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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
19. Buch

13. Durchgehende Geltung hat der Friede, und keinerlei Störung kann seine Naturgesetzlichkeit aufheben, da ein gerechtes Gericht Ordnung schafft und jeden dahin weist, wohin er nach freiem Verdienst oder Mißverdienst gehört.

Demnach besteht der Friede im Bereich des Körperlichen in der geordneten Zusammenstimmung der Teile, der Friede der vernunftlosen Seele in der geordneten Ruhe der Triebe, der Friede der vernünftigen Seele in der geordneten Übereinstimmung zwischen Erkenntnis und Betätigung, der Friede zwischen Leib und Seele in dem wohlgeordneten Leben und Wohlergehen des Lebewesens, der Friede zwischen dem sterblichen Menschen und Gott in dem geordneten, im Glauben betätigten Gehorsam gegen das ewige Gesetz, der Friede unter den Menschen in der geordneten Eintracht, und zwar der Friede der Familie in der geordneten Eintracht der Angehörigen in bezug auf Befehlen und Gehorchen, und der Friede im Staat in der geordneten Eintracht der Bürger in bezug auf Befehlen und Gehorchen, der Friede des himmlischen Staates in der vollkommen geordneten und einträchtigen Gemeinschaft des Gottgenießens und des wechselseitigen Genießens in Gott, der Friede endlich für alle Dinge in der Ruhe der Ordnung. Unter Ordnung aber versteht man eine Verteilung von gleichen und ungleichen Dingen, die jedem seinen Platz anweist. Demnach sind die Unseligen, weil sie sich, sofern sie unselig sind, natürlich nicht im Frieden befinden, allerdings der Ruhe der Ordnung nicht teilhaftig, in der es keine Störung gibt. Weil sie jedoch mit Recht und verdientermaßen unselig sind, so können sie sich gerade auch in dieser ihrer Unseligkeit unmöglich außerhalb der Ordnung befinden; freilich nicht auf gleicher Stufe mit den Seligen, doch aber durch ein Gesetz der Ordnung von ihnen getrennt. Soweit sie von Störung frei sind, fügen sie sich ihrer Umgebung mehr oder minder vollkommen ein; und demnach findet sich in ihnen in gewisser Hinsicht eine Ruhe der Ordnung, also Friede bis zu einem gewissen Grad. Aber trotzdem sie in gewisser Hinsicht Sicherheit genießen und insofern frei sind von Pein, sind sie doch deshalb unselig, weil sie sich da befinden, wo sie sicher sein und zugleich Pein empfinden müssen; unseliger noch, sofern sie nicht zufrieden sind mit dem Gesetze selbst, durch das die naturgemäße Ordnung hergestellt wird. Indem sie aber Pein erleiden, ist eine Störung des Friedens eingetreten von der Seite her, die ihnen Pein verursacht; dagegen besteht immer noch Friede, soweit keine Pein wütet noch auch der Zusammenhalt des Ganzen sich auflöst Wie es also ein Leben ohne Pein gibt, dagegen nicht eine Pein ohne jedes Leben geben kann, so gibt es einen Frieden ohne jeden Kampf, kann aber nicht Kampf ohne jeden Frieden geben, wobei wir natürlich nicht den Kampf als solchen im Auge haben, sondern sofern er von oder in solchen aus- oder vor sich geht, die irgendwie Wesen sind; denn dieser ihr Bestand als Wesen hat irgendeine Form des Friedens zur notwendigen Voraussetzung.

Es gibt also eine Natur, worin sich nichts Schlechtes findet, sowie auch eine, worin sich Schlechtes überhaupt nicht finden kann; dagegen kann es keine Natur geben, worin sich nichts Gutes fände1 . Demnach ist nicht einmal die Natur des Teufels, soweit sie Natur ist, etwas Schlechtes; sondern Verkehrtheit hat sie schlecht gemacht. Und so hielt er nicht stand in der Wahrheit2 , entging jedoch nicht dem Gerichte der Wahrheit; er verharrte nicht in der Ruhe der Ordnung, aber er entrann deshalb doch nicht der Gewalt des Ordners. Das Gute von Gott, das sich in seiner Natur vorfindet, entzieht ihn nicht der Gerechtigkeit Gottes, durch die er in der Strafe eingeordnet wird; und bei solcher Strafe wendet sich Gott nicht gegen das Gute, das er erschaffen hat, sondern gegen das Schlechte, das jener begangen hat. Er hebt ja das, was er der Natur verliehen hat, nicht ganz auf, sondern nur einen Teil nimmt er hinweg, einen anderen läßt er zurück, sonst wäre kein Subjekt des Schmerzes über das Hinweggenommene vorhanden. Und eben der Schmerz ist ein Beweis dafür, daß Gutes hinweggenommen worden und Gutes zurückgeblieben ist. Denn wäre nicht Gutes im Teufel zurückgeblieben, so könnte er über das verlorene Gut nicht Schmerz empfinden. Wer sündigt, ist um so schlechter, wenn er sich auch noch freut über die Verletzung der rechten Ordnung; wer dagegen in Pein ist, empfindet Schmerz über den Verlust des Wohlergehens, wenn er durch die Pein keinen Vorteil gewinnt. Und weil nun das eine wie das andere, die rechte Ordnung und das Wohlergehen, ein Gut ist und man über den Verlust eines Gutes nicht Freude, sondern Schmerz empfinden soll [vorausgesetzt, daß der Verlust nicht der Preis für ein höheres Gut ist; höher aber steht die rechte Ordnung des Geistes als das Wohlergehen des Leibes], so entspricht es ohne Frage besser der Ordnung, daß der Ungerechte in der Strafpein Schmerz empfindet, als daß er sich in der Sünde gefreut hat. Wie also die Freude über die Abkehr von einem Gute beim Sündigen ein Zeugnis des bösen Willens ist, so ist der Schmerz über den Verlust eines Gutes in der Strafpein

ein Zeugnis der guten Natur. Denn der Schmerz, den einer über den Verlust des Friedens seiner Natur empfindet, geht aus einem Rest von Frieden hervor, durch den es bewirkt wird, daß es die Natur gut mit sich meint. Wenn aber bei der ewigen Strafe die Sünder und Gottlosen den Verlust natürlicher Güter in Qualen beweinen, so geschieht daran recht; denn nun befahren sie Gott, den sie als überaus gütigen Spender dieser Güter verachtet haben, als deren durchaus gerechten Entzieher.

Gott also, aller Wesen weisester Schöpfer und gerechtester Ordner, der als des Erdenschmuckes Krone das sterbliche Menschengeschlecht bestimmte, hat den Menschen gewisse, dem irdischen Leben angepaßte Güter verliehen, nämlich den zeitlichen Frieden, wie er eben im vergänglichen Leben beschaffen sein kann, und zwar im Wohlergehen, in der Unversehrtheit und in der geselligen Gemeinschaft mit ihresgleichen, und dazu alles, was zur Erhaltung oder zur Wiederherstellung dieses Friedens notwendig ist [wie das, was sich den Sinnen gut anpaßt und zukömmlich ist: Licht, Stimme, atembare Luft, genießbares Wasser, und all das, was sich eignet zur Ernährung, Bedeckung, Pflege und Zier des Leibes]; und er hat ihnen diese dem Frieden sterblicher Wesen entsprechenden Güter verliehen unter der ganz angemessenen Bedingung, daß jeder Sterbliche, der sie in der rechten Weise gebraucht, größere und vorzüglichere erhalte, nichts Geringeres nämlich als den Frieden der Unvergänglichkeit und die ihm entsprechende Herrlichkeit und Ehre im ewigen Leben, um Gott zu genießen und den Nächsten in Gott; wer sie aber unrecht gebraucht, die einen nicht erhalte und die anderen auch noch einbüße.

1: Vgl. oben XI 22 ; XII 3 [2. Band 176, 205 f.].
2: Joh. 8, 44.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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