 2, 4.
3: Luk. 8, 28.
4: Röm. 9, 14.
5: Ebd. 11, 33.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger