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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
16. Buch

43. Von den Zeiten des Moses, des Jesus Nave, der Richter und sodann der Könige, von denen Saul zwar der erste ist, David aber seiner geheimnisvollen Bedeutung und seinem Verdienste nach als der hervorragendste gilt.

Nach Jakobs Tode und nachdem auch Joseph dahingegangen war, wuchs jenes Volk in den weiteren 144 Jahren bis zum Auszug aus dem Land Ägypten in unglaublichem Maße an, trotz aller Bedrängnis durch Verfolgungen, wobei selbst die männliche Nachkommenschaft einmal dem Tode verfiel, weil die staunenden Ägypter über so unerhörte Zunahme ihres Gastvolkes in Schrecken gerieten1 . Damals kam Moses, den Mördern der Kleinen heimlich entzogen, da Gott Gewaltiges durch ihn vorbereitete, in den königlichen Palast und wurde von der Tochter des Pharao [so hießen in Ägypten alle Könige] aufgezogen und an Kindesstatt angenommen und entwickelte sich zu einem so bedeutenden Manne, daß er, oder vielmehr durch ihn Gott, der dies dem Abraham verheißen hatte, das wunderbar vermehrte Volk von dem überharten und drückenden Knechtschaftsjoch befreite, das es dort zu tragen hatte. Zunächst jedoch floh er von Hof, weil er zum Schutz eines Israeliten einen Ägypter erschlagen hatte und darüber bedroht wurde2 , dann aber überwand er in göttlicher Sendung in der Kraft des Geistes Gottes die sich entgegenstellenden Magier des Pharao. Damals wurden durch ihn über die Ägypter, da sie das Volk Gottes nicht ziehen lassen wollten, zehn denkwürdige Plagen verhängt, zunächst die Verwandlung des Wassers in Blut, sodann Frösche und Mücken, Fliegen, Fall des Viehes, Geschwüre, Hagel, Heuschrecken, Finsternis, Tod aller Erstgeburt3 . Und zuletzt wurden die Ägypter bei der Verfolgung der Israeliten, die sie endlich, mürbe gemacht durch die vielen und schweren Plagen, hatten ziehen lassen, im Roten Meere vernichtet. Den Abziehenden nämlich gewährte das Meer, indem es sich teilte, den Durchgang, die Verfolger dagegen verschlang die zurückflutende Woge4 . Danach hielt sich das Volk Gottes unter Führung des Moses vierzig Jahre lang in der Wüste auf, und hier erhielt die Stätte, an der Gott mit vorbildlichen Opfern verehrt wurde, den Namen „Zelt des Zeugnisses“, nachdem ja bereits das Gesetz gegeben war auf dem Berge unter vielen Schrecknissen; denn ganz augenscheinlich bezeugte sich dabei die Gottheit durch wunderbare Zeichen und Stimmen. Dies geschah alsbald nach dem Auszug aus Ägypten, zu Beginn des Wüstenaufenthaltes, am fünfzigsten Tage nach der mit Schlachtung eines Lammes begangenen Paschafeier; dieses Lamm ist so sehr ein Vorbild Christi, verkündend seinen Hingang aus dieser Welt zum Vater über das Opfer des Leidens5 ; daß nunmehr, als das Neue Testament enthüllt wurde, am fünfzigsten Tage, nachdem unser Pascha Christus sich aufgeopfert hatte6 , der Heilige Geist vom Himmel kam, der Finger Gottes, wie er im Evangelium heißt7 , um unsere Erinnerung zurückzurufen zum Gedächtnis der ersten vorgebildeten Begebenheit; denn auch von jenen Gesetzestafeln heißt es8 , daß sie von Gottes Finger geschrieben worden seien.

Nach dem Tode des Moses leitete Jesus Nave das Volk9 und führte es ein in das Land der Verheißung, das er auch unter das Volk aufteilte. Von diesen beiden, durch Wunder ausgezeichneten Führern wurden auch Kriege bestanden, sehr glücklich und wunderbar, wobei Gott erwies10 , daß ihnen diese Siege zuteil wurden nicht so sehr wegen der Verdienste des hebräischen Volkes, als wegen der Sünden der von ihnen bekriegten Völker11 . Nach diesen Heerführern gab es Richter, nachdem sich das Volk bereits im Lande der Verheißung niedergelassen hatte, so daß zunächst einmal die erste Verheißung an Abraham allmählich sich erfüllte, die Verheißung bezüglich des einen Volkes, des hebräischen, und des Landes Chanaan, noch nicht aber die bezüglich aller Völker und des ganzen Erdkreises, was erst Christi leibliche Ankunft und nicht die Beobachtung des alten Gesetzes, sondern der Glaube an das Evangelium zur Erfüllung bringen sollte. Vorausgebildet wurde dies darin, daß nicht Moses, der das Gesetz für das Volk entgegengenommen hatte auf dem Berge Sina, sondern Jesus, dem auch der Name auf Gottes Geheiß in diese Form abgeändert wurde12 , das Volk in das Land der Verheißung einführte. In den Zeiten der Richter aber wechselten Glück und Unglück in den Kriegen, je nach den Sünden des Volkes und der Barmherzigkeit Gottes.

Dann folgte das Zeitalter der Könige, als deren erster Saul regierte; allein er ward verworfen und fiel in einer unglücklichen Schlacht, und da auch sein Stamm nicht weiter in Betracht kommen sollte als königliches Haus, so folgte ihm David in der Herrschaft, und als sein Sohn wird Christus ganz besonders bezeichnet. Mit David beginnt ein neuer Abschnitt, das Mannesalter sozusagen des Gottesvolkes nimmt seinen Anfang, während von Abraham bis zu David eine Art Jünglingsalter dieses Geschlechtes reichte. Denn sicher mit gutem Grund hat der Evangelist Matthäus bei der Aufzählung der Geschlechtsfolgen diesen ersten Zeitabschnitt, ich meine den von Abraham bis zu David, durch den Hinweis hervorgehoben, daß er vierzehn Zeugungen umfasse. Mit den Jünglingsjahren tritt ja der Mensch in das zeugungsfähige Alter; deshalb läßt Matthäus seine Zeugungsreihen mit Abraham beginnen, der zudem als Vater von Völkern bestellt wurde, als er den veränderten Namen erhielt13 . Vor ihm also befand sich dieses Geschlecht des Gottesvolkes gewissermassen im Knabenalter, in den Zeiten von Noe bis zu Abraham; und deshalb ist dieses Weltalter in einer Sprache erfunden worden, d. i. in der hebräischen. Mit dem Knabenalter nämlich beginnt der Mensch zu sprechen nach Ablauf der Kindheit, deren lateinischer Name infantia daher kommt, daß sie unfähig ist zu sprechen1415 . Dieses früheste Alter versinkt denn auch in Vergessenheit, wie das erste Zeitalter des Menschengeschlechtes durch die Sündflut hinweggeschwemmt ward. Wie viele sind es auch, die eine Erinnerung an ihre Kindheit haben? Und so soll es denn das vorliegende Buch, während das vorangegangene ein Weltalter in der Entwicklung des Gottesstaates und zwar das erste umfaßt hat, bei deren zweien bewenden lassen, dem zweiten und dem dritten, in welch letzterem nun, wie die dreijährige Kuh und die dreijährige Ziege und der dreijährige Widder andeuten, das Joch des Gesetzes auferlegt und das Überhandnehmen der Sünden16 offenbar ward und das irdisch gesinnte Reich seinen Anfang nahm, wo es indes an Geistesbekennern nicht gebrach, deren geheimnisvolles Dasein in der Turteltaube und der Taube gesinnbildet ist17 .

1: Exod. 1.
2: Ebd. 2.
3: Exod. 7-12.
4: Ebd. 14.
5: das hebräische Wort Pascha heißt Vorübergang [Ebd. 12, 11.]
6: Die Stelle lautet wörtlich wie in der Osterpräfation: [postea quam] pascha nostrum immolatus est Christus.
7: Luk. 11, 20.
8: Exod. 31, 18.
9: Vgl. Buch Josue.
10: Vgl. Gen. 15, 16; Jos. 11, 20.
11: Vgl. den ähnlichen Gedanken, der oben IV 15 über die Ausbreitung des Römerreiches niedergelegt ist.
12: Num. 13, 17.
13: Vgl. oben XVI 28.
14: fari non potest
15: Vgl. oben XVI 11. Augustinus behauptet hier natürlich, nicht, daß die Menschheit vor Noe keine Sprache gehabt hätte, aber auch nicht, daß die hebräische Sprache, die er oben XVI 11 ausdrücklich als die Ursprache bezeichnet hat. jetzt erst sich herausgebildet habe, sondern daß das Volk Gottes jetzt „in ihr erfunden worden ist“, d. i. daß nun erst von der hebräischen Sprache, die Rede sein konnte, während sie als gemeinsame Ursprache keinen bestimmten Namen gehabt hatte, und daß das Volk Gottes nun erst als Träger dieser Ursprache hervortritt. Von einem Widerspruch, wie Seyrich [s. oben Band I S. XLVI], 45 A. 1 und ihm folgend H. Scholz, Glaube und Unglaube, 156 A. 1 annimmt, kann daher nicht die Rede sein. Der Vergleichungspunkt liegt nicht im Beginn des Sprechens überhaupt oder des Sprechens einer neuen Sprache, sondern in der Sonderung der heiligen Sprache, von den übrigen nach Eintritt der Sprachenverwirrung und in dem ersten Hervortreten von Andeutungen, daß das Volk Gottes eine eigene Sprache gehabt habe; ebenso wie im folgenden Satz der Vergleichungspunkt nicht im Verwischen aller Erinnerung gelegen sein kann, sondern ganz allgemein in der Beseitigung von Altem, und dem dadurch sich ergebenden Abschnitt zu suchen ist.
16: Vgl. Röm. 5, 20.
17: Vgl. dazu oben XVI 24, 2. Absatz.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger