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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
17. Buch

16. Wie der 44. Psalm auf Christus und die Kirche hinweist, teils in klar zutage liegenden, teils in bildlichen Beziehungen.

Denn ob es schon über jeglichen Gegenstand prophetische Aussprüche gibt, die im Wortsinne zu nehmen und ganz klar sind, so sind diesen doch auch, wie die Dinge einmal liegen, Wendungen beigemischt, die nur in übertragenem Sinne zutreffen; und sie sind es, deren Erörterung und Auslegung den Erklärern, vornehmlich im Hinblick auf Leser von schwächerer Fassungskraft, viel Mühe und Arbeit macht. Manches jedoch weist auf den ersten Blick, so wie es dasteht, auf Christus und die Kirche hin, wenn auch ein weniger verständlicher Rest bleibt, der dann je nach Muße ausgelegt werden mag. Hierher gehört, um ein Beispiel anzuführen, eben im Buch der Psalmen folgender Erguß1 : „Es quillt über mein Herz von guter Rede, ich singe mein Lied für den König, Meine Zunge ist der Griffel eines Schreibers, der schnell schreibt. Schön von Gestalt bist Du, schöner als alle Menschenkinder; Anmut ist ausgegossen über Deine Lippen, darum hat Dich Gott gesegnet in Ewigkeit. Gürte Dein Schwert um Deine Hüfte, Du Mächtigster in Deiner Wohlgestalt und Deiner Schönheit, und beginne, dring’ glücklich vor und herrsche um der Wahrheit, Sanftmut und Gerechtigkeit willen, so wird Dich wunderbar führen Deine Rechte. Deine Pfeile sind scharf, Du Mächtigster,2 wider die Herzen der Feinde des Königs. Dein Thron, o Gott, steht fest in Ewigkeit, ein Szepter der Gerechtigkeit ist das Szepter Deines Reiches. Du liebst die Gerechtigkeit und hassest das Unrecht; deshalb hat Dich Gott, Dein Gott, mit dem Öl der Wonne gesalbt vor Deinen Genossen. Myrrhe und Aloe und Kasia strömen aus von Deinen Gewändern, von elfenbeinernen Häusern; damit haben Dich erfreut die Töchter der Könige in Deiner Herrlichkeit.“ Auch der Blödeste erkennt hier die Beziehung auf Christus, den wir verkünden und an den wir glauben, wenn er hört von einem Gott, dessen Thron in Ewigkeit feststeht, und von einem, der gesalbt ist von Gott, natürlich so, wie Gott eben salbt, nicht mit sichtbarem, sondern mit geistigem und übersinnlichem Chrisam. So ununterrichtet über diese Religion oder so taub gegenüber ihrem weit verbreiteten Ruf ist ja doch niemand, daß er nicht wüßte, daß Christus seinen Namen hat von Chrisam, d. i. von Salbung. Hat man aber einmal als den König Christum erkannt und anerkannt, so mag man, nunmehr dem ergeben, der um der Wahrheit, Sanftmut und Gerechtigkeit willen herrscht, je nach Muße dem übrigen nachforschen, was hier in übertragenem Sinne vorkommt: wie er von Gestalt schöner ist als alle Menschenkinder dank einer Schönheit, die um so liebenswürdiger und bewundernswerter ist, je weniger sie eine körperliche ist, was sein Schwert, was seine Pfeile bedeuten und das übrige, was in solcher Art nicht im buchstäblichen, sondern in einem übertragenen Sinne hier steht.

Sodann wende man den Blick auf die einem solchen Gemahl durch geistige Ehe und göttliche Liebe verbundene Kirche, von der es im nämlichen Psalme heißt: „Die Königin steht zu Deiner Rechten in golddurchwirktem Gewande, angetan mit bunter Pracht. Höre, Tochter, und sieh und neige dein Ohr, und vergiß dein Volk und das Haus deines Vaters; denn der König begehrt nach deiner Schönheit, und er ist dein Gott. Und die Töchter von Tyrus werden ihm huldigen mit Geschenken; zu Deinem Angesicht werden flehen alle Reichen des Volkes. Alle Herrlichkeit der Königstochter ist inwendig, in goldenen Säumen, angetan mit bunter Pracht. Nach ihr werden Jungfrauen dem König zugeführt werden, ihre Nächsten werden ihm zugeführt werden. In Jubel und Frohlocken werden sie zugeführt, zum Tempel des Königs werden sie gebracht werden. An Stelle deiner Väter werden dir Söhne geboren; du wirst sie zu Fürsten setzen über die ganze Erde hin. Eingedenk werden sie sein deines Namens von Geschlecht zu Geschlecht. Deshalb werden dich preisen die Völker in Ewigkeit, immer und ewig.“ Es wird ja wohl niemand so einfältig sein zu glauben, daß hier irgendeine gewöhnliche Frau gepriesen und geschildert wird; handelt es sich doch um die Braut dessen, von dem es heißt: „Dein Thron, o Gott, steht fest in Ewigkeit; ein Szepter der Gerechtigkeit ist das Szepter Deines Reiches. Du liebst die Gerechtigkeit und hassest das Unrecht; darum hat Dich Gott, Dein Gott, mit dem Öl der Wonne gesalbt vor Deinen Genossen“, eben Christum vor den Christen. Denn sie sind seine Genossen, die in ihrer Einheit und Eintracht unter allen Völkern jene Königin ausmachen, „die Stadt des großen Königs“, wie es in einem anderen Psalme heißt3 . Sie ist in geistigem Sinne das Sion; ein Name, der soviel besagt wie „Ausschau“; ausgeschaut wird nämlich nach dem großen Gut des künftigen Lebens, weil dorthin ihr Sinnen geht. Sie ist ebenso in geistigem Sinne das Jerusalem, worüber wir schon so vieles gesagt haben. Ihre Feindin ist Babylon, die Stadt des Teufels, deren Name „Verwirrung“ bedeutet; jedoch wird aus diesem Babylon unsere Königin bei allen Völkern durch die Wiedergeburt erlöst und geht vom schlimmsten König zum besten über, vom Teufel zu Christus. Darum wird ihr zugerufen: „Vergiß dein Volk und das Haus deines Vaters“. Ein Teil dieser gottlosen Stadt sind auch die Israeliten, die Israeliten dem Fleische allein nach, nicht die dem Glauben nach; auch sie sind Feinde dieses großen Königs und seiner Königin. Denn zu ihnen kommend und von ihnen getötet, ist Christus vielmehr anderen, die er nicht im Fleische gesehen hat, zu eigen geworden. Mit Beziehung darauf spricht eben dieser unser König in einem Psalme seherischen Geistes4 : „Du wirst mich retten vor den Anfeindungen des Volkes, Du wirst mich zum Haupte der Völker machen. Das Volk, das ich nicht kannte, dient mir; sie vernahmen mit ihren Ohren und gehorchen mir.“ Dieses Volk der Heiden also, das Christo aus leiblicher Gegenwart nicht bekannt war, das aber an Christus auf Verkündigung hin glaubte, so daß es mit Recht von ihm heißt: „Sie vernahmen mit ihren Ohren und gehorchen mir“, weil der Glaube vom Anhören kommt5 , dieses Heidenvolk, sage ich, im Verein mit den wahren Israeliten, den Israeliten dem Fleische und dem Glauben nach, ist die Gottesstadt, die selbst auch Christum dem Fleische nach geboren hat, zu einer Zeit, da sie allein bei jenen Israeliten sich fand. Denn von daher stammt die Jungfrau Maria, in der Christus das Fleisch angenommen hat, um Mensch zu sein. Von dieser Stadt sagt ein anderer Psalm6 : „Mutter Sion, wird er sprechen als Mensch, und als Mensch ist er in ihr geboren, und er selbst hat sie gegründet, der Allerhöchste.“ Gott und sonst niemand ist der Allerhöchste. Und sonach hat Christus als Gott, ehe er in dieser Stadt durch Maria Mensch wurde, selbst sie in den Patriarchen und Propheten gegründet. Wenn es also von dieser Königin, der Gottesstadt, so lange vorher in der Weissagung heißt: „An Stelle deiner Väter werden dir Söhne geboren; du wirst sie zu Fürsten setzen über die ganze Erde hin“, was wir nunmehr erfüllt sehen - denn aus ihren Söhnen sind über die ganze Erde hin auch ihre Väter an die Spitze gesetzt worden, während die Völker sie preisen, die ihr zuströmen zu solchem ewig währenden Lobpreis, so muß ohne Zweifel mit diesen ganz klaren Beziehungen auch all das übereinstimmen, was hier in übertragener Redeweise weniger klar mitgeteilt ist, mag man es im übrigen auffassen, wie man will.

1: Ps. 44.
2: Völker fallen vor Dir,
3: Ps. 47, 3.
4: Ebd. 17, 44 f.
5: Vgl. Röm. 10, 17.
6: Ps. 86, 5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger