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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
15. Buch

21. Warum wird nach der Erwähnung Enochs, des Sohnes Kains, ohne Unterbrechung gleich dessen gesamte Stammreihe bis zur Sündflut herab angeschlossen, während sich nach der Erwähnung des Enos, des Sohnes Seths, die Erzählung zum Anfang des Menschengeschlechtes, zur Schöpfung, zurückwendet?

Doch zuerst müssen wir einen auffallenden Unterschied in der Berichtsanordnung ins Auge fassen. Bei Aufzählung der aus Kain hervorgegangenen Zeugungsreihen werden, nachdem nur erst vor dessen sonstigen Abkömmlingen der genannt ist, auf dessen Name eine Stadt gegründet ward, Enoch meine ich, die übrigen gleich angeschlossen bis zu dem Endpunkt, von dem ich gesprochen habe, nämlich bis zur Sündflut, die jenes Geschlecht und all seine Sprößlinge vernichtete; dagegen ist bei Seth kaum dessen Sohn, der einzige Enos, genannt, als auch schon, ohne daß die übrigen bis zur Sündflut beigefügt wären, ein Absatz eingeschaltet ist, der besagt1 : „Dies ist das Buch der Entstehung der Menschen; an dem Tage, da Gott den Adam schuf, schuf er ihn nach dem Bilde Gottes. Mann und Weib schuf er sie, und er segnete sie und nannte ihren Namen Adam, an dem Tage, da er sie schuf“. Dies scheint mir der Berichterstatter zu dem Zweck eingeschaltet zu haben, um von hier aus neuerdings mit Adam selbst die Zeitenzählung zu beginnen, die er beim Weltstaat nicht anstellen wollte; wie wenn diesen Gott zwar erwähnte, aber nicht rechnete. Und nun kehrt er von da, nachdem er doch schon den Sohn des Seth erwähnt hat, den Menschen, der da hoffte, anzurufen den Namen Gottes des Herrn2 , zu jener kurzen Wiederholung zurück3 ; er mußte auf diese Weise die beiden Staaten einführen, den einen in einem Menschenmörder und wieder zu einem Menschenmörder reichend [denn auch Lamech hat einen Mord begangen, wie er seinen beiden Frauen gestand4 ], den andern in dem, der da hoffte, anzurufen den Namen Gottes des Herrn. Denn das ist die ganze und die höchste Aufgabe, die der auf dieser Welt pilgernde Gottesstaat in dieser Vergänglichkeit hat, und sie mußte dargestellt werden in dem einen Menschen5 , den nun wirklich die Auferstehung6 des Ermordeten7 zeugte. Dieser eine Mensch nämlich bedeutet die Einheit des ganzen himmlischen Staates, die zwar noch nicht in Erfüllung gegangen ist, aber nach diesem prophetischen Vorbild in Erfüllung gehen wird. Der Sohn Kains also, d. i. der Sohn des Besitzes [natürlich des irdischen], möge einen Namen haben im Weltstaat, weil dieser auf seinen Namen gegründet ist. Sein Geschlecht ist es ja, von dem es im Psalme heißt8 : „Sie werden deren Namen anrufen in deren Erdkreisen“; weshalb ihnen widerfährt, was in einem andern Psalm geschrieben steht9 : „Herr, in Deinem Staate wirst Du ihren Schein zunichte machen“. Der Sohn des Seth aber, d. i. der Sohn der Auferstehung, hoffe, anzurufen den Namen Gottes des Herrn; denn er sinnbildet die Menschengenossenschaft, die da spricht10 : „Ich aber wie ein fruchtbarer Ölbaum im Hause Gottes habe auf Gottes Erbarmen gehofft“; den eitlen Ruhm eines auf Erden klangvollen Namens aber suche er nicht; denn11 „glückselig der Mann, der seine Hoffnung auf den Namen des Herrn setzt und sich nicht umsieht nach Eitelkeiten und trügerischen Torheiten“. Nachdem also die beiden Staaten, der eine in dieser Welt festgewurzelt, der andere mit seiner Hoffnung auf Gott gerichtet, nun eingeführt sind, hervorgetreten gleichsam aus der in Adam eröffneten gemeinsamen Pforte der Vergänglichkeit, um sich zu entfalten und auszulaufen nach ihrem gesonderten, eigenen und verdienten Endausgang, so beginnt die Zeitenzählung. An deren Hand werden dann die anderen Geschlechtsreihen nachgetragen, nachdem der Faden bei Adam wieder aufgenommen ist, aus dessen verdammter Nachkommenschaft Gott wie aus einer einzigen, der verdienten Verdammnis übergebenen Masse Gefäße des Zornes zur Schmach bildet und Gefäße des Erbarmens zur Ehre12 , jenen vergeltend in Pein, was ihnen gebührt, diesen schenkend in Gnade, was ihnen nicht gebührt, damit der himmlische Staat, der auf Erden in der Fremde weilt, gerade auch aus dem Vergleich mit den Gefäßen der Schmach lerne, nicht auf die Wahlfreiheit seines Willens zu vertrauen, sondern zu hoffen, den Namen Gottes des Herrn anzurufen. Denn der Wille kann in einem Wesen, das gut aus der Hand des guten Gottes, aber, weil aus nichts erschaffen, wandelbar aus der Hand des Unwandelbaren hervorgegangen ist, sowohl vom Guten abweichen, um das Böse zu tun, und das bringt man zustande durch den wahlfreien Willen, als auch vom Bösen, um das Gute zu tun, und das bringt man nur mit göttlicher Hilfe zustande.

1: Gen. 5, 1 f.
2: Ebd. 4, 26.
3: Ebd. 5, 3.
4: Ebd. 4, 23.
5: Enos = Mensch.
6: Seth = Auferstehung.
7: Abel, der in Seth gleichsam seine Auferstehung feierte [mit Bezug auf Gen. 4, 25].
8: Ps. 48, 12.
9: Ps. 72, 20. Vgl. oben X 25.
10: Ps. 51, 10.
11: Ebd. 39, 5.
12: Vgl. Röm. 9, 21—23.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger