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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
18. Buch

12. Die Götterkulte, die von den griechischen Königen in der Zeit vom Auszug Israels aus Ägypten bis zum Hingang des Jesus Nave eingeführt wurden.

Während dieser Zeit, nämlich vom Auszug Israels aus Ägypten bis zum Tode des Jesus Nave, durch den das Volk Israel zum Lande der Verheißung gelangte, wurden von den Königen in Griechenland den falschen Göttern Dienste eingerichtet, welche die Flut und die Errettung der Menschen daraus und ihr damaliges drangsalreiches Leben mit seinen Wanderungen bald in die Gebirge hinauf, bald in die Ebene herab durch Begehung von Festfeiern in die Erinnerung zurückriefen. Denn darauf bezieht man unter anderem das Auf- und Absteigen der Luperker1 an der heiligen Straße2 ; es bedeutet, sagt man, die Menschen, wie sie sich wegen des hereinbrechenden Wassers auf die Berggipfel flüchteten und beim Zurückweichen des Wassers wieder ins Tal zurückkehrten. Um diese Zeit soll Dionysus, der auch Vater Liber genannt und nach seinem Tode für einen Gott gehalten wurde, im Land Attika seinen Gastfreund die Weingewinnung gelehrt haben. Damals wurden zu Ehren des delphischen Apollo musikalische Spiele eingeführt, um seinen Zorn zu besänftigen, worin er, wie man glaubte, die griechischen Länder mit Unfruchtbarkeit heimsuchte, weil man seinen Tempel bei einem feindlichen Einfall des Königs Danaus nicht vor Einäscherung durch diesen geschützt hatte. Diese Spiele einzuführen, mahnte der Gott durch einen Orakelspruch. In Attika aber führte zuerst König Erichthonius Spiele ihm zu Ehren ein, und nicht bloß ihm, sondern auch der Minerva zu Ehren, wobei als Siegespreis Öl diente, weil Minerva diese Frucht ebenso wie Liber den Wein erfunden haben soll. Um diese Zeit herum entführte, so wird berichtet, König Xanthus von Kreta, der aber bei anderen wieder anders heißt, die Europa, und daraus entsproßten Rhadamantus, Sarpedon und Minos, nach der üblicheren Auffassung jedoch Söhne Jupiters und der Europa. Allein die Verehrer solcher Götter halten das, was wir vom Kreterkönig gesagt haben, für die geschichtliche Wahrheit und rechnen das, was von Jupiter die Dichter singen, die Theater mit vielem Lärm aufführen, das Volk bejubelt, zu den grundlosen Fabeln, so daß also dann die Spiele stattfänden, um selbst durch erdichtete Götterschlechtigkeiten die Götter gnädig zu stimmen. Damals stand in Syrien Herkules in Ansehen, ein anderer jedoch als der, von dem wir oben sprachen. Die gelehrte Geschichte weiß eben im Gegensatz zur volkstümlichen von mehr als einem Herkules, wie auch von mehr als einem Vater Liber zu erzählen. Dieser Herkules also, von dem man zwölf Großtaten aufzählt, darunter aber nicht die Erlegung des Afrikaners Antäus, weil die zu den Taten des anderen Herkules gehört, hat sich nach der schriftlichen Überlieferung auf dem Berg Oeta selbst verbrannt, weil seine Kraft, durch die er so vieles bezwang, nicht ausreichte, eine Krankheit, an der er litt, zu ertragen. In dieser Zeit pflegte der König oder besser Tyrann Busiris seine Gäste seinen Göttern zu opfern; er war angeblich ein Sohn Neptuns und der Libya, einer Tochter des Epaphus. Man glaube jedoch beileibe nicht, daß Neptun diese Schändung wirklich begangen habe, das brächte ja die Götter in schiefes Licht; man setze es vielmehr auf Rechnung der Dichter und Theater: dort brauchen die Götter solche Schandtaten, um milde und gnädig gestimmt zu werden3 . Der Athenerkönig Erichthonius, dessen Tod in die letzten Jahre des Jesus Nave fällt, soll Vulcanus und Minerva zu Eltern gehabt haben. Aber weil Minerva nun einmal Jungfrau sein soll, so hat Vulcanus, wie man erzählt, bei dem Streit mit ihr in Begier entbrannt, den Samen auf die Erde ergossen und davon der daraus entstandene Mensch diesen Namen erhalten. Der Personenname Erichthonius ist nämlich zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern egij = Streit und cqwn = Erde. Freilich die Gelehrten, das ist ja richtig, verwerfen die Erzählung und wollen solche entwürdigende Dinge von ihren Göttern ferngehalten wissen; nach ihnen ist diese Fabelmeinung dadurch entstanden, daß man im Tempel des Vulcanus und der Minerva zu Athen, einem den beiden Gottheiten gemeinsamen Tempel, ein ausgesetztes Knäblein gefunden habe, umwickelt mit einer Schlange, was seine künftige Größe andeutete, und dieses Knäblein habe man, da seine Eltern unbekannt waren, wegen des der Doppelgottheit geweihten Tempels als Sohn des Vulcanus und der Minerva bezeichnet. Allein den Sinn des Namens deutet die Fabel besser als diese Geschichte. Doch was geht das uns an? Mögen immerhin Leute von religiöser Empfindung in der Geschichte Aufklärung suchen, mögen die Fabelerzählungen nur unreinen Dämonen in irreführenden Spielen Ergötzen bereiten: jene frommen Leute verehren doch diese Dämonen als Götter und können sie, indem sie solche Schandtaten bei ihnen in Abrede stellen, von allem Fehl durchaus nicht reinwaschen, weil man eben diese Götter auf ihre eigene Aufforderung hin mit Spielen ehrt, bei denen schändlich gefeiert wird, was man weislich in Abrede stellt, und durch solche erdichtete Schandbarkeiten lassen sich die Götter gnädig stimmen; mag es also immerhin ein erdichtetes Verbrechen sein, was da auf der Bühne gefeiert wird, so ist es doch ein wirkliches Verbrechen, sich an einem erdichteten Verbrechen zu ergötzen.

1: Der Priester des Pan.
2: in Rom, vom Amphitheater zum Kapitol.
3: Vgl. oben II 8 ; IV 26 [1. Band 88 f.; 222 f.].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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