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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
15. Buch

14. Die Jahresdauer früherer Weltzeiten ist der heutigen gleich.

Nun aber wollen wir sehen, auf welchem Wege sich augenscheinlich dartun läßt, daß die Jahre in dem so lang sich hinziehenden Leben der Urzeitmenschen nicht so kurz berechnet sind, daß deren 10 auf ein heutiges gegangen wären, sondern gerade so, wie wir sie jetzt haben [Jahre, die bekanntlich der Sonnenumlauf bewirkt]. Im 600. Lebensjahre Noes, heißt es, fand die Sündflut statt. Da lesen wir1 : „Und das Wasser der Sündflut strömte über die Erde im 600. Lebensjahre Noes, im 2. Monat, am 27. des Monats“. Wie könnte das sein, wenn es sich um Zwergjahre handelte, wovon 10 ein heutiges ausmachen und eines nur 36 Tage hatte? Ein so kleines Jahr, wenn es bei den Alten wirklich so bezeichnet wurde, hat entweder überhaupt keine Monate oder sein Monat ist von nur dreitägiger Dauer, weil es sonst keine zwölf Monate hätte. Wenn es also hier heißt: „Im 600. Jahre, im 2. Monat, am 27. des Monats, so setzt das voraus, daß die Monate damals so waren, wie sie jetzt sind. Ich wüßte nicht, wie es sonst heißen könnte, daß am 27. Tage des 2. Monats die Sündflut begann. Ferner ist weiter unten vom Ende der Sündflut also zu lesen2 : „Und die Arche ließ sich im 7. Monat am 27. des Monats auf das Gebirge Ararat nieder. Das Wasser aber nahm ab bis zum 11. Monat, im 11. Monat aber, am 1. Tag des Monats, traten die Berggipfel hervor“. Wenn nun die Monate so waren wie die heutigen, dann natürlich auch die Jahre. Monate von Dreitagsdauer hätten doch keine 27 Tage haben können. Angenommen aber, man habe damals den 30. Teil eines Triduums Tag genannt, es hätten sich also alle Zeitmaße im gleichen Verhältnis verkleinert, so wäre ja jene gewaltige Sündflut, die nach dem Bericht in 40 Tagen und Nächten zustande kam, in weniger als 4 Tagen zustande gekommen! Wie ungereimt und innerlich unmöglich! Also weg mit diesem Irrtum, der durch eine falsche Annahme die Glaubwürdigkeit unserer Schriften stützen will und sie auf der andern Seite untergräbt! Genau so lang wie jetzt war auch damals ein Tag, den 24 Stunden im Tages- und Nachtlauf zu Ende bringen; so lang wie jetzt ein Monat, den Neumond und Vollmond abschließen; so lang wie jetzt ein Jahr, das 12 Mondmonate vollenden, wozu noch wegen des Sonnenlaufes 5 Tage kommen. Und im 600. Jahr von solcher Länge im Leben Noes war es der 2. Monat und in diesem der 27. Tag, als die Sündflut begann, in der ununterbrochen ungeheure Regenmassen fielen, wie erwähnt wird, 40 Tage hindurch, und diese Tage hatten nicht je zwei Stunden und etwas mehr, sondern 24, die in Tages- und Nachtzeit dahinflossen. Und sonach lebten die Urväter bis zu 900 und mehr so langer Jahre, wie die 170 Jahre waren, die nachmals Abraham lebte3 , und die 180, die sein Sohn Isaak4 , und die 150, die dessen Sohn Jakob5 , und die 120, die nach Ablauf eines Weltalterteiles Moses6 lebte, und die 70 oder 80 und einige darüber, die heutzutage die Menschen alt werden und von denen es heißt7 : „Und was darüber geht, ist Mühsal und Schmerz“.

Was aber die abweichenden Zahlenangaben im hebräischen Text gegenüber dem unseren betrifft, so herrscht ja doch Übereinstimmung hinsichtlich der hier in Rede stehenden Langlebigkeit der Altväter, und wenn sich eine Abweichung zeigt von der Art, daß beide Lesearten zugleich nicht recht haben können, so hat man den wirklichen Verlauf der Begebenheiten aus dem Urtext zu erheben, aus dem das, was wir haben, übersetzt ist. Diese Möglichkeit bietet sich überall denen, die darauf ausgehen, und doch hat bisher niemand die 70 Übersetzer in den sehr zahlreichen Fällen, wo sie augenscheinlich Abweichendes sagen, aus dem hebräischen Text zu verbessern gewagt. Das hat seinen guten Grund. Man hat diese Unstimmigkeit eben nicht für Fehlerhaftigkeit erachtet; und auch ich bin der Ansicht, daß sie dafür durchaus nicht zu halten sei; vielmehr ist, soweit es sich nicht um Schreibfehler handelt, anzunehmen, daß die 70 Übersetzer etwas in anderer Weise ausdrücken wollten unter dem Einfluß des göttlichen Geistes, nach freier Prophetenart, nicht in ihrer Eigenschaft als Übersetzer, so daß dabei ein mit der Wahrheit übereinstimmender und die Wahrheit verkündender Sinn herauskam8 . Mit Recht bedienten sich daher die für uns maßgebenden Apostel, wenn sie Zeugnisse aus der Schrift beibringen, nicht nur des hebräischen, sondern auch des Septuagintatextes. Doch darüber werde ich, wie ich in Aussicht gestellt habe9 , an geeigneterer Stelle handeln, so Gott will; jetzt soll das erledigt werden, was uns hier beschäftigt. Kein Zweifel also, um wieder zurückzukommen auf das, wovon ich ausgegangen bin, der erste Mensch, der aus dem ersten Menschen hervorging, konnte bereits eine Stadt gründen bei der Langlebigkeit der damaligen Menschen, freilich nur eine irdisch gesinnte, nicht die, die Gottesstaat heißt, über die zu schreiben wir dieses große und mühsame Werk auf uns genommen haben.

1: Gen. 7, 10 f. nach der Septuaginta.
2: Gen. 8, 4f.
3: Gen. 25, 7.
4: Ebd. 35, 28.
5: Ebd. 47, 28.
6: Deut. 34, 7.
7: Ps. 89, 10.
8: Vgl. unten XVIII 43; XV 23, dritter Absatz.
9: Oben XV 11.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger