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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
16. Buch

32. Wie Abrahams Gehorsam und Glaube durch seine Bereitwilligkeit, den Sohn zu opfern, erprobt ward, und wie Sarra starb.

Nicht alles, was sich da zutrug, kann ich erwähnen; es ginge zu weit; doch darf ich an der Opferung Isaaks nicht vorübergehen. Abraham also wurde mit der Opferung seines heißgeliebten Sohnes versucht, damit sein gottseliger Gehorsam erprobt werde, der nicht natürlich Gott, wohl aber den kommenden Jahrhunderten kundgetan werden sollte. Es ist ja nicht jede Versuchung vom Übel, vielmehr gibt es auch begrüßenswerte Versuchungen, durch die es zur Erprobung kommt. Und in der Regel vermag der Mensch seine eigene Gesinnung überhaupt nur auf dem Wege inne zu werden, daß er sich nicht in Worten, sondern durch die Erfahrung Rechenschaft gibt, wobei die Versuchung sozusagen die Rolle des Ausforschenden übernimmt; wenn dabei die Gesinnung die Gabe Gottes anerkennt, dann ist sie gottselig, dann wird sie durch dauernden Beistand der Gnade gekräftigt, nicht in eitler Selbstüberhebung aufgeblasen. Abraham hätte sicher nie geglaubt, daß Gott an Menschenopfern Gefallen finde; aber wenn ein Befehl Gottes ergeht, heißt es gehorchen, nicht sich herumstreiten. Indes hat Abraham — auch darin rühmenswert — an die sofortige Auferstehung seines Sohnes nach der Hinschlachtung geglaubt. Gott hatte ihm ja, als er Bedenken trug, bezüglich der Ausschaffung der Magd und ihres Sohnes den Willen seiner Frau zu erfüllen, mit klaren Worten gesagt1 : „In Isaak wird dein Same gerufen werden“. Und dennoch folgen dort die Worte: „Aber auch den Sohn dieser Magd, zum großen Volke werde ich ihn machen, weil er dein Same ist“. In welchem Sinne heißt es also: „In Isaak wird dein Same gerufen werden“, wenn doch Gott auch den Ismael als dessen Samen ausruft. Der Apostel2 erklärt den Sinn der Worte: „In Isaak soll dein Same gerufen werden“, indem er sagt: „Das ist: nicht die Kinder des Fleisches sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden zum Samen gerechnet“. Und demnach werden die Kinder der Verheißung, um Abrahams Same sein zu können, in Isaak gerufen, das heißt, sie werden in Christo versammelt durch den Ruf der Gnade. An dieser Verheißung hielt der gottselige Vater treulich fest; denn sie mußte sich erfüllen durch den, den Gott zu töten hieß; und so zweifelte er nicht, daß er den Sohn, den er schon wider die Hoffnung hatte entgegennehmen dürfen, nach der Opferung neuerdings werde entgegennehmen können. In diesem Sinne ist die Sache auch aufgefaßt und ausgelegt im Brief an die Hebräer3 : „Im Glauben ging Abraham dem Isaak voran, da er versucht wurde, und opferte den Einzigen, auf dem die Verheißungen ruhten, über den gesagt worden war: In Isaak wird dein Same gerufen werden; er dachte, daß Gott auch von den Toten aufzuerwecken vermag“. Und dann heißt es: „Dafür hat er [Gott] ihn [Abraham] auch zum Gleichnis vorgeführt“; zu wessen Gleichnis? Offenbar zum Gleichnis dessen, von dem der Apostel sagt4 : „Der des eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat“. Deshalb trug, wie der Herr sein Kreuz, so auch Isaak sich selbst das Holz, auf das er auch gelegt werden sollte, zur Opferstätte. Aber Isaak sollte nicht getötet werden, und deshalb zeigte sich ein Widder, nachdem seinem Vater der tödliche Streich verwehrt worden war, und durch dessen Hinschlachtung wurde das Opfer, in sinnbildlichem Blute vollzogen. Was hat es nun mit diesem Widder für eine Bewandtnis? Er hing, als Abraham ihn sah, mit den Hörnern im Gesträuche fest. Wen also sinnbildete er? Doch wohl nur Jesum, wie er vor seiner Hinopferung von den Juden mit Dornen gekrönt ward.

Doch hören wir vielmehr Gottes Worte aus dem Munde eines Engels, Die Schrift also erzählt5 : „Und Abraham streckte schon seine Hand aus nach dem Messer, um seinen Sohn zu töten. Da rief ihn ein Engel des Herrn vom Himmel an und sprach: Abraham! Er erwiderte: Siehe, hier bin ich. Und der Engel sprach: Du sollst nicht Hand anlegen an den Knaben und ihm nichts zuleide tun; denn nun bin ich inne geworden, daß du deinen Gott fürchtest und deines geliebten Sohnes nicht geschont hast um meinetwillen“. „Nun bin ich inne geworden“ will soviel sagen wie „nun habe ich inne werden lassen“6 ; denn für Gott war das nichts Neues. Hierauf, nach Opferung des Widders an Stelle seines Sohnes „nannte Abraham“, wie es heißt7 , „den Namen jener Stätte: Der Herr hat gesehen; daher sagt man heute noch: Auf dem Berge ,Gott ist erschienen'.“ Wie es oben heißt: „Nun bin ich inne geworden“ im Sinne von „nun habe ich inne werden lassen“, so hier: „Der Herr hat gesehen“ im Sinne von „der Herr ist erschienen“, d. h. er hat sich sehen lassen. „Und8 der Engel des Herrn rief Abraham zum zweitenmal an vom Himmel her und sprach: Bei mir selbst habe ich geschworen, spricht der Herr, weil du dieses Wort erfüllt und deines geliebten Sohnes nicht geschont hast um meinetwillen, so werde ich dich wahrhaftig mit Segen reich bedenken und deinen Samen mächtig mehren wie die Sterne des Himmels und wie den Sand am Gestade des Meeres. Und erbeigen wird besitzen dein Same die Städte der Gegner, und es werden in deinem Samen gesegnet werden alle Völker der Erde, weil du gehorcht hast meiner Stimme“. So ist jene Verheißung von der Berufung der Heidenvölker im Samen Abrahams nach dem Opfer, das Christum bedeutete, selbst durch einen Schwur Gottes bekräftigt worden. Verheißen hatte er ja schon oft, aber geschworen noch nie. Das Schwören des wahren und wahrhaftigen Gottes aber, was ist es anders als Bekräftigung der Verheißung und eine Art Vorwurf gegen die Ungläubigen?

Danach starb Sarra9 im 127. Jahre ihres Alters, im 137. ihres Mannes. Um zehn Jahre war er älter als sie, wie er selbst bezeugt in jenem Ausruf der Verwunderung, womit er die Verheißung eines Sohnes aus Sarra begleitete10 : „Wird mir mit hundert Jahren noch ein Sohn geboren, und wird Sarra mit neunzig Jahren noch gebären?“ Da kaufte Abraham einen Acker, worin er seine Frau begrub. Damals war es, daß Abraham nach dem Bericht, den Stephanus davon gibt11 , in jenem Lande sich festsetzte, weil er nun erst dort Grundeigentümer wurde; nach dem Tode seines Vaters, heißt es, der zwei Jahre vorher erfolgt sein muß, wie sich berechnen läßt12 .

1: Gen. 21, 12 f.
2: Röm. 9, 7 f.
3: Hebr. 11, 17-19.
4: Röm. 8, 32. .
5: Gen. 22, 10-12.
6: Vgl. oben XVI 5.
7: Gen. 22, 14.
8: Ebd. 22, 15-18.
9: Gen. 23, 1 f.
10: Ebd. 17, 17.
11: Apg. 7, 4 vgl. oben XVI 15, 2. Absatz.
12: Die Berechnung gründet sich auf Gen. 11, 26, 32; 12, 12; 17, 17; 23, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger