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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
18. Buch

41. Das Auseinandergehen der philosophischen Lehrmeinungen und im Gegensatz dazu in der Kirche die Einhelligkeit der kanonischen Schriften.

Doch lassen wir nunmehr die geschichtliche Erkenntnis beiseite; kehren wir zu den Philosophen zurück1 , von denen wir zu diesen geschichtlichen Erörterungen übergegangen sind. Sie haben sich in ihren schwierigen Forschungen das eine Ziel gesetzt, zu entdecken, wie man sein Leben entsprechend einzurichten habe, um die Glückseligkeit zu erlangen. Dabei aber gehen die Schüler andere Wege als ihre Lehrer und die Mitschüler wieder untereinander jeder einen anderen Weg. Woher diese Erscheinung? Sie haben eben als Menschen mit menschlichen Gesinnungen und menschlicher Geistesbetätigung danach geforscht. Auch mag an solcher Unstimmigkeit Ruhmsucht ihren Teil haben, das Bestreben und Verlangen, weiser und scharfsinniger als andere und nicht als Nachbeter der Meinung eines anderen zu erscheinen, sondern als Erfinder eines eigenen Lehrgebäudes; aber selbst zugegeben, daß manche oder auch die meisten von ihnen sich aus Liebe zur Wahrheit von ihren Lehrern und von ihren Schulgenossen losgesagt haben, um für das einzutreten, was sie für die Wahrheit hielten, gleichviel ob mit Recht oder Unrecht: was erreicht der Mensch in seiner Armseligkeit, wie weit und auf welchem Wege kommt er voran in der Richtung auf die Glückseligkeit, wenn nicht Gottes Autorität die Führung hat? Dagegen unsere Schriftsteller, in denen mit gutem Grund der Kanon der heiligen Schriften festgelegt und beschlossen ist, sind untereinander durchaus einhellig. Mit vollem Recht hat man darum gläubig hingenommen, daß Gottes Stimme bei ihrer schriftstellerischen Tätigkeit zu ihnen oder durch sie spreche, und zwar haben sich zu diesem Glauben bekannt Völker in großer Zahl und mächtige darunter, Stadt und Land, Gelehrte und Ungelehrte, nicht etwa bloß ein paar in rechthaberischen Wortgefechten zungenfertige Schwätzer an Schulen und Gymnasien. Freilich, groß durfte die Zahl der heiligen Schriftsteller nicht sein, damit ihre Schriften, die um der Religion willen teuer sein sollten, nicht durch die Masse entwertet würden; doch auch nicht so klein, daß ihre Einhelligkeit nicht mehr auffallend wäre. Bei den Philosophen, die in Schriftwerken Denkmäler ihrer Lehrmeinungen hinterließen, finden sich ja kaum zwei, die in allen Punkten der gleichen Ansicht wären; den Nachweis dafür zu erbringen, würde freilich hier zu weit führen.

Aber welcher Stifter irgendeiner Schule hätte im dämonenverehrenden Staate so allgemeine Anerkennung genossen, daß den übrigen, die anderer und entgegengesetzter Meinung waren, die Anerkennung versagt worden wäre? Standen nicht bei den Athenern neben den Epikureern, die behaupteten, die Götter bekümmerten sich nicht um die menschlichen Angelegenheiten, die Stoiker in Ansehen, die das gerade Gegenteil annahmen und die Meinung vertraten, daß Leitung und Obhut der menschlichen Angelegenheiten sich des Beistandes und Schutzes der Götter zu erfreuen hätten? Wie merkwürdig darum, daß Anaxagoras angeklagt wurde, weil er die Sonne als eine glühende Steinmasse bezeichnete und sie nicht als eine Gottheit gelten lassen wollte, während in derselben Stadt ein Epikur Ruhmeslorbeeren pflückte und unangefochten lebte, der doch nicht nur der Sonne und allen Gestirnen die göttliche Eigenschaft absprach, sondern auch Jupiter und alle Götter so ganz und gar aus der Welt verbannte, daß kein Bitten und Flehen der Menschen sie erreiche. Sammelte dort nicht neben Aristippus, der das höchste Gut in körperlicher Lust suchte, auch Antisthenes, der hinwieder durch geistige Tüchtigkeit den Menschen glückselig werden läßt, Schüler um sich, jeder, um sie an seine Lehrmeinung zu fesseln, zwei berühmte Philosophen, beide Sokratiker, und doch soweit voneinander abweichend, völlig einander entgegengesetzt in der Bestimmung von Zweck und Ziel des Lebens, Antisthenes überdies ein Gegner der Beteiligung am Staatsleben, während Aristippus dem Weisen sie vorschreibt? Und zwar in größter Öffentlichkeit, in offener und allbekannter Säulenhalle, in Gymnasien, in Gärten, an öffentlicher und privater Stätte trat man in Scharen für die eine oder andere Meinung ein, versicherte man, es gebe nur eine Welt und gebe deren unzählige; und die eine sei entstanden, und nein, sie habe keinen Anfang; sie werde zugrunde gehen, und nein, sie werde immerdar bestehen; sie werde vom Geiste Gottes geleitet, und nein, sie sei dem Ungefähr und dem Zufall überlassen; die Seelen seien unsterblich, und nein, sie seien sterblich; und von den Vertretern der Unsterblichkeit ließen die einen die Seele in Tierleiber übergehen, die anderen warfen das über alle Berge; und von den Vertretern der Sterblichkeit ließen die einen die Seele alsbald nach dem Leibe sterben, die anderen sie auch weiterhin noch leben, kürzer oder länger, aber nicht auf immer; die einen suchten das höchste Gut im Bereich des Leibes, die anderen im Bereich des Geistes, wieder andere hier und dort zumal, und nochmals andere ließen außer Geist und Leib auch noch äußere Dinge als Güter gelten; die einen wollten den leiblichen Sinnen immer Glauben geschenkt wissen, die anderen nicht immer und wieder andere überhaupt nicht. Und nie hat im gottlosen Staat ein Volk, ein Senat, ein Träger der öffentlichen Gewalt oder Würde solche und andere, schier unübersehbare Meinungsverschiedenheiten der Philosophen zu schlichten, die einen zu billigen und anzunehmen, die anderen zu mißbilligen und zu verwerfen sich angelegen sein lassen; allenthalben hat man ohne irgendeinen Entscheid und in größtem Durcheinander diese vielen Streitigkeiten im Innern geduldet, Streitigkeiten, die nicht etwa Felder und Häuser oder irgendwelche materielle Werte betrafen, sondern die Grundlagen eines glückseligen oder unseligen Lebens. Wurde dabei auch manches Wahre vorgebracht, so brachte man doch eben mit der gleichen Freiheit Unwahres vor, damit vollends eine solche Stadt den mystischen Namen Babylon nicht umsonst erhalte; Babylon heißt ja Verwirrung, wovon schon die Rede war2 , wie ich mich erinnere. Und ihr König, der Teufel, kümmerte sich freilich nicht darum, wie sich die Irrmeinungen schnurstracks entgegengesetzt sind, über die sie miteinander hadern; er hat ja doch die ganze Philosophengesellschaft in Besitz dank ihrer reichlichen und vielfältigen Gottlosigkeit.

Dagegen die, denen Gottes Aussprüche anvertraut sind3 , die Israeliten — ein Volk, eine Nation, eine Stadt, ein Staat anderer Art —, sie haben nicht im mindesten falsche Propheten mit wahren ineinandergemengt noch beiden die gleiche Freiheit gewährt, sondern zu jeder Zeit als wahre Verfasser heiliger Schriften nur die anerkannt und festgehalten, die untereinander einhellig waren und in keinem Punkte voneinander abwichen. Diese waren für sie die Philosophen, d. i. die Liebhaber der Weisheit, die Weisen und zugleich die Theologen, die Propheten, die Lehrer der Rechtschaffenheit und Frömmigkeit. Wer ihnen gemäß dachte und lebte, der dachte und lebte nicht nach Menschenart, sondern gottgemäß, da ja Gott durch sie gesprochen hat. Dort wenn Gotteslästerung verboten ist, so hat Gott sie verboten. Wenn es heißt4 : „Ehre deinen Vater und deine Mutter“, so hat Gott es befohlen. Wenn es heißt: „Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen“ und anderes der Art, so ist das nicht aus Menschenmund hervorgegangen, sondern Gottes Ausspruch. Gewiß, manche Philosophen vermochten neben den falschen Ansichten, denen sie huldigten, manches Wahre zu erkennen und suchten es in mühsamen Beweisführungen annehmbar zu machen, wie die Erschaffung dieser Welt durch Gott und ihre Leitung durch seine allumfassende Vorsehung, oder über den Adel der Tugenden, die Liebe zum Vaterland, die Treue gegen Freunde, die guten Werke und alle auf die Rechtschaffenheit der Sitten bezüglichen Fragen, wenn sie schon nicht wußten, auf welches Ziel und wie das richtig Erkannte in Beziehung zu setzen sei; aber all das ist in jenem anderen Staate dem Volk durch prophetische, d. i. durch göttliche Aussprüche, wenn auch durch Vermittlung von Menschen, ans Herz gelegt, nicht in vielumstrittenen Beweisführungen eingetrichtert worden, so daß der also Belehrte Scheu trug, Gottes Wort zu verachten, eine ganz andere Scheu, als wenn man es mit Menschenwitz zu tun hat.

1: Oben XVIII 37.
2: Oben XVI 4 u. 17 [2. Band 440, 467].
3: Röm. 3, 2.
4: Exod. 20, 12; 14; 15.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger