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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
14. Buch

7. Die Worte amor und dilectio werden in der Heiligen Schrift unterschiedslos nach der guten und der schlimmen Seite gebraucht.

Denn wer sich vorgesetzt hat, Gott zu lieben, und nicht dem Menschen gemäß, sondern Gott gemäß den Nächsten zu lieben, wie auch sich selber, der wird ohne Zweifel wegen dieser Liebe als eines guten Willens bezeichnet. Diese Willensrichtung heißt in der Hl. Schrift meist Caritas, doch wird auch das Wort amor dafür gebraucht. Ein amator des Guten zum Beispiel sagt der Apostel1 müsse der sein, den man zur Leitung des Volkes auswählt. Und als der Herr selbst den Apostel Petrus fragte: „Liebst du mich mehr als diese“ und sich dabei des Wortes diligere bediente, erwiderte Petrus, indem er das Wort amo gebrauchte: „Herr, Du weißt, daß ich Dich liebe“2 ; und wiederum fragte der Herr, ob ihn Petrus liebe, wieder nicht amare, sondern diligere gebrauchend; aber Petrus wiederholte seine Beteuerung in der vorigen Weise, d. i. mit dem Worte amo. Bei der dritten Frage jedoch bediente sich Jesus selbst nicht mehr des Wortes diligo, sondern des Wortes amo, und der Evangelist fährt fort: „Da ward Petrus betrübt, daß er zum drittenmal zu ihm sagte: Liebst du mich“, und hier, in der Zusammenfassung der dreimaligen Frage des Herrn, gebraucht der Evangelist das Wort amo, obwohl sich dessen der Herr nur in einer Frage, in den beiden andern dagegen des Wortes diligo bediente. Daraus ersehen wir, daß der Herr mit diligere nichts anderes sagen wollte als mit amare. Petrus jedoch wechselte mit dem Ausdruck für dieselbe Sache nicht, sondern gebrauchte amo auch zum drittenmal, als er erwiderte: „Herr, Du weißt alles, Du weißt, daß ich Dich liebe“.

Das glaubte ich deshalb heranziehen zu sollen, weil manche meinen, dilectio oder caritas sei etwas anderes als amor. Dilectio hätte nach ihnen einen guten, amor einen schlimmen Sinn. Daß ein derartiger Bedeutungsunterschied nicht einmal bei den weltlichen Schriftstellern obwaltet, steht fest. Mögen indes die Philosophen zusehen, ob und wie sie einen Unterschied zwischen diesen Wörtern machen wollen; ihr Schrifttum gibt deutlich zu erkennen, daß sie jedenfalls den amor, der sich auf gute Dinge und auf Gott selbst richtet, in Ehren halten. Es war nur darauf hinzuweisen, daß unser religiöses Schrifttum, das wir an Geltung und Ansehen über jedes andere stellen, unter amor nichts anderes versteht als unter dilectio und caritas. Und zwar haben wir bereits dargetan, daß auch amor in gutem Sinne gebraucht wird. Man könnte nun etwa noch meinen, daß amor nach der guten wie nach der schlimmen Seite, dilectio dagegen nur in gutem Sinne zu gebrauchen sei. Aber dagegen sprechen Schriftstellen, in denen diligere und dilectio ebenfalls in beiden Bedeutungen gebraucht ist, wie die Psalmstelle3 : „Wer die Ungerechtigkeit liebt, haßt seine Seele“, und die Worte des Apostels Johannes4 : „Wenn jemand die Welt liebt, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm“, wo gar in derselben Stelle dilectio in gutem und in schlimmem Sinne vorkommt. Will man aber einen Beleg für den Gebrauch von amor in schlimmem Sinn [den in gutem Sinn haben wir schon nachgewiesen], so lese man die Schriftstelle5 : „Denn es werden die Menschen sein se ipsos amantes, amatores pecuniae“. Der gerade Wille also ist gute Liebe, der verkehrte Wille schlechte Liebe. Liebe, die nach dem Besitze ihres Gegenstandes lechzt, ist Begierde, Liebe im Besitz und Genuß ihres Gegenstandes ist Lust; Liebe, die dem ausweicht, was ihr feindlich entgegentritt, ist Furcht, und Liebe, die das ihr feindliche Begegnis empfindet, ist Traurigkeit. All diese Gemütsbewegungen sind also schlecht, wenn die Liebe schlecht ist, gut, wenn sie gut ist. Das wollen wir aus der Schrift beweisen. Der Apostel verlangt6 aufgelöst zu werden und mit Christus zu sein; ferner7 : „Meine Seele begehrt, Deine Satzungen zu verlangen“ oder vielleicht besser: „Meine Seele ist voll Verlangen danach, Deine Satzungen zu begehren“; oder8 : „Die Begierde nach Weisheit führt zur Herrschaft“. Doch hat sich der Sprachgebrauch dahin ausgebildet, daß man unter Lust oder Begierde schlechthin ohne Beifügung des Gegenstandes nur Lust und Begierde im schlimmen Sinne versteht. Freude im guten Sinn ist gemeint in den Stellen9 : „Freuet euch im Herrn und frohlocket, ihr Gerechten“; oder10 : „Freude hast Du gegeben in mein Herz“; oder11 : „Du wirst mir Freude geben vollauf durch Dein Angesicht“. Furcht in gutem Sinn findet sich bei dem Apostel erwähnt, wo er sagt12 : „Mit Furcht und Zittern wirket euer eigen Heil“; oder13 : „Sei nicht hoffärtig, sondern fürchte dich“; oder14 : „Ich fürchte aber, es möchten, wie einst die Schlange mit ihrer Arglist die Eva verführt hat, so auch eure Gemüter verderbt werden und entfremdet der Keuschheit, die in Christo ist“. Schwieriger ist die Frage zu entscheiden, ob sich auch Traurigkeit in gutem Sinne findet; so nämlich sage ich lieber als Unbehagen15 , wie Cicero diese Gemütsbewegung nennt16 , oder als Schmerz, wie sie bei Vergil heißt in der Stelle17 : „Dies ist die Quelle — — des Schmerzes, der Freude“; denn Unbehagen und Schmerz sind mehr für leibliche Zustände in Gebrauch.

1: 1 Tim. 3, lff.
2: Joh. 21, 15 ff.
3: Ps. 10, 6.
4: 1 Joh. 2, 15.
5: 2 Tim. 3, 2.
6: Phil. 1, 23.
7: Ps. 118, 20.
8: Weish. 6, 21.
9: Ps. 31, 11.
10: Ebd. 4, 7.
11: Ebd. 15, 11.
12: Phil. 2, 12.
13: Röm. 11, 20.
14: 2 Kor. 11, 3.
15: Aegritudo, eigentlich Bekümmernis, aber so kann man es wegen des Zusammenhanges hier nicht übersetzen.
16: Tusc. 3, 10.
17: Oben Kap. 3.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger