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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
19. Buch

17. Der Friede zwischen der himmlischen Gemeinschaft und dem Erdenstaat und die Grenzen dieses Friedens

1 . Jedoch eine Familie, deren Glieder nicht aus dem Glauben leben, sucht den irdischen Frieden aus den Gütern und Annehmlichkeiten dieses zeitlichen Lebens zu gewinnen; dagegen eine Familie, deren Glieder aus dem Glauben leben, stellt ihre Erwartung auf die ewigen Güter, die für die Zukunft verheißen sind, und gebraucht die irdischen und zeitlichen Dinge wie ein Fremdling, läßt sich nicht durch sie fesseln und von ihrem Streben nach Gott abziehen, sondern betrachtet sie nur als eine Stütze, um die Last des „vergänglichen Leibes, der die Seele beschwert“2 , leichter zu ertragen und möglichst wenig zu vermehren. Darum ist der Gebrauch der zu diesem sterblichen Leben nötigen Dinge beiden Arten von Menschen und Familien gemeinsam; jedoch nach Zweck und Absicht des Gebrauchens unterscheiden sich beide Arten gewaltig. So strebt auch der Erdenstaat, der nicht aus dem Glauben lebt, nach dem Frieden auf Erden und setzt die Eintracht der Bürger in bezug auf Befehlen und Gehorchen darein, daß unter ihnen hinsichtlich der zum sterblichen Leben gehörigen Dinge eine gewisse Willensübereinstimmung der einzelnen stattfinde. Und der himmlische Staat oder vielmehr der Teil davon, der in diesem sterblichen Dasein pilgert und aus dem Glauben lebt, muß sich gleichfalls dieses Friedens bedienen, bis eben dieses sterbliche Dasein, für das ein solcher Friede nötig ist, sein Ende erreicht; und so leistet er unbedenklich, so lange er an der Seite des Erdenstaates sozusagen das Gefangenenleben seiner Pilgerschaft führt, wobei er allerdings bereits die Verheißung der Freiheit und als ein Unterpfand die Gabe des Geistes3 erhalten hat, den Gesetzen des Erdenstaates Folge, durch die das geregelt wird, was der Erhaltung des sterblichen Lebens förderlich ist. Es besteht sonach Eintracht zwischen beiden Staaten in den zum vergänglichen Leben gehörigen Dingen, weil dieses sterbliche Leben beiden gemeinsam ist. Nun hat aber der Erdenstaat unter den Seinigen Weise gehabt, wie sie die göttliche Lehre verwirft, Weise, die auf Mutmaßungen hin oder von Dämonen berückt4 glaubten, man müsse eine Vielheit von Göttern für die menschlichen Angelegenheiten günstig stimmen, und es seien deren verschiedenen Wirkungskreisen, um mich so auszudrücken, verschiedene Gegenstände unterstellt und zuständig5 , dem einen der Leib, dem anderen der Geist, und vom Leib wiederum dem einen das Haupt, dem anderen der Nacken usw., jedem ein Teil; ebenso im Geiste dem einen der Verstand, dem anderen die Wissenschaft, wieder einem der Zorn, einem anderen die Begierlichkeit; weiterhin von den zum Leben in Beziehung stehenden Dingen dem einen das Vieh, einem anderen das Getreide, wieder je einem der Wein, das Öl, der Wald, das Geld, die Schiffahrt, Krieg und Sieg, Ehe, Geburt und Fruchtbarkeit und so alles übrige, jedem etwas. Der himmlische Staat dagegen kennt nur die Verehrung eines Gottes und hält in frommem Glauben daran fest, daß ihm allein der Dienst zu erweisen sei, der griechisch λατρεία [Anbetung] heißt und allein nur Gott gebührt. Daher konnte er die Religionsgesetze mit dem Erdenstaat nicht gemeinsam haben und mußte in dieser Hinsicht von ihm abweichen und von den anders Denkenden lästig empfunden werden und sich deren Zorn und Haß und Verfolgungsansturm aussetzen, nur daß er die Wut der Gegner zuweilen durch den Schrecken vor der großen Zahl der Seinigen und immer durch göttliche Hilfe dämpfte. Dieser himmlische Staat nun beruft während seiner irdischen Pilgerschaft aus allen Völkern seine Bürger und sammelt seine Pilgergesellschaft aus allen Sprachen, unbekümmert um den Unterschied in Lebensgewohnheiten, Gesetzen und Einrichtungen, wodurch der irdische Friede begründet oder aufrechterhalten wird. Ohne irgend etwas davon zu verneinen oder zu vernichten, schätzt und schützt er vielmehr die bei aller nationalen Verschiedenheit doch auf ein und dasselbe Ziel des irdischen Friedens berechneten Einrichtungen, wofern sie nur nicht der Religion hinderlich sind, nach deren Lehre ein höchster und wahrer Gott zu verehren ist. So bedient sich also auch der himmlische Staat während seiner irdischen Pilgerschaft des irdischen Friedens und erhält und erstrebt in den die sterbliche Natur der Menschen betreffenden Dingen die Willensübereinstimmung der Menschen, soweit das ohne Verletzung der Frömmigkeit und Religion möglich ist, und diesen irdischen Frieden setzt er in Beziehung zum himmlischen Frieden, der in Wahrheit in einem Sinne Friede ist, daß er allein als der Friede wenigstens für das vernunftbegabte Geschöpf gelten und bezeichnet werden muß, nämlich zu der vollkommen geordneten und einträchtigen Gemeinschaft des Gottgenießens und des wechselseitigen Genusses in Gott. Ist man dorthin eingegangen, so gibt es kein sterbliches Leben mehr, sondern ein allseits und unwandelbar lebendiges, keinen seelischen Leib, der in seiner Vergänglichkeit die Seele beschwert, sondern einen geistigen ohne jegliches Bedürfnis, vollkommen dem Willen unterworfen. Diesen Frieden hat er, so lang die Pilgerschaft dauert, im Glauben, und aus diesem Glauben führt er ein gerechtes Leben, indem er zur Erlangung jenes Friedens alles in Beziehung setzt, was er an guten Handlungen gegen Gott und den Nächsten unternimmt; denn das Leben einer bürgerlichen Gemeinschaft legt natürlich Wert auf die Beziehung zum Nebenmenschen.

1: Vgl. dazu oben XV 4 [2. Band 365 f.].
2: Weish 9, 15.
3: Vgl. 2 Kor. 5, 5.
4: Vgl. oben XIX 9.
5: Vgl. oben IV 8; 21; 22.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger