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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

15. Buch

1. Die Doppelreihe der von Anfang an nach verschiedenen Endpunkten hin sich bewegenden Menschheitszeugung.

Viel ist gesagt und geschrieben worden über das Paradiesesglück oder über das Paradies und das Leben der ersten Menschen in ihm, über deren Sünde und die Strafe dafür. Und im Anschluß an die Heilige Schrift, teils in wörtlichem, teils in sinngemäßem, haben auch wir hierüber uns ausgesprochen in den vorangehenden Büchern. Sowie man aber in diesen Fragen mehr ins Einzelne geht, erwachsen zahlreiche und vielgestaltige Erörterungen; sie auszuführen, wären mehr Bände erforderlich, als der Anlage dieses Werkes entspricht, und mehr Zeit, als uns zur Verfügung steht. Wir brauchen auch nicht bei all dem zu verweilen, was müßige und spitzfindige Köpfe etwa für nötig halten, schneller bei der Hand mit Fragen als mit dem Verständnis für die aufgeworfenen Schwierigkeiten. Immerhin glaube ich, in den bisherigen Darlegungen die großen und äußerst schwierigen Fragen über den Anfang der Welt, der Seele und des Menschengeschlechtes genügend erörtert zu haben. Dabei haben wir die Menschheit in zwei Arten geteilt, deren eine die umfaßt, die nach dem Menschen leben, während die andere die in sich schließt, die nach Gott leben; wir nennen die beiden Arten in einem übertragenen Sinn die zwei Staaten, d. i. die zwei Genossenschaftsgefüge der Menschen, von denen das eine jenes ist, das mit Gott ewig zu herrschen, das andere jenes, das sich mit dem Teufel ewiger Strafe zu unterwerfen vorherbestimmt ist. Doch das ist deren Endausgang, wovon später zu handeln ist. Jetzt dagegen dürfte, nachdem über die Anfänge der beiden Staaten in der Engelwelt, deren Zahl wir nicht kennen, und bei den zwei ersten Menschen das Nötige beigebracht worden ist, deren Entwicklung in Angriff zu nehmen sein, von da ab, wo die ersten Menschen zu zeugen begannen, bis zu dem Zeitpunkt, da die Menschen aufhören werden zu zeugen. Denn diese gesamte Zeit oder die Weltzeit, in der die Geschlechter kommen und gehen, gehört der Entwicklung der beiden Staaten an, von denen wir handeln.

Zuerst also wurde von jenen beiden Stammeltern des Menschengeschlechtes Kain geboren, der zum Staat der Menschen gehört, nachher Abel, der zum Gottesstaat gehört. Wie wir nämlich am einzelnen Menschen, um mit dem Apostel zu reden1 , die Erfahrung machen, daß „nicht das, was geistig ist, das erste ist, sondern was seelisch, dann erst das Geistige“ [weshalb jeder, aus verdammter Wurzel entspringend, zuerst von Adam her notwendig böse und irdisch gesinnt ist; nachmals erst, falls er vorangeschritten ist durch die Wiedergeburt in Christus hinein, wird er gut und geistig sein], so ist auch beim ganzen Menschengeschlecht, sobald sich nur die zwei Staaten durch Geburt und Tod zu entfalten begannen, zuerst der Bürger dieser Welt geboren worden, und nachher erst der Fremdling in dieser Welt und Angehörige des Gottesstaates, durch Gnade vorherbestimmt, durch Gnade ausgewählt, durch Gnade Fremdling hier unten, durch Gnade Bürger dort oben. Denn soweit er für sich in Betracht kommt, stammt er aus derselben Masse, die in ihrem Ursprung als Ganzes verdammt ist; Gott jedoch hat wie ein Töpfer2 aus der gleichen Masse ein Gefäß zur Ehre und das andere zur Unehre gemacht. Zuerst aber ward gemacht ein Gefäß zur Unehre, und nachher erst ein zweites zur Ehre, weil auch am Einzelmenschen, wie gesagt, das Verworfene das erste ist, wovon wir notwendig ausgehen, worin wir aber nicht notwendig verharren müssen, und nachher erst das Gute kommt, zu dem wir durch Fortschreiten gelangen und bei dem wir dann auch beharren sollen. Es wird also zwar nicht aus jedem bösen Menschen ein guter werden, aber jeder gute Mensch war vorher böse; je bälder indes einer sich bessert, um so schneller kann man ihn nach dem bezeichnen, wonach er greift, und deckt er sonach die frühere Benennung durch die spätere zu. Es steht nun geschrieben von Kain, daß er einen Staat gründete3 ; Abel dagegen als Fremdling gründete keinen. Denn der Staat der Heiligen ist jenseitig, obwohl er hienieden Bürger erzeugt, in denen er in der Fremde pilgert, bis die Zeit seines Reiches herbeikommt, da er alle in den eigenen Leibern Auferstehenden sammelt, wenn ihnen das verheißene Reich wird gegeben werden, wo sie mit ihrem Fürsten, dem König der Ewigkeit4 , ohne Zeitenende herrschen werden.

1: 1 Kor. 15, 46.
2: dieses Gleichnis gebraucht der Apostel Röm. 9, 21. Es ist die Stelle, an deren Hand Augustinus seine Lehre von der unbedingten Prädestination und dem partikularen Heilswillen Gottes ausgestaltet hat, indem er „als der erste das paulinische furama = conspersio, massa, nicht mehr in neutraler Bedeutung, sondern ausschließlich im schlimmen Sinne der durch Adam verderbten und von Gott mit Recht verworfenen Masse aufgefaßt“ hat. O. Rottmanner, Der Augustinismus [1892], 9. nicht frevelhafter Weise, sondern mit Überlegung
3: Gen. 4, 17. Augustinus bezieht die Stelle, in der zuerst das Wort civitas in der Hl. Schrift vorkommt, auf den Weltstaat, wie das 5. Kap. und besonders der 2. Satz des 17. Kapitels dieses Buches zeigt. Übrigens fließen bei Augustinus die Begriffe Stadt und Staat ineinander s. oben Buch XI 1, Anm. 1, und gleich wieder im 8. Kapitel dieses Buches gebraucht er civitas im Sinne von Stadt. Vgl. auch H. Scholz, Glaube und Unglaube, 85.
4: 1 Tim. 1, 17.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger