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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
15. Buch

23. Haben Engel geistigen Wesens, von Liebe zu schönen Weibern ergriffen, mit ihnen Ehen eingegangen, aus denen Riesen erwachsen?

Diese Frage haben wir im dritten Buch dieses Werkes1 nur gestreift; sie heischt jetzt eine Lösung. Können sich Engel, obwohl sie Geister sind, leiblich mit Frauen vereinigen? Es steht nämlich geschrieben2 : „Der zu seinen Engeln Geister macht“, d. h. Wesen, die ihrer Natur nach Geister sind, macht er zu seinen Engeln, indem er ihnen ein Botschaftsamt aufträgt. Das griechische aggeloj, latinisiert angelus, zu deutsch Engel, bedeutet soviel wie Bote. Ob aber nun der Psalmist, wenn er weiterfährt: „Und zu seinen Dienern flammendes Feuer“, damit Engelsleiber gemeint hat oder ob er ausdrücken wollte, daß Gottes Diener von Liebe wie von einem geistigen Feuer glühen sollen, ist ungewiß. Doch bezeugt die nämliche und überall gleich wahre Schrift, daß Engel den Menschen erschienen sind in Leibern, die nicht nur sichtbar, sondern auch tastbar waren. Und da weitum die Sage ist und viele aus eigener Erfahrung oder auf Grund von Mitteilungen solcher, die aus eigener Erfahrung sprächen und an deren Glaubwürdigkeit nicht zu zweifeln sei, versichern, daß Silvane und Pane [Berg- und Waldgötter.], die im Volksmund incubi3 heißen, häufig Frauen belästigt und den Beischlaf mit ihnen begehrt und vollzogen hätten; da ferner gewissen Dämonen — Dusii heißen sie bei den Galliern — beständiger Versuch und Betrieb dieser Unreinigkeit in allem Ernst zugeschrieben wird von so vielen und gewichtigen Seiten, daß es wie Unverschämtheit herauskäme, solches in Abrede zu stellen: so wage ich keine bestimmte Entscheidung darüber, ob irgendwelche mit einem Luftleib versehene Geister [denn dieses Element macht sich, selbst wenn es nur mit einem Fächer in Bewegung gesetzt wird, der körperlichen Empfindung und dem Tastsinn fühlbar] auch dieser Lust unterworfen sind, so daß sie sich in ihrer Art mit Frauen unter Empfindungsteilnahme von deren Seite vereinigen können. Jedoch die heiligen Engel Gottes konnten nach meiner Ansicht keinenfalls in dieser Zeit auf solche Weise fallen; und nicht auf sie beziehe ich die Worte des Apostels Petrus4 : „Denn wenn Gott der sündigen Engel nicht geschont, sondern sie verstoßen und den finsteren Kerkern der Unterwelt übergeben hat, um sie zur Strafe im Gericht aufzubewahren“, sondern auf die, welche gleich anfangs von Gott abtrünnig, samt dem Teufel, ihrem Fürsten, gefallen sind, der den ersten Menschen aus Neid durch Schlangentrug zu Falle brachte. Daß indes die Bezeichnung Engel auch Gottesmenschen beigelegt wurde, das bezeugt wiederum die Heilige Schrift in sehr vielen Stellen. So heißt es mit Bezug auf Johannes5 : „Siehe, ich sende meinen Engel vor deinem Angesichte her, der dir den Weg bereiten wird“, und der Prophet Malachiel wird kraft einer besonderen, d. h. im eigentlichen Sinne ihm verliehenen Gnade, Engel genannt6 .

Aber manche werden dadurch hinterdenklich gemacht, daß aus der Vereinigung derer, die Engel Gottes genannt werden, und der Weiber, zu denen sie in Liebe entbrannten, nicht Menschen unserer Art, sondern Riesen, wie es heißt, hervorgingen. Als ob nicht auch in unseren Zeiten, wie ich schon oben erwähnt habe7 , Menschenleiber auf natürliche Art zur Welt kämen, die das Durchschnittsmaß weit überschreiten. Noch vor wenigen Jahren, als der Stadt Rom die Zerstörung nahte, die durch die Goten über sie hereinbrach, lebte in Rom mit ihrem leiblichen Vater und ihrer leiblichen Mutter eine Frau, die durch ihren sozusagen riesenhaften Leib über die andern mächtig emporragte. Ein unglaublicher Zusammenlauf von allen Seiten fand statt, sie zu sehen. Und das merkwürdigste dabei war, daß ihre Eltern nicht einmal sonderlich groß waren. Es mochten also wohl auch schon vorher Riesen zur Welt gekommen sein, ehe noch Gottessöhne, die auch als Gottes Engel bezeichnet wurden, sich vereinigten mit Menschentöchtern, d. i. mit Töchtern von Menschen, die nach dem Menschen lebten; Söhne Seths nämlich mit Töchtern Kains. Spricht doch davon auch die kanonische Schrift, und zwar in demselben Buch, worin wir von diesen Dingen lesen. Sie sagt wörtlich8 : „Und es geschah, als die Menschen anfingen, zahlreich zu werden auf Erden, da wurden ihnen auch Töchter geboren. Wie nun die Engel Gottes die Töchter der Menschen sahen, wie gut sie seien, nahmen sie sich Weiber aus allen, wie sie ihnen gefielen. Und Gott der Herr sprach: Nicht wird ewiglich bleiben mein Geist in diesen Menschen, weil sie Fleisch sind. Ihre Tage sollen vielmehr sein 120 Jahre. Riesen aber gab es auf Erden in jenen Tagen und nachher, als die Gottessöhne zu den Menschentöchtern gingen, und sie zeugten für sich; das waren die Riesen, von der Urzeit her berühmte Männer“. In diesen Worten des göttlichen Buches ist doch deutlich genug gesagt, daß es bereits Riesen gab auf Erden in jenen Tagen, da Gottessöhne Menschentöchter zu Frauen nahmen, weil sie sie lieb hatten als gute, d. i. als schöne Wesen. Es ist nämlich Sprachgebrauch dieser Schrift, auch die leiblich wohlgestalteten gut zu nennen. Aber auch nachdem dies geschehen war, kamen Riesen zur Welt. Denn es heißt ausdrücklich: „Riesen aber gab es auf Erden in jenen Tagen und nachher, als die Gottessöhne zu den Menschentöchtern gingen“. Also gab es Riesen in jenen Tagen sowohl vorher wie nachher. Wenn es aber heißt: „Und sie zeugten für sich“, so wird darauf hingewiesen, daß die Gottessöhne vordem, ehe sie auf solche Weise fielen, für Gott gezeugt hatten, nicht für sich, d. i. nicht unter der Herrschaft des Begattungstriebes, sondern im Dienste der Pflicht der Fortpflanzung; nicht ein Geschlecht der Selbstüberhebung, sondern Bürger des Gottesstaates, denen sie als Engel Gottes verkündigten, auf Gott ihre Hoffnung zu setzen, nach dem Vorbild dessen, der aus Seth entsprossen ist als Sohn der Auferstehung und der den Namen Gottes des Herrn anzurufen hoffte, eine Hoffnung, in der sie samt ihren Nachkommen Miterben der ewigen Güter und unter der Vaterschaft Gottes die Brüder ihrer Söhne sein sollten.

Daß sie aber nicht Engel Gottes waren in einem Sinne, der ihr Menschentum ausschlösse, wie manche glauben, sondern ohne Zweifel eben Menschen, das legt die Schrift selbst ohne alle Zweideutigkeit klar. Denn an die Worte: „Wie nun die Engel Gottes die Töchter der Menschen sahen, wie gut sie seien, da nahmen sie sich Weiber aus allen, wie sie ihnen gefielen“, schließt sich unmittelbar an: „Und Gott der Herr sprach: Nicht wird ewiglich bleiben mein Geist in diesen Menschen, weil sie Fleisch sind“. Durch Gottes Geist nämlich waren sie Engel Gottes und Söhne Gottes geworden, im Hinabgleiten zu Niedrigem aber heißen sie Menschen, eine Bezeichnung, die ihnen von Natur aus zukommt, nicht eine, die in der Gnade ihren Grund hat; sie heißen auch Fleisch als abtrünnig vom Geiste und in ihrer Abtrünnigkeit verlassen vom Geiste. Der Septuagintatext nennt sie sowohl Engel Gottes wie auch Söhne Gottes; aber nicht in allen Handschriften, vielmehr weisen manche nur die Lesart Söhne Gottes auf. Aquila9 dagegen, ein Übersetzer, den die Juden über die anderen stellen, übersetzte weder „Engel Gottes“ noch „Söhne Gottes“, sondern „Söhne von Göttern“. Richtig ist dem Sinne nach eines wie das andere. Denn sie waren sowohl Söhne Gottes, unter dessen gemeinsamer Vaterschaft sie auch die Brüder ihrer Väter waren, als auch Söhne von Göttern, weil sie von Göttern gezeugt worden waren, mit denen sie selbst auch wieder die Göttereigenschaft teilten nach dem Psalmwort10 : „Ich habe gesprochen: Götter seid ihr und Söhne des Höchsten alle“. Denn mit Recht nimmt man an, daß die 70 Übersetzer prophetischen Geist empfangen haben und daß infolgedessen an der göttlichen Herkunft dessen nicht zu zweifeln sei, was sie etwa auf Eingebung dieses Geistes änderten und anders als ihre urtextliche Vorlage ausdrückten11 . Übrigens soll der hebräische Text an dieser Stelle zweideutig sein und sowohl mit Söhne Gottes wie auch mit Söhne von Göttern übersetzt werden können. Wir wollen hier beiseite lassen die Fabeleien jener Schriften, die man die Apokryphen nennt deshalb, weil ihre unbekannte Herkunft den Vätern nicht klar geworden ist, von denen die bindende Kraft der wahren Schriften in völlig sicherer und allbekannter Abfolge auf uns gelangt ist. Dagegen den Apokryphen wohnt keine kanonische Geltung inne wegen des vielen Falschen, das sich in ihnen neben manchem Wahren findet. Daß indes jener Enoch aus der siebenten Geschlechtsfolge von Adam ab einiges im Geiste Gottes geschrieben hat, läßt sich nicht in Abrede stellen, da der Apostel Judas in einem kanonischen Brief davon spricht12 . Aber mit gutem Grund sind seine Aufzeichnungen nicht in den Schriftkanon aufgenommen, der im Tempel des Judenvolkes von der hohenpriesterlichen Abfolge sorgsam aufbewahrt wurde; sie mochten wegen ihres Alters für nicht einwandfrei hinsichtlich der Glaubwürdigkeit erachtet worden sein, und man konnte wohl nicht feststellen, ob es sich wirklich um seine Aufzeichnungen handle, da hierfür nicht das Zeugnis von Leuten eintrat, von denen sich hätte nachweisen lassen, daß sie sie in ununterbrochener Abfolge vorschriftsmäßig aufbewahrt hätten. Daher gelten die unter seinem Namen gehenden Berichte, die jene Fabeln von den Riesen enthalten, wonach sie nicht Menschen zu Vätern gehabt hätten, den Verständigen mit Recht nicht als von Enoch herrührend, wie ja auch sonst vieles unter dem Namen anderer Propheten und neueres Schrifttum unter dem Namen von Aposteln eingeführt wird von Häretikern, was alles nach sorgfältiger Prüfung als apokryphes Schrifttum ausgeschieden worden ist von kanonischer Geltung. Es ist also kein Zweifel, daß es nach den kanonischen Schriften der Juden und Christen viele Riesen gab vor der Sündflut und daß sie Bürger der erdgeborenen Menschengenossenschaft waren, daß aber Gottessöhne, Sprößlinge des Sethstammes dem Fleische nach, sich zu dieser Genossenschaft unter Preisgabe der Gerechtigkeit hinwendeten. Und es ist nicht auffallend, daß auch von ihnen Riesen abstammen konnten. Denn wenn auch nicht alle Leute damals Riesen waren, so gab es ihrer doch viel mehr, als nach der Sündflut in den späteren Zeiten. Sie zu schaffen gefiel dem Schöpfer deshalb, weil auch darin ein Hinweis lag, daß so wenig wie die Schönheit auch die Größe und Kraft des Leibes hohe Werte darstellen sollen für den Weisen, der vielmehr seine Glückseligkeit findet in den geistigen und unvergänglichen Gütern, die weit besser und sicherer und den Guten allein eigen, nicht ihnen mit den Bösen gemeinsam sind. Das stellt ein anderer Prophet klar heraus mit den Worten13 : „Dort gab es Riesen, jene berühmten, die am Uranfang lebten, hohen Wuchses, kundig des Krieges. Nicht sie erwählte der Herr, noch gab er ihnen den Weg des Wissens; vielmehr gingen sie zugrunde, weil sie die Weisheit nicht besaßen, sie gingen unter ob ihrer Unbedachtsamkeit“.

1: III 5.
2: Ps. 103, 4.
3: etwa entsprechend unserm „Alp“.
4: 2 Petr. 2, 4.
5: Mark. 1, 2.
6: Malach. 2, 7.
7: XV 9.
8: Gen. 6, 1-4.
9: Der bekannte Bibelübersetzer, der im Jahre 110 n. Chr. eine griechische Übersetzung des Alten Testamentes herausgab.
10: Ps. 81, 6.
11: Vgl. oben XV 14, letzter Absatz; unter XVIII 43.
12: Jud. 14 f.
13: Bar. 3, 26—28.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger