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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
15. Buch

7. Die Ursache der Freveltat Kains und die Hartnäckigkeit, die sich darin offenbart, daß er sich nicht einmal durch Gottes Mahnung von dem geplanten Verbrechen abbringen ließ.

Was frommte jedoch einem Kain die eben gekennzeichnete Herablassung Gottes, das Sprechen Gottes zu ihm in der Weise, wie Gott mit den ersten Menschen sprach wie einer ihresgleichen durch Vermittlung eines ergebenen Geschöpfes? Hat er nicht trotz der göttlichen Mahnung das geplante Verbrechen gleichwohl ausgeführt und seinen Bruder ermordet? Da nämlich Gott zwischen den Opfern der beiden einen Unterschied machte, auf das des einen sah, auf das des andern nicht — was man ohne Zweifel an irgendeinem sichtbaren Zeichen erkennen konnte — und es deshalb so machte, weil die Werke Kains böse waren, die seines Bruders dagegen gut1 , da betrübte sich Kain gar sehr und sein Angesicht fiel ein. Es heißt nämlich in der Heiligen Schrift2 : „Und der Herr sprach zu Kain: Warum bist du traurig geworden und warum ist dein Angesicht eingefallen? Wenn du zwar recht opferst, nicht aber im Teilen recht verfährst, hast du dann nicht gesündigt? Steh' ab! Denn zu dir die Hinkehr und du wirst darüber herrschen.“ In dieser Ermahnung oder Warnung, die Gott an Kain ergehen ließ, ist dunkel die Stelle: „Wenn du zwar recht opferst, nicht aber im Teilen recht verfährst, hast du dann nicht gesündigt?“ Es ist nicht klar, warum und wovon das gesagt ist, und die Dunkelheit dieser Stelle hat zu vielerlei Auffassungen geführt in dem Bestreben der Ausleger der Heiligen Schrift, sie nach der Glaubensregel3 zu deuten. Recht wird das Opfer dargebracht, wenn es dem wahren Gott dargebracht wird, dem allein Opferdienst gebührt. Nicht recht aber verfährt man im Teilen, wenn man nicht richtig unterscheidet die Stätten oder die Zeiten oder die Opfergaben selbst oder den Opfernden oder den Opferempfänger oder die, an welche das Geopferte zum Verzehren ausgeteilt wird. Dabei wäre also Teilung hier im Sinne von Unterscheidung gebraucht; es wäre also gemeint, daß man opfert an einer Stätte, wo man nicht opfern soll, oder etwas opfert, was man nicht an dieser, sondern an anderer Stätte opfern soll, oder daß man opfert zu einer Zeit, da man nicht opfern soll, oder etwas opfert, was man nicht jetzt, sondern ein andermal opfern soll, oder daß man etwas opfert, was man überhaupt nirgends und niemals opfern soll, oder daß der Mensch Besseres der gleichen Art für sich behält und Schlechteres Gott opfert oder ein Unheiliger oder sonst ein Unrechter Anteil erhält an dem Geopferten. Wodurch von alldem Kain Gottes Mißfallen erweckt hat, läßt sich nicht leicht feststellen. Indes der Apostel Johannes sagt, wo er von den beiden Brüdern spricht4 : „Nicht wie Kain aus dem Bösen war und seinen Bruder erschlug; und um welcher Sache willen erschlug er ihn? Weil seine Werke böse waren, die seines Bruders dagegen gerecht“: damit wird zu verstehen gegeben, daß Gott deshalb Kains Gabe nicht ansah, weil Kain mit ihr selbst eine schlechte Teilung vornahm, indem er Gott etwas von dem Seinigen gab, sich selbst aber für sich zurückbehielt. Und so machen es alle, die, ihrem eigenen Willen folgend, nicht dem Gottes, d. h. verkehrten, und nicht geraden Herzens lebend, gleichwohl Gott eine Gabe darbringen, womit sie ihn zu erkaufen meinen, daß er ihnen beistehe, aber nicht zur Besserung, sondern zur Befriedigung ihrer verderbten Neigungen. Und das ist ein Merkmal des Weltstaates, daß man hier Gott oder Götter verehrt, um mit ihrer Hilfe die Herrschaft auszuüben in Siegen und irdischem Frieden, und sie auszuüben um ihrer selbst willen, aus Herrschsucht, nicht aus liebender Fürsorge. Die Guten gebrauchen nämlich die Welt, um Gott zu genießen, die Bösen aber wollen umgekehrt Gott gebrauchen, um die Welt zu genießen; freilich nur die unter ihnen, die noch an das Dasein Gottes und an Beziehungen Gottes zu den menschlichen Dingen glauben. Denn es gibt noch viel Schlechtere, die auch daran nicht glauben. Nachdem nun Kain inne geworden war, daß Gott das Opfer seines Bruders ansah, das seine aber nicht, hätte er natürlich sich ändern und dem Bruder nachahmen sollen, statt in Selbstüberhebung eifersüchtig auf ihn zu werden. Aber er betrübte sich und sein Angesicht fiel ein. Diese Sünde ahndet Gott am meisten, die Traurigkeit über das Gutsein des Nächsten, noch dazu des eigenen Bruders. Das zu rügen also fragte er ihn: „Warum bist du betrübt und warum ist dein Angesicht eingefallen?“ Daß er neidisch auf den Bruder schaute, das sah Gott und das rügte er. Menschen freilich, die ja nicht hineinschauen können in das Herz des Nächsten, hätten darüber im Zweifel und völlig im Ungewissen sein können, ob sich diese Traurigkeit auf die eigene Bosheit bezog, in der er Gott mißfallen hatte, wie ihm klar geworden war, oder auf die Gutheit seines Bruders, die Gott wohlgefiel, da er auf dessen Opfer sah. Gott jedoch machte kund, wie sehr sich Kain neuerdings ins Unrecht setzte, indem er seinen gerechten Bruder ohne Veranlassung haßte; er gab den Grund an, weshalb er Kains Opfer nicht annehmen wollte, damit dieser, statt unbegründeterweise an seinem Bruder, doch an sich selbst, wozu er allen Grund hatte, Mißfallen fände, da er ungerecht war durch unrichtiges Teilen, d. i. durch sündhaftes Leben, und mit seiner Gabe keine Billigung verdiente.

Gleichwohl entließ er ihn nicht ohne eine heilige, gerechte und gute Aufforderung: „Laß ab“, sprach er, „denn zu dir die Hinkehr und du wirst darüber herrschen“. Worüber? Etwa über den Bruder? Sicher nicht. Vielmehr über die Sünde, Denn vorhergeht: „Du hast gesündigt“, und unmittelbar daran schließen sich die Worte: „Steh’ ab! Denn zu dir ihre Hinkehr und du wirst darüber herrschen“. Daß nun die Hinkehr der Sünde die Richtung auf den Menschen selbst haben müsse, läßt sich etwa so auffassen, daß der Mensch niemand anderm als sich selbst es zuzuschreiben habe, wenn er sündigt. Es wäre dabei in dem Sätzchen: „Denn zu dir ihre Hinkehr“ zu ergänzen „sei“, nicht „wird sein“, im Sinne einer Aufforderung, nicht einer Vorhersage; und eine solche Hinkehr wäre dann die heilkräftige Arznei der Buße und die Bitte um Verzeihung, die so wohl am Platze gewesen wäre. Denn darin besteht die Herrschaft über die Sünde, daß man sie nicht über sich stelle durch Rechtfertigung, sondern sie unterkriege durch Buße; sonst stellt man sich ja umgekehrt in ihren Dienst und läßt sie herrschen, wenn man ihr sozusagen Rechtsbeistand leistet. Indes wird man unter Sünde hier wohl das Fleischesbegehren als solches zu verstehen haben, jenes, von dem der Apostel sagt5 : „Das Fleisch begehrt wider den Geist“, wobei er unter den Früchten des Fleisches auch den Neid erwähnt, von dem ja eben Kain zum Verderben des Bruders angestachelt und entzündet wurde. Man tut daher gut, in jenem Sätzchen zu ergänzen: „wird sein“, also: „Denn zu dir wird ihre Hinkehr sein, und du wirst sie beherrschen“. Wenn nämlich der fleischliche Teil des Menschen in Aufruhr kommt, der Teil, den der Apostel Sünde nennt in der Stelle6 : „Nicht ich wirke das, sondern die in mir wohnende Sünde“ [diesen Teil des Gemütes bezeichnen auch die Philosophen als fehlerhaft7 und als einen Teil, dem es nicht zukommt, den Geist nach sich zu ziehen, sondern dem vielmehr der Geist zu gebieten und den er durch die Vernunft von unerlaubten Handlungen zurückzuhalten hat], — wenn also dieser Teil einen Anreiz verspürt zur Begehung einer unrechten Handlung und man steht nun davon ab und gehorcht der Mahnung des Apostels8 : „Machet eure Glieder nicht zu Werkzeugen der Ungerechtigkeit durch die Sünde“, so kehrt sich dieser Teil, gebändigt und besiegt, zum Geiste hin, so daß nun die Vernunft über ihn herrscht. Das hat Gott dem befohlen, der von dem verzehrenden Feuer des Neides wider seinen Bruder entbrannte und ihn, dem er hätte nachahmen sollen, zu beseitigen begehrte. „Steh' ab“, rief er ihm zu; halte die Hand zurück vom Frevel; nicht herrschen soll die Sünde in deinem sterblichen Leibe, zu gehorchen seinen Gelüsten, noch sollst du deine Glieder zu Werkzeugen der Ungerechtigkeit machen durch die Sünde9 . „Denn zu dir ihre Hinkehr“, solang sie nicht durch Nachlassen der Zügel gefördert, vielmehr durch Abstehen davon gezügelt wird, „und du wirst sie beherrschen“; sie wird sich, wenn man ihr nach außen zu wirken nicht verstattet, unter der Gewalt des herrschenden und auf das Gute gerichteten Geistes daran gewöhnen, auch innerlich sich nicht zu regen. Etwas Ähnliches ist in demselben heiligen Buch auch vom Weibe gesagt, als nach der Sünde auf Gottes Untersuchung und Urteil hin der Ausspruch der Verdammnis erging über die Schlange an Stelle des Teufels und über die ersten Menschen persönlich. Nachdem nämlich Gott zum Weibe gesagt10 : „Vermehren und vervielfältigen will ich deine Betrübnisse und dein Seufzen“, und „in Betrübnissen sollst du Kinder gebären“, fuhr er fort: „Und zu deinem Manne deine Hinkehr, und er wird herrschen über dich“. Was dort zu Kain gesagt wurde über die Sünde oder das sündhafte Fleischesbegehren, das ist hier über das sündigende Weib ausgesprochen, woraus zu ersehen ist, daß der Mann in der Herrschaft über die Ehegenossin ähnlich sein müsse dem das Fleisch beherrschenden Geist. Deshalb sagt der Apostel11 : „Wer sein Weib liebt, der liebt sich selbst; denn nie hat jemand sein eigenes Fleisch gehaßt“. Heilen muß man Fleisch und Weib wie unser Eigen, nicht verdammen wie Fremdes. Indes Kain nahm Gottes Aufforderung hin wie einer, der es mit der Gegenpartei hält. Das Laster des Neides gewann die Oberhand, er stellte seinem Bruder nach und erschlug ihn. Von der Art war der Gründer des Weltstaates. Wie er aber auch die Juden sinnbildete, von denen Christus, der gute Hirt, ermordet ward, den der Schafhirt Abel vorbildete — im Sinnbild ist etwas Prophetisches enthalten —, davon will ich hier nicht sprechen; ich erinnere mich, einiges hierüber in dem Werk wider den Manichäer Faustus12 gesagt zu haben.

1: Vgl. 1 Joh. 3, 12.
2: Gen. 4, 6 f.
3: Vgl. oben XI 33 gegen Schluß und dazu XI 19 am Anfang.
4: 1 Joh 3, 12.
5: Gal. 5, 17.
6: Röm. 7, 17.
7: Vgl. XIV 19.
8: Röm. 6, 13.
9: Ebd. 6, 12 f.
10: Gen. 3, 16.
11: Eph. 5, 28 f.
12: Contra Faustum Manich. XII 9.

 

 

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