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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
17. Buch

6. Das jüdische Hohepriestertum und Königtum, auf ewig eingesetzt und doch nicht von Bestand, weist von selbst darauf hin, daß bei der Verheißung der Ewigkeit an ein anderes Hohespriester- und Königtum zu denken ist.

Mit so erhabenem Tiefsinn also sind diese Dinge damals vorhergesagt worden, mit so großer Deutlichkeit liegen sie jetzt zutage; und doch könnte man wohl begreiflichen Anstoß nehmen und sagen: Wie dürften wir vertrauen, daß alles das eintrifft, dessen Eintreffen in jenen Büchern vorhergesagt ist, wenn doch gerade das, was dort als göttlicher Ausspruch steht, sich nicht durchzusetzen vermochte. Dort heißt es: „Dein Haus und das Haus deines Vaters werden vor mir aus- und eingehen ewiglich“; und gleichwohl sehen wir, daß es mit jenem Hohenpriestertum zu einem Wechsel kam, ja daß alle Hoffnung auf jemalige Erfüllung dessen geschwunden ist, was jenem Hause verheißen worden ist, weil vielmehr dem Priestertum, das in die Stelle des verworfenen und hinweggenommenen einrückte, ewige Dauer verheißen wird. Dieser Einwand mißkennt jedoch oder übersieht, daß auch dieses Priestertum, das Priestertum nach der Ordnung Aarons, als ein Schatten des künftigen ewigen Priestertums eingesetzt worden ist; und demnach gilt die ihm verheißene Ewigkeit nicht diesem Schatten und Vorbild, sondern dem Priestertum, das hierdurch abgeschattet und vorgebildet wurde. Damit man aber nicht meine, dieser Schatten sei von Dauer, so mußte auch dessen Hinwegnahme geweissagt werden.

Auf gleiche Weise war auch das Königtum Sauls, der doch gewiß verworfen und verstoßen worden ist, ein Schatten des ewig dauernden Königtums der Zukunft, Denn das Öl, womit er gesalbt ward, das Chrisma, wonach er Christus1 genannt ward, ist in einem geheimnisvollen Sinne zu nehmen und als ein tiefes Geheimnis aufzufassen; selbst David hatte vor diesem Geheimnis eine solche Ehrfurcht, daß er angstvollen Herzens zitterte, als er, in dunkler Höhle verborgen, in die Saul zur Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses eintrat, heimlich von rückwärts her ein kleines Stück von Sauls Gewand abschnitt, um einen Beweis in Händen zu haben, wie er seiner geschont, da er ihn hätte töten können, und so dem Gemüte Sauls den Argwohn zu benehmen, womit er den hl. David für seinen Feind hielt und deshalb heftig verfolgte. Schon die Berührung des Gewandes Sauls also jagte ihm einen Schrecken ein, er möchte sich der Vergreifung an einem so großen Geheimnis in Saul schuldig gemacht haben. Denn es heißt2 : „Und das Herz Davids schlug in ihm, weil er ein Stückchen von dessen Mantel wegnahm.“ Zu den Männern, die bei ihm waren und ihm zuredeten, er solle Saul, nun er in seine Hände gegeben, töten, sprach er: „Der Herr bewahre mich davor, diesem Rat zu folgen an meinem Herrn, dem Gesalbten des Herrn, und meine Hand an ihn anzulegen; denn der Gesalbte des Herrn ist er.“ Diesem Schatten des Künftigen also wurde nicht um seinetwillen, sondern um dessentwillen, was er vorbildete, solche Ehrfurcht erwiesen. Und nun erschließt sich uns auch das richtige Verständnis der Worte Samuels an Saul3 : „Weil du mein Gebot nicht befolgt hast, das der Herr dir auferlegt, so wird dir dein Königtum, wie es der Herr jetzt auf ewig über Israel vorbereitet hatte, nun nicht Bestand haben, und der Herr wird sich einen Mann nach seinem Herzen suchen, und ihm wird der Herr auftragen, Fürst zu sein über sein Volk, weil du nicht beobachtet hast, was dir der Herr geboten.“ Diese Worte sind nämlich nicht so aufzufassen, als ob Gott den Saul als König auf ewig in Aussicht genommen gehabt und ihm dies wegen seiner Sünde nachmals nicht hätte halten wollen [Gott wußte ja sehr genau, daß Saul sündigen würde], sondern Gott hatte dessen Königtum in Aussicht genommen, und in diesem Königtum sollte Saul ein Vorbild des ewigen Königtums sein. Deshalb heißt es: „Und nun wird dir dein Königtum nicht Bestand haben.“ Es hat also wohl das, was in diesem Königtum angedeutet ist, Bestand und wird Bestand haben, aber ihm wird es nicht Bestand haben, weil er nicht auf ewig König sein sollte, weder er noch sein Geschlecht, so daß also auch nicht in ununterbrochen sich folgender Nachkommenschaft das „auf ewig“ erfüllt scheinen konnte. „Und der Herr wird sich einen Mann suchen“, verkündet Samuel, sei es nun, daß er auf David anspielte oder auf den Mittler des Neuen Testamentes selbst, der ebenfalls in dem Chrisma vorgebildet wurde, mit dem David und seine Nachfolger aus seinem Geschlechte gesalbt wurden. Natürlich sucht aber Gott nicht in dem Sinne einen Mann, als wüßte er nicht, wo der Mann ist; sondern er spricht durch einen Menschen nach Menschenart, weil er auch durch solche Ausdrucksweise uns sucht4 . Denn bekannt waren wir nicht allein Gott dem Vater, sondern selbst auch seinem Eingeborenen, der gekommen ist zu suchen, was verloren war5 , waren wir so gut bekannt, daß wir in ihm auserwählt waren schon vor der Grundlegung der Welt6 . „Er wird sich einen Mann suchen“ heißt also soviel wie „er wird zu seinem Manne haben“. Im Lateinischen setzt quaerere [suchen] in dieser Bedeutung eine Präposition vor sich und lautet dann adquirere [gewinnen], womit alle Dunkelheit beseitigt ist; übrigens nimmt man auch quaerere ohne Präpositionszusatz im Sinne von adquirere; wie man denn von quaestus spricht im Sinne von Gewinn.

1: der Gesalbte
2: 1 Kön. 24, 6 f.
3: Ebd. 13, 13 f.
4: Vgl. oben XV 25.
5: Luk. 19, 10.
6: Eph. 1, 4.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger