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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
19. Buch

12. Selbst das Wüten des Krieges und überhaupt alle Unruhe, die sich die Menschen machen, zielt auf den Frieden, ja es gibt kein Wesen, das nicht nach ihm strebte.

Wer immer die menschlichen Verhältnisse und die uns umgebende Natur auch nur oberflächlich ins Auge faßt, wird mir das zugeben. Denn so wenig es jemand gibt, der nicht das Verlangen hätte, sich zu freuen, ebenso wenig gibt es jemand, der nicht das Verlangen hätte, den Frieden zu besitzen. Will doch selbst eine Kriegspartei nichts anderes als siegen; zu einem ruhmreichen Frieden also will sie durch den Krieg gelangen. Denn was ist der Sieg anderes als die Unterwerfung der Widersacher? Ist dieses Ziel erreicht, so tritt Friede ein. In der Absicht auf den Frieden also führt man selbst die Kriege, und das gilt auch dann, wenn man es unmittelbar auf Erhaltung der Kriegstüchtigkeit abgesehen hat durch Übung in der Heerführung und im Kampfe. Also ist es klar, daß das erwünschte Ende und Ziel des Krieges der Friede ist. Sucht ja doch jeder auch durch Krieg nur den Frieden, niemand durch Frieden den Krieg. Auch wer im Frieden lebt und dessen Beseitigung wünscht, ist nicht ein Gegner des Friedens, sondern möchte nur einen anderen, seinem Wunsch entsprechenden Frieden. Er will also nicht, daß kein Friede sei, sondern, daß ein Friede sei, wie er ihn wünscht. Ja, selbst wenn sich welche durch Parteiung von den übrigen sondern, wollten sie nicht wenigstens mit ihren eigenen Parteigenossen und Mitverschworenen in irgendeiner Form den Frieden aufrechterhalten, so erreichten sie ihre Absicht nicht. Und so wünschen sogar die Räuber, damit sie den Frieden anderer um so wirksamer und sicherer anfeinden können, mit ihren Genossen den Frieden zu haben. Aber auch angenommen, es wäre einer so übermächtig stark und so auf der Hut vor Mitwissern, daß er sich keinem Genossen anvertraute und allein auflauernd und obsiegend, so viele er könnte, überwältigte und tötete und so dem Raube nachginge, so hält ein solcher doch wenigstens mit denen, die er nicht töten kann und vor denen er sein Treiben verborgen wissen will, eine Art Schatten von Frieden aufrecht. In seinem Hause aber, mit Weib und Kindern, und wen er sonst noch da hat, will er selbstverständlich im Frieden leben; es freut ihn ja ohne Zweifel, wenn sie auf den Wink gehorchen. Denn wenn das nicht der Fall ist, so wird er unwillig, schilt und straft und stellt, wenn es nicht anders geht, selbst durch heftiges Wüten den Frieden in seinem Hause her, der, wie er wohl fühlt, nur bestehen kann, wenn einem Haupte, das er selbst in seinem Hause ist, alles, was zu dieser häuslichen Gemeinschaft gehört, untergeben ist. Und wenn ihm also die Unterwürfigkeit einer großen Zahl von Menschen angeboten würde, z. B. einer Stadt oder eines Volkes, daß sie ihm dienstbar wären so, wie er sich in seinem Hause Unterwürfigkeit wünscht: er würde sich nicht mehr nach Räuberart in Schlupfwinkeln verbergen, sondern sich vor aller Augen zum König aufschwingen, obwohl die Begehrlichkeit und Schlechtigkeit in ihm unverändert bliebe. Den Frieden also mit den Ihrigen wünschen alle zu haben; jedermann will, daß die Seinigen nach seinem Gutdünken ihr Leben einrichten. Denn auch der Kampf hat keinen anderen Zweck, als die Bekriegten womöglich zu den Seinigen zu machen, sie zu unterwerfen und ihnen dann die eigenen Friedensgesetze aufzuerlegen.

Indes, stellen wir uns einen vor, wie ihn die Fabeldichter schildern, jenen Halbmenschen, wie sie ihn nennen, voll ungeselliger Wildheit und eben deshalb wohl als Halbmensch, nicht als Mensch bezeichnet. Der hatte als Reich die Einsamkeit einer schauerlichen Höhle und war von so ausgesuchter Schlechtigkeit, daß er davon den Namen erhielt [auf griechisch heißt nämlich böse oder schlecht κάκος, und das war sein Name]; keine Gemahlin war da, mit ihm trautes Zwiegespräch zu tauschen, keine Kinder, mit denen er gespielt, da sie noch klein, die er Gehorsam gelehrt hätte, wenn sie heranwüchsen; kein Freund zur Unterhaltung, nicht einmal sein Vater Vulkan, den er übrigens doch darin an Glück weit übertraf, daß er keinen solchen Unhold erzeugte; niemand gab er etwas, vielmehr nahm er hinweg, wem er nur konnte, was ihm beliebte, und schleppte mit sich, so oft er in der Lage war, wen er wollte. Und dennoch in seiner einsamen Höhle, deren Boden nach der Beschreibung immerfort von frischem Blute rauchte, da wollte auch er den Frieden haben, und niemand durfte ihm darin beschwerlich fallen und niemand durch Gewalt oder Schrecknis die Ruhe des Friedens ihm stören. Und außerdem noch mit seinem Leibe wünschte er Frieden zu haben, und soweit er ihn hatte, war es ihm wohl. Herrschte er ja dann über unterwürfige Glieder, und eben um sein sterblich Teil, das sich gegen ihn bei etwaigem Mangel aufgelehnt und den Aufruhr des Hungers zur Trennung und Ausschließung der Seele vom Leib angestiftet hätte, so schnell als möglich zu befriedigen, raubte er, mordete er, fraß er auf, und so unmenschlich und wild er war, so sorgte er doch — nur eben auf unmenschliche und wilde Art — für den Frieden seines Lebens und seines Wohlergehens; und wenn er demnach den Frieden, den er in seiner Höhle und in sich selbst zu erhalten bemüht war, auch mit anderen hätte halten wollen, so hätte man ihn weder Bösewicht noch Unhold noch Halbmensch gescholten. Oder falls seine Leibesgestalt und das Ausspeien verheerenden Feuers die Menschen von aller Gemeinschaft mit ihm zurückschreckte, so ging sein Wüten vielleicht überhaupt nicht so sehr aus dem Verlangen, Unheil zu stiften hervor, als aus der Notwendigkeit, sein Leben zu fristen. Übrigens mag er wohl gar nicht existiert haben oder, was wahrscheinlicher ist, nicht so gewesen sein, wie ihn dichterische Erfindungsgabe beschreibt; denn würde nicht Cacus über die Maßen schwarz gemacht, so würde ja Herkules zu wenig gepriesen. Man wird also, wie gesagt, besser tun zu glauben, es habe einen derartigen Menschen oder Halbmenschen nie gegeben, gleich so vielen Phantasiegestalten der Dichter. Erhalten doch sogar selbst die wildesten Raubtiere, von deren Wildheit er immerhin nur einen Teil hatte [er ward ja auch der Halbwilde genannt], ihre Art nur durch einen gewissen Frieden, den sie durch Begatten, Erzeugen, Gebären, durch Hut und Pflege der Jungen betätigen, obwohl sie der Mehrzahl nach ungesellig und Einzelschwärmer sind, also nicht wie Schafe, Hirsche, Tauben, Staare, Bienen, sondern wie Löwen, Wölfe, Füchse, Adler, Nachteulen. Brummt nicht der Tiger zärtlich seine Jungen an und sänftigt seine Wildheit zu Liebkosungen? Und der Geier, wenn er auch immer nur einsam auf Raub umherkreist, gesellt er sich nicht ein Weibchen zu, trägt ein Nest zusammen, brütet die Eier, nährt die Jungen und hält sozusagen mit seiner Hausfrau die häusliche Gemeinschaft, so gut er es versteht, im Frieden zusammen? Um wieviel mehr wird der Mensch gleichsam durch Naturgesetz dazu gedrängt, gesellige Verbindungen anzuknüpfen und den Frieden, so viel an ihm liegt, mit allen Menschen aufrechtzuerhalten, da doch selbst die Bösen für den Frieden der Ihrigen Kämpfe auf sich nehmen und, wenn sie könnten, alle zu Ihrigen machen möchten, damit einer über alle und alles herrsche; wozu es doch nur dadurch kommen kann, daß man in den Frieden mit dem einen gern oder aus Furcht einwilligt. Darin nämlich ahmt der Hochmut auf verkehrte Weise Gott nach1 . Ihm ist die Gleichheit mit dem Nebenmenschen in der Unterordnung unter Gott verhaßt, er will vielmehr dem Nebenmenschen seine Herrschaft an Stelle Gottes aufdrängen. Verhaßt also ist ihm die gerechte Friedensordnung Gottes, er liebt einen ungerechten Eigenfrieden. Aber ohne Liebe zu irgendeinem Frieden kann auch der Böse nicht sein. Denn welches Gebrechen sich auch an einem Wesen finde, keines ist doch so völlig wider die Natur gerichtet, daß es deren Grundzüge vernichtete.

Wer also verständig genug ist, das Rechte über das Schlechte und die Ordnung über die Verkehrtheit zu stellen, der erkennt leicht, daß der Friede der Ungerechten im Vergleich mit dem Frieden der Gerechten nicht einmal den Namen Friede verdiene. Aber dennoch muß auch das Verkehrte wenigstens teilweise in, aus und mit den Dingen, worin es sich findet und woraus es besteht, gefriedet sein; sonst wäre es überhaupt nichts. Zum Beispiel, wenn einer mit dem Kopfe nach unten aufgehängt ist, so ist gewiß die Lage des Körpers und die Ordnung der Glieder verkehrt; denn das, was von Natur aus oben sein sollte, ist nach unten gekehrt, und was von Natur aus unten sein sollte, ist nach oben gekommen; diese Verkehrtheit hat den leiblichen Frieden gestört und darum ist sie lästig; indes die Seele ist mit ihrem Leib im Frieden und müht sich ab für dessen Wohlergehen: daher die Empfindung von Betrübnis; wenn nun die Seele, durch solche Beschwernisse vertrieben, entweicht, so ist das, was zurückbleibt, solange der Zusammenhalt der Glieder andauert, nicht ohne einen gewissen Frieden der Teile untereinander, und daher kann man immer noch von einem Hängenden reden. Und damit, daß der irdische Leib der Erde zutrachtet und der Fessel, woran er aufgehängt ist, entgegenarbeitet, strebt er nur nach der ihm entsprechenden Friedensordnung und verlangt sozusagen durch die Stimme des Schwergewichts nach einem Ort, wo er ruhen könne, und obwohl bereits entseelt und aller Empfindung bar, läßt er doch nicht von dem seiner Art von Natur aus zukommenden Frieden, sondern behauptet ihn, sei es dadurch, daß er den vorhandenen festhält, oder dadurch, daß er einem neuen zustrebt. Wird ihm nämlich durch Salbung eine Pflege zuteil, welche die Zersetzung der Leichenform hintanhält, so verbindet immer noch eine Art Friede die Teile untereinander und birgt die Masse als Ganzes an einer irdischen und passenden und demnach auch gefriedeten Stätte. Wenn man ihm aber keine Begräbnispflege zuwendet, sondern ihn dem Lauf der Natur überläßt, so ist er zwar gleichsam in Aufruhr, der sich in fremdartigen und unserem Geruchssinn widerlichen Ausdünstungen äußert [ich meine den Geruch der Fäulnis], aber doch nur so lange, bis er sich den Elementen der Welt anpaßt und nach und nach, Stück für Stück, in Frieden mit ihnen eintritt. Keineswegs jedoch entzieht sich auch nur ein Teilchen davon den Gesetzen des höchsten Schöpfers und Lenkers, des Friedenswartes über das ganze Weltall; denn mögen auch aus dem Kadaver eines größeren Lebewesens kleine Tiere hervorgehen, so dienen eben nach dem Gesetze des Schöpfers alle, auch die kleinsten Körper, ihren Seelchen im Frieden des Wohlergehens; mag selbst das Fleisch toter Körper von anderen Lebewesen aufgefressen werden, es findet, wohin immer es kommt, womit immer es sich verbindet, in was immer es sich verwandelt, die gleichen über das All hin verbreiteten Gesetze, die zum Wohlergehen einer jeden Art vergänglicher Wesen Gleiches bei Gleichem zum Frieden bringen.

1: Vgl. oben XIV 13 am Anfang [2. Band 329 f.].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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