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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
18. Buch

43. Die siebzig Übersetzer sind, unter Wahrung des Ansehens des hebräischen Textes, an autoritativem Charakter über alle anderen Übersetzer zu stellen.

Es gibt zwar auch andere Übersetzer, die die Heilige Schrift aus der hebräischen in die griechische Sprache übertragen haben, wie Aquila, Symmachus, Theodotion; und auch die Übersetzung ist hierher zu ziehen, deren Urheber nicht bekannt ist, weshalb sie ohne Beifügung eines Übersetzernamens einfach die fünfte Ausgabe heißt; allein die Kirche hat gleichwohl nur die eine, die Septuaginta, so ausschließlich übernommen, als wäre sie die einzige, und ihrer bedienen sich die griechischen Christen, die fast durchgehends nicht einmal von dem Vorhandensein anderer griechischer Übersetzungen etwas wissen. Aus dieser Septuaginta-Übersetzung fand sodann auch eine Übertragung ins Lateinische statt, und sie ist bei den lateinischen Kirchen in Gebrauch; aber auch eine Übersetzung aus dem Hebräischen unmittelbar ins Lateinische haben wir jetzt; der Priester Hieronymus, ein sehr gelehrter und aller drei Sprachen kundiger Mann, hat sie vor kurzem hergestellt1 . Aber so sprachgewandt auch seine Leistung ist und obwohl die Juden die Übersetzung als zuverlässig anerkennen und die siebzig Dolmetscher vieler Irrtümer zeihen, so sind doch die Kirchen Christi der Ansicht, daß an Glaubwürdigkeit und Gewicht niemand über jene zahlreichen, vom Hohenpriester Eleazar für dieses große Werk ausgewählten Männer zu stellen sei; denn selbst wenn sich in ihnen nicht ein und derselbe Geist, ohne Zweifel der Geist Gottes, kundgegeben hätte, sondern die siebzig Gelehrten ihre Übersetzungen, wie es sonst wohl üblich ist, Wort für Wort miteinander verglichen hätten, um als endgültige Fassung die festzustellen, die den Beifall aller fände, so würde man ihnen doch nicht einen einzelnen Übersetzer vorziehen dürfen; da sich nun aber an ihnen ein so deutliches Zeichen von Göttlichkeit kundgegeben hat, so wird sofort jeder andere, wirklich zuverlässige Übersetzer, der diese Schriften aus dem Hebräischen in was immer für eine Sprache überträgt, entweder mit diesen siebzig Dolmetschern übereinstimmen, oder man hat, wo er von ihnen offensichtlich abweicht, anzunehmen, daß bei den Siebzig ein tiefer prophetischer Sinn vorliege. Denn derselbe Geist, der in den Propheten war, als sie ihre Aussagen machten, war auch in den siebzig Männern, als sie deren Aussagen übersetzten; und er konnte doch offenbar als Gott mit bindender Kraft etwas anderes sagen, als der Prophet ursprünglich gesagt hat, und es ist dann gerade so, wie wenn der Prophet beides zumal gesagt hätte, weil ja doch beides zumal ein und derselbe Geist sagte; und ebenso konnte der Geist Gottes ein und dasselbe auf verschiedene Weise ausdrücken, so daß bei abweichendem Wortlaut doch der gleiche Sinn im Urtext und bei den Siebzig vorliegt und dem richtigen Verständnis sich erschließt; er konnte ferner etwas weglassen und etwas hinzufügen, um auch dadurch zu zeigen, daß bei dieser Übersetzungsarbeit nicht sklavische Worttreue maßgebend war, wie bei rein menschlichen Übersetzungsarbeiten, sondern die Macht Gottes, die den Geist des einzelnen Übersetzers erfüllte und leitete. Manche haben ja den griechischen Text der Septuaginta nach hebräischen Handschriften verbessern zu sollen geglaubt; aber sie wagten doch nicht die Stellen wegzulassen, die sich in den hebräischen Handschriften nicht finden, wohl aber in der Septuaginta; sie beschränkten sich vielmehr darauf, den Septuagintatext um das zu vermehren, was sich nur in den hebräischen Handschriften fand, und haben diese Zusätze kenntlich gemacht durch ein sternartiges Zeichen am Anfang des betreffenden Verses, den sogenannten Asteriscus. Dagegen was sich in der hebräischen Überlieferung nicht findet, sondern nur im Septuagintatext, haben sie ebenfalls bezeichnet, and zwar durch liegende Strichlein am Versanfang, ähnlich wie man bei Zahlen die Bruchstriche schreibt. Und auch lateinische Handschriften mit solchen Zeichen findet man zahlreich und überall. Dagegen Abweichungen, also nicht Weglassungen oder Zusätze, sondern nur Abweichungen im Wortlaut, gleichviel ob sie einen anderen, ebenfalls zulässigen Sinn ergeben oder inhaltlich das gleiche mit anderen Worten sagen, lassen sich nur durch Vergleichung der beiderseitigen Textüberlieferung feststellen. Für uns kommt bei diesen Schriften des Alten Testamentes weiter nichts in Betracht als zu wissen, was der Geist Gottes durch Vermittlung von Menschen gesprochen hat; was sich nun in der hebräischen Textüberlieferung findet und in der Septuaginta fehlt, das wollte der Geist Gottes eben nicht durch die siebzig Übersetzer, sondern durch die Propheten selbst mitteilen; dagegen was sich in der Septuaginta findet und im hebräischen Texte fehlt, das wollte derselbe Geist lieber durch die siebzig Übersetzer als durch die Propheten selbst mitteilen, wodurch er darauf hinwies, daß die einen wie die anderen Propheten seien. Auf solche Weise hat er ja auch inhaltlich anderes mitgeteilt durch Isaias als durch Jeremias und wieder anderes durch wieder andere Propheten, oder er hat inhaltlich das gleiche auf verschiedene Art durch verschiedene Propheten mitgeteilt, wie er eben wollte. Was sich aber sowohl bei den Propheten wie in der Septuaginta in gleicher Weise findet, das wollte ein und derselbe Geist durch die Propheten und durch die Siebzig mitteilen, nur daß die einen mit ihren Prophezeiungen früher hervortreten, die anderen mit ihrer prophetischen Übersetzung nachfolgen sollten; denn wie in den Propheten der einheitliche Geist des Friedens lebendig war, so daß sie die Wahrheit einhellig bezeugten, so tat sich auch in den Übersetzern, da sie sich nicht untereinander besprachen und dennoch den ganzen Text einheitlich wie ein einziger Übersetzer wiedergaben, derselbe einheitliche Geist kund

1: 390-405 übersetzte der hl. Hieronymus das Alte Testament aus dem hebräischen Urtext, eine Übersetzung, die zunächst freilich schwer Eingang fand, in der Folge aber die „Vulgata“ der Kirche wurde. Vgl. auch. Augustinus, De doctr. christ. II 15; Epist. 71; 75.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger