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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
17. Buch

4. Die vorgebildete Umwandlung des israelitischen Reiches und Priestertums und die Weissagungen der Mutter Samuels, Anna, die die Rolle der Kirche spielt.

Als nun der Gottesstaat in seinem Verlauf in das Zeitalter der Könige eingetreten war, genauer zu der Zeit, da nach Sauls Verwerfung David zum erstenmal das Reich als ein Erbreich erlangte, so daß weiterhin seine Nachkommen im irdischen Jerusalem in langwährender Abfolge regieren sollten, da trug sich ein vorbildliches Geschehnis zu, über das wir nicht mit Stillschweigen hinweggehen dürfen; denn es enthält die Andeutung und Vorherverkündigung eines auf die beiden Testamente, das Alte und das Neue, bezüglichen Wechsels der Dinge, nämlich des Wechsels im Priestertum und Königtum durch Aufstellung eines neuen und ewigen Priesters und Königs zugleich, der da ist Christus Jesus. Es wurde nämlich einerseits der Hohepriester Heli verworfen und Samuel an dessen Stelle mit dem Gottesdienste betraut, der nun das Amt eines Hohenpriesters und eines Richters zugleich versah, und andererseits wurde Saul verstoßen und König David in die Herrschaft dauernd eingesetzt; und dieser Doppelwechsel war das Vorbild dessen, was ich meine. Auch Samuels Mutter Anna, die vordem unfruchtbar war und nachmals mit Fruchtbarkeit beglückt wurde, weissagt allem Anschein nach dasselbe, indem sie frohlockend ihre Danksagung dem Herrn darbringt, da sie diesen ihren Knaben, den sie geboren, nach seiner Entwöhnung Gott mit derselben Frömmigkeit opfert, mit der sie ihn verlobt hat. Sie spricht1 : „Gefestigt ist mein Herz im Herrn, erhöht ist mein Horn in meinem Gott. Es tut sich auf mein Mund über meine Feinde, ich freue mich in Deinem Heile. Denn niemand ist heilig wie der Herr, und keiner ist gerecht wie unser Gott; niemand ist heilig außer Dir. Rühmt euch nicht und führt keine hohen Reden, keine Großsprecherei komme aus eurem Munde. Denn ein Gott des Wissens ist der Herr und ein Gott, der seine Absichten vorbereitet. Den Bogen der Mächtigen hat er schlaff gemacht, und die Schwachen sind mit Kraft umgürtet worden; die Brot in Fülle hatten, sind gejüngt worden und die Hungernden schwangen sich hinaus über die Erde. Denn die Unfruchtbare hat sieben geboren und die Kinderreiche ist entkräftet. Der Herr tötet und belebt, er führt zur Unterwelt hinab und wieder zurück. Der Herr macht arm und reich, erniedrigt und erhöht. Er hebt aus dem Staub empor den Armen und richtet aus dem Schmutze den Dürftigen auf, um ihn neben die Mächtigen des Volkes zu setzen, den Thron der Herrlichkeit ihnen gebend als Erbe. Er gewährt das Gelübde dem Gelobenden und hat gesegnet die Jahre des Gerechten; denn nicht aus eigener Kraft ist mächtig der Mann. Der Herr wird seinen Widersacher schwächen, der heilige Herr. Nicht rühme sich2 der Kluge in seiner Klugheit, nicht rühme sich der Mächtige in seiner Macht, nicht rühme sich der Reiche in seinem Reichtum; sondern wer sich rühmt, der rühme sich darin, den Herrn zu erkennen und von ihm zu wissen und Recht und Gerechtigkeit zu üben inmitten der Erde. Der Herr fuhr auf gen Himmel und donnerte; er wird richten die Enden der Erde, weil er gerecht ist; er gibt Kraft unseren Königen und wird erhöhen das Horn seines Gesalbten.“

Wirklich, das wäre weiter nichts als die Äußerung eines einzelnen Weibleins, das seine Freude über ihre Mutterschaft kundtut? So völlig abgekehrt vom Lichte der Wahrheit wäre der menschliche Geist, daß er nicht herausfühlte, dieser Erguß überschreite das Maß, das dieser Frau zuzutrauen? Und läßt man überdies den Inhalt, der zum Teil bereits in dieser irdischen Pilgerschaft in Verwirklichung begriffen ist, gebührend auf sich wirken, so wird von selbst die Erkenntnis aufdämmern und zur Gewißheit werden, daß in diesem Weibe, dessen Name schon, Anna, soviel wie „seine Gnade“ bedeutet, die christliche Religion, der Gottesstaat, dessen König und Stifter Christus ist, kurz eben Gottes Gnade in seherischem Geiste also gesprochen hat, jene Gnade, der sich die Hochmütigen entfremden zu ihrem Falle und der sich die Demütigen voll erschließen zu ihrer Erhöhung, was ja gerade den Hauptinhalt dieses Lobgesanges bildet. Aber gut, nehmen wir an, dieses Weib habe nichts geweissagt, sondern lediglich Gott gepriesen in einem jubelnden Loblied für den Sohn, den sie auf ihr Gebet hin erhielt, was hat es dann für einen Sinn, wenn sie sagt: „Den Bogen der Mächtigen hat er schlaff gemacht, und die Schwachen sind mit Kraft umgürtet worden; die Brot in Fülle hatten, sind gejüngt worden, und die Hungernden schwangen sich hinaus über die Erde; denn die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die Kinderreiche ist entkräftet“? Hat sie denn sieben geboren, trotzdem sie unfruchtbar war? Einen einzigen hatte sie, als sie so sprach; und auch nachmals hat sie nicht sieben geboren, oder sechs, die mit Samuel sieben ausmachten, sondern drei Knaben und zwei Mädchen, Und wenn sie nicht weissagte, wie hätte sie dann zu einer Zeit, da in jenem Volk noch niemand König war, als Schlußwort ihrem Lobgesang beifügen können; „Er gibt Kraft unseren Königen und wird erhöhen das Horn seines Gesalbten“? Und so darf denn die Kirche Christi, der Staat des großen Königs, die Gnadenvolle, die Kinderreiche, das Wort in den Mund nehmen, das sie als über sich so lange vorher durch den Mund dieser frommen Mutter geweissagt erkennt: „Gefestigt ist mein Herz im Herrn, erhöht ist mein Horn in meinem Gott.“ Wahrhaft gefestigt ist ihr Herz und wahrhaft erhöht ihr Horn, weil sie das nicht ist in sich, sondern im Herrn, ihrem Gott. „Es tut sich auf mein Mund über meine Feinde“; denn das Wort Gottes war auch in den Bedrängnissen der Verfolgung nicht gefesselt3 , auch nicht in den gefesselten Herolden. „Ich freue mich in Deinem Heile“, spricht sie. Christus ist gemeint, jener Jesus, den Simeon, der Greis, wie wir im Evangelium lesen, umarmte als Kleinen, erkannte als Großen, indem er sprach4 : „Nun entläßt Du, o Herr, Deinen Diener in Frieden, da meine Augen das Heil geschaut haben.“ So mag denn die Kirche sprechen: „Ich freue mich in Deinem Heile; denn niemand ist heilig wie der Herr und keiner ist gerecht wie unser Gott“; denn er allein ist heilig und macht heilig, er allein ist gerecht und macht gerecht. „Niemand ist heilig außer Dir“, weil es niemand wird ohne Dich. Dann heißt es: „Rühmt euch nicht und führt keine hohen Reden, keine Großsprecherei komme aus eurem Munde; denn ein Gott des Wissens ist der Herr.“ Er kennt euch, auch da, wo niemand euch kennt; denn „wer da etwas zu sein glaubt, da er doch nichts ist, der betrügt sich selbst“5 . Das gilt den zu Babylonien gehörenden Gegnern des Gottesstaates, die sich auf die eigene Kraft verlassen, in sich, nicht im Herrn, Ruhm suchen. Und in ihren Reihen stehen auch die fleischlich gesinnten Israeliten, die erdgeborenen Bürger des irdischen Jerusalems, die, wie der Apostel sagt6 , „von der Gerechtigkeit Gottes nichts wissen wollen“ [das heißt von der Gerechtigkeit, die dem Menschen Gott verleiht, der allein gerecht ist und gerecht macht] „und eine eigene aufzurichten suchen“ [das heißt eine vermeintlich selbsterworbene, nicht von Gott mitgeteilte] „und daher sich der Gerechtigkeit nicht unterwerfen“, weil sie eben, hochmütig wie sie sind, aus Eigenem, nicht aus dem, was Gottes ist, gefallen zu können wähnen dem Gott, der ein Gott des Wissens ist und darum auch die Gewissen kennt und dort die menschlichen Gedanken sieht, daß sie nichtig sind7 , wenn sie Gedanken der Menschen sind und nicht von ihm stammen. „Und ein Gott, der seine Absichten vorbereitet“, heißt es. Welche Absichten? Doch wohl solche, die auf den Sturz der Hochmütigen und die Erhöhung der Demütigen gerichtet sind. Denn von solchen Absichten ist im folgenden die Rede, wenn es heißt: „Der Bogen der Mächtigen ist schlaff geworden, und die Schwachen sind mit Kraft umgürtet worden,“ Schlaff geworden ist der Bogen, das ist das Streben derer, die sich mächtig genug dünken, ohne Gottes Gabe und Beistand, allein aus dem Vermögen, das im Menschen liegt, die göttlichen Gebote erfüllen zu können, während mit Kraft umgürtet werden die, die in ihrem Herzen sprechen8 : „Erbarme Dich meiner, o Gott, denn ich bin schwach.“

„Die Brot in Fülle hatten“, heißt es, „sind gejüngt worden, und die Hungernden schwangen sich hinaus über die Erde.“ Unter denen, die Brot in Fülle hatten, sind wieder jene Scheinmächtigen zu verstehen, die Israeliten, denen die Aussprüche Gottes anvertraut sind9 . Aber bei diesem Volke sind die Söhne der Magd gejüngt worden [ein Ausdruck, der nicht gerade gut deutsch ist, aber doch deutlich besagt, daß sie ihr Vorrecht als ältere verloren haben und zu jüngeren herabgedrückt worden sind], weil sie am Brote selbst, das ist an den göttlichen Aussprüchen, dergleichen damals unter allen Völkern allein die Israeliten empfingen, nur nach der irdischen Seite hin Geschmack finden. Die Heiden dagegen, denen das bekannte Gesetz nicht gegeben worden war, haben sich, als sie durch Vermittlung des Neuen Testamentes zu jenen Aussprüchen gelangten, in gewaltigem Hunger über die Erde emporgeschwungen, weil sie an jenem Brote nicht nach der irdischen, sondern nach der himmlischen Seite hin Geschmack fanden. Und nun folgt, wie wenn nach der Ursache gefragt würde, weshalb es so kam: „Denn die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die Kinderreiche ist entkräftet.“ An dieser Stelle wird der Sinn der ganzen Weissagung klar, wofern man nur die Siebenzahl richtig erfaßt, welche die Vollendung der gesamten Kirche bedeutet. Deshalb richtet auch der Apostel Johannes seine Schrift an sieben Kirchen10 ; er deutet damit an, daß er sie an die Gesamtheit der einen Kirche richte. Und in den Sprichwörtern Salomons11 hat die Weisheit diese Vollendung zum voraus gesinnbildet, indem sie „ein Haus gebaut und es auf sieben Säulen gestützt hat“. Denn unfruchtbar blieb bei allen Völkern der Gottesstaat, ehe diese Nachkommenschaft entsproß, die wir vor Augen sehen. Und vor Augen sehen wir auch, wie das irdische Jerusalem, ehedem kinderreich, nun entkräftet ist. Denn alle die Kinder der Freien, die es in ihm gab, waren seine Kraft; nun aber hat es, weil es Buchstabe ist und nicht Geist, seine Kraft verloren und ist entkräftet.

„Der Herr tötet und belebt“; er hat die Kinderreiche getötet und die Unfruchtbare belebt, die nun sieben gebar. Doch läßt sich die Stelle füglicher in dem Sinne auffassen, daß er die nämlichen belebt, die er getötet hat. Denn dieser Gedanke ist es, der im folgenden Glied abermals Ausdruck findet: „Er führt zur Unterwelt hinab und wieder zurück.“ Die nämlich, denen der Apostel zuruft12 : „Wenn ihr gestorben seid mit Christus, so sucht das, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes“, werden ja zu ihrem Heile von Gott getötet; und ihnen auch gilt die sich anschließende Aufforderung: „Nach dem trachtet, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist“; sie sind es also, die „hungernd sich emporgeschwungen haben über die Erde“. „Denn ihr seid tot“, sagt der Apostel; sieh’, wie heilsam der Herr tötet; und dann heißt es: „Und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott“; sieh’, wie die nämlichen der Herr belebt. Aber er hat sie doch eben nicht in die Unterwelt hinab- und wieder zurückgeführt. Darum erblicken wir — wogegen sich unter Gläubigen kein Widerspruch erhebt — beides zumal, das Töten und Beleben, und das Hinab- und Zurückführen, besser in dem erfüllt, der unser Haupt ist, mit dem unser Leben ein verborgenes in Gott vom Apostel genannt worden ist. Denn der, der „seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat“13 , hat ihn ja auf diese Weise getötet; und weil er ihn auferweckt hat von den Toten, so hat er ihn wieder belebt. Und da die Weissagung14 : „Du wirst meine Seele nicht in der Unterwelt lassen“, Christo in den Mund zu legen ist, so hat ihn Gott in der Tat in die Unterwelt hinab- und wieder zurückgeführt. Durch diese seine Armut sind wir reich geworden15 . „Der Herr nämlich macht arm und reich.“ Denn was damit gemeint ist, erhellt aus dem Folgenden: „Er erniedrigt und erhöht“; die Hochmütigen natürlich erniedrigt er und die Demütigen erhöht er. Der ganze Lobgesang dieser Frau, deren Name soviel heißt wie „seine Gnade“, ist ja seinem Inhalt nach dasselbe, was an anderer Stelle16 in den Worten ausgedrückt ist: „Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade.“

Was nunmehr sich anschließt: „Er hebt aus dem Staub empor den Armen“, werde ich wohl am besten auf den beziehen, der17 „um unseretwillen arm geworden ist, da er reich war, damit wir durch seine Armut“, wie ich soeben gesagt habe, „reich würden“, Denn ihn hat er emporgehoben aus dem Staube, so schnell, daß sein Fleisch die Verwesung nicht schaute18 . Und auch für das Folgende: „Und er richtet aus dem Schmutze den Dürftigen auf“ möchte ich mich an ihn halten. Der Dürftige ist ja dasselbe wie der Arme; unter dem Schmutz aber, aus dem er aufgerichtet worden ist, lassen sich die ihn verfolgenden Juden verstehen, als deren einer der Apostel mit Bezug auf seine ehemalige Verfolgung der Kirche erscheint, worauf er also anspielt19 : „Was mir einst Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden gehalten; und nicht bloß für Verlust, sondern selbst für Schmutz habe ich es erachtet, wenn ich nur Christum gewinne.“ Aus dem Staub also ward emporgehoben jener Arme über alle Reichen und aus dem Schmutz aufgerichtet jener Dürftige über alle Gesättigten, um zu sitzen „neben den Mächtigen des Volkes“, denen er verheißt20 : „Ihr werdet sitzen auf zwölf Thronen.“ „Und den Thron der Herrlichkeit ihnen gebend“; denn jene Mächtigen hatten gesagt21 : „Sieh’, wir haben alles verlassen und sind Dir nachgefolgt.“ Dieses Gelübde hatten sie gar mächtig gelobt. Aber woher kam ihnen die Kraft dazu? Nur von dem, über welchen es hier unmittelbar darauf heißt: „Er gewährt das Gelübde dem Gelobenden.“ Sonst würden sie zu jenen Mächtigen gehören, deren Bogen schlaff geworden ist. „Er gewährt“, heißt es, „das Gelübde dem Gelobenden.“ Denn nur der kann dem Herrn etwas Rechtes geloben, dem es von ihm kommt, was er gelobt. Es folgt: „Und er hat gesegnet die Jahre des Gerechten“, so daß nun der Gerechte ein Leben ohne Ende hat bei dem, dem das Wort gilt22 : „Und deine Jahre werden nicht enden.“ Denn im Jenseits stehen die Jahre still, hienieden aber gehen sie vorüber, ja sie vergehen; denn ehe sie kommen, sind sie noch nicht da, und wenn sie gekommen sind, werden sie nicht bestehen bleiben, weil sie mit ihrem Ende kommen. Von den beiden Dingen nun, von denen hier die Rede ist: er gewährt das Gelübde dem Gelobenden, und: er hat gesegnet die Jahre des Gerechten, ist das eine für uns Gegenstand der Leistung, das andere Gegenstand des Empfangens, doch so, daß man das zweite aus Gottes Hand nur entgegennehmen kann, wenn man das erste mit Gottes Hilfe leistet. „Denn nicht aus eigener Kraft ist mächtig der Mann. Der Herr wird dessen Widersacher schwächen“; nämlich den, der dem gelobenden Menschen neidisch ist und widersteht in der Ausführung des Gelöbnisses. Nach dem doppelsinnigen griechischen Text kann man auch Gottes Widersacher verstehen. In der Tat wird ja unser Widersacher, sobald der Herr von uns Besitz ergriffen hat, Gottes Widersacher und wird besiegt von uns, aber nicht mit unseren Kräften, „denn nicht aus eigener Kraft ist mächtig der Mann. Der Herr also wird schwächen seinen Widersacher, der heilige Herr“, damit er besiegt werde von den Heiligen, die der Herr, der Heilige der Heiligen, heilig macht.

Und sonach „rühme sich nicht der Kluge in seiner Klugheit, noch rühme sich der Mächtige in seiner Macht, noch rühme sich der Reiche in seinem Reichtum; sondern wer sich rühmt, rühme sich darin, den Herrn zu erkennen und von ihm zu wissen und Recht und Gerechtigkeit zu üben inmitten der Erde“. Ein gut Stück Erkenntnis und Wissen um den Herrn steckt schon darin, zu erkennen und zu wissen, daß eben dieses Erkennen und Wissen eine Gabe des Herrn ist. „Denn was hast du“, sagt der Apostel23 , „das du nicht empfangen hättest? Hast du es aber empfangen, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ d.h. als hättest du aus dir selbst das, wessen du dich rühmst. Recht und Gerechtigkeit übt, wer recht lebt. Und recht lebt, wer dem Gebote Gottes gehorcht; und „der Endzweck des Gebotes“24 , d.h. das, worauf das Gebot abzielt, „ist die Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben“. Nun ist diese Liebe aus Gott, wie der Apostel Johannes bezeugt25 . Recht und Gerechtigkeit üben kommt also von Gott. Aber was bedeutet der Beisatz: „Inmitten der Erde“? Es müssen doch auch die Bewohner der Grenzen der Erde Recht und Gerechtigkeit üben. Das wird kaum jemand bestreiten wollen. Warum also diese Einschränkung: „Inmitten der Erde“? Wäre das nicht beigesetzt und hieße es nur: „Recht und Gerechtigkeit zu üben“, so würde sich dieses Gebot vielmehr an alle Menschen wenden, an die Binnenlandsbewohner wie an die Küstenbewohner. Allein es handelte sich darum, der Auffassung vorzubeugen, als ob nach dem Ende des im irdischen Leibe zuzubringenden Lebens noch Zeit wäre, Recht und Gerechtigkeit zu üben, die man während des Wandels im Fleische nicht geübt hat, und als könne man auf solche Weise dem göttlichen Gericht entgehen; „inmitten der Erde“ ist also wohl soviel wie „solang man im Leibe lebt“. Denn im irdischen Leben trägt jeder seine Erde mit sich herum, die dann beim Tode des Menschen die gemeinsame Erde aufnimmt, um sie ihm wiederzugeben bei der Auferstehung. Also „inmitten der Erde“, d. h. solang unsere Seele in diesem irdischen Leib eingeschlossen ist, muß man Recht und Gerechtigkeit üben, wenn es nützen soll für die Zukunft, da „jeder nach seinen Taten, die er im Leibe vollbracht hat, seinen Teil bekommt, es sei im Guten oder Bösen“26 . Im Leibe sagt hier der Apostel zur Bezeichnung der Zeit, in der man im Leibe gelebt hat. Denn auch wenn jemand nur durch schlechte Gesinnung und gottlose Gedanken Gott lästert, ohne dabei irgendwelche Glieder seines Leibes zu gebrauchen, so wird er gleichwohl von Schuld deshalb nicht frei sein, weil er das nicht durch Bewegung des Leibes vollbracht hat; er vollbrachte es eben zu der Zeit, die er im Leib zubrachte. In gleichem Sinne läßt sich auch recht wohl die Psalmstelle27 auffassen: „Gott aber, unser König vor den Weltzeiten, hat das Heil gewirkt inmitten der Erde“. Es läßt sich der Herr Jesus verstehen unter dem Gott, der vor den Weltzeiten ist, weil durch ihn die Weltzeiten gemacht sind, als Wirker unseres Heiles inmitten der Erde, indem das Wort28 Fleisch geworden ist und gewohnt hat in einem irdischen Leibe,

Nachdem also die Prophetin Anna in diesen Worten ausgesprochen hat, wie sich rühmen soll, wer sich rühmt, nämlich nicht in sich, sondern im Herrn, fährt sie fort mit Bezug auf die am Tag des Gerichtes eintretende Vergeltung: „Der Herr fuhr auf gen Himmel und donnerte; er wird richten die Enden der Erde, weil er gerecht ist,“ Sie hielt genau die Reihenfolge ein, wie sie im Bekenntnis der Gläubigen ist. Aufgefahren in den Himmel ist der Herr Christus, und von dannen wird er kommen zu richten die Lebendigen und die Toten. Denn, um mit dem Apostel29 zu reden, „wer sonst fuhr auf als der, der auch niedergefahren in die unteren Gegenden der Erde? Der Niedergefahrene ist derselbe wie der, der aufgefahren ist über alle Himmel, um alles zu erfüllen“. Durch seine Wolken also donnerte er, die er mit dem HL Geist erfüllte nach seiner Auffahrt. Mit ihnen drohte er der Magd Jerusalem, d. i. dem undankbaren Weinberg, bei dem Propheten Isaias, daß sie über ihn keinen Regen mehr ergießen würden30 . Wenn es dann weiter heißt: „Er wird richten die Enden der Erde“, so ist das soviel, wie wenn es hieße: selbst die Enden der Erde. Denn er wird auch alle übrigen Teile der Erde richten, da er ja alle Menschen richten wird. Aber besser versteht man unter den Enden der Erde den letzten Zustand der Menschen; denn nicht das wird Gegenstand des Gerichtes sein, was sich in der Zwischenzeit zum Bessern oder zum Schlechtern ändert, sondern der Zustand, in welchem der zu Richtende zuletzt befunden wird. Deshalb heißt es ja31 ; „Wer ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.“ Wer also beharrlich Recht und Gerechtigkeit übt inmitten der Erde, wird nicht verdammt werden, wenn die Enden der Erde gerichtet werden. „Und er gibt Kraft“, spricht sie, „unseren Königen“, so daß er sie im Gerichte nicht verdammt. Er gibt ihnen Kraft, damit sie durch sie das Fleisch beherrschen wie Könige und die Welt besiegen in dem, der um ihretwillen sein Blut vergossen hat. „Und er wird das Horn seines Gesalbten erhöhen“. Wie ist das zu verstehen: Christus wird das Horn seines Gesalbten, seines Christus, erhöhen? Denn derselbe, von dem es oben geheißen hat: „Der Herr fuhr auf gen Himmel“, worunter Christus der Herr verstanden ist, er wird, wie es hier heißt, „das Horn seines Christus erhöhen“. Wer also ist dieser Gesalbte Christi, dieser Christus Christi? Wird Christus vielleicht das Horn eines jeden seiner Gläubigen erhöhen, wie Anna selbst im Eingang dieses Lobliedes sagt: „Erhöht ist mein Horn in meinem Gott“? Wir können in der Tat alle, die gesalbt sind mit seinem Chrisma, mit Recht als lauter Christus bezeichnen; doch so, daß der ganze Leib mit seinem Haupte der eine Christus ist. — Das also hat Anna geweissagt, die Mutter Samuels, eines heiligen und viel gepriesenen Mannes; und in ihm ward damals die Umwandlung des alten Hohenpriestertums vorgebildet und jetzt ist sie erfüllt, da die Kinderreiche entkräftet ist, damit die Unfruchtbare, die sieben gebar, in Christo ein neues Hohespriestertum habe.

1: 1 Kön. 2, 1-10.
2: Vgl. Jerem. 9, 23 f.
3: Vgl. 2 Tim. 2, 9.
4: Luk. 2, 29 f.
5: Gal. 6, 3.
6: Röm. 10, 3.
7: Vgl. Ps. 93, 11
8: Ebd. 6, 3.
9: Vgl. Röm. 3, 2.
10: Off. 1, 4.
11: Spr. 9, 1.
12: Kol. 3, 1-3.
13: Röm. 8, 32.
14: Ps. 15, 10.
15: Vgl. 2 Kor. 8, 9.
16: Jak. 4, 6.
17: 2 Kor. 8, 9.
18: Vgl Apg. 2, 31.
19: Philipp. 3, 7 f.
20: Matth. 19, 28.
21: Ebd. 19, 27.
22: Ps. 101, 28.
23: 1 Kor. 4, 7.
24: 1 Tim. 1, 5.
25: 1 Joh. 4, 7.
26: 2 Kor. 5, 10.
27: Ps. 73, 12.
28: Vgl. Joh. 1, 14.
29: Eph. 4, 9 f.
30: Is. 5, 6.
31: Matth. 10, 22.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger