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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
14. Buch

27. Die Sünder, ob Engel oder Menschen, vermögen durch ihre Verkehrtheit die Vorsehung nicht zu beirren.

Demnach vermögen die Sünder, Engel wie Menschen, mit ihrem Treiben nicht zu behindern „die großen Werke des Herrn, die er sich aussucht ganz nach seinem Willen“1 ; denn er, der mit vorsehender Weisheit und allmächtigem Willen jedem das Seine zuteilt, weiß sich nicht nur der Guten, sondern auch der Bösen zum Guten zu bedienen2 . Und indem er sich also des bösen Engels, der wegen des Mißverdienstes des ersten bösen Willens in einer Weise mit Verhärtung bestraft wurde, daß er ferner überhaupt keinen guten Willen mehr hatte, zum Guten bedient, konnte er recht wohl zulassen, daß von ihm der erste Mensch versucht wurde, der aufrecht, d. i. als ein Wesen von gutem Willen erschaffen war. War er doch so eingerichtet, daß er den bösen Engel hätte überwinden können, wenn er als guter Mensch der göttlichen Hilfe vertraute, dagegen freilich überwunden werden sollte, wenn er Gott, seinen Schöpfer und Helfer, in stolzem Selbstgefallen verlassen würde; sein Verdienst sollte bestehen in einem geraden, von Gott unterstützten Willen, sein Mißverdienst in einem verkehrten, von Gott sich abwendenden Willen. Denn ohne Gottes Hilfe hätte er eben jenes Vertrauen auf Gottes Hilfe nicht zuwege gebracht, aber deshalb stand es doch in seiner Gewalt, sich dieser göttlichen Gnadenhilfe durch Wohlgefallen an sich selber zu begeben. Denn wie man es nicht in seiner Gewalt hat, im Fleische hienieden zu leben ohne Zuhilfenahme von Nahrungsmitteln, dagegen es allerdings in seiner Gewalt hat, im Fleische nicht zu leben, wie das Beispiel der Selbstmörder zeigt, so hatte man es auch im Paradiese nicht in seiner Gewalt, gut zu leben ohne Gottes Hilfe, wohl aber hatte man es in seiner Gewalt, schlecht zu leben, wobei dann jedoch die Glückseligkeit nicht andauern, sondern die gerechte Strafe eintreten sollte. Da nun Gott um diesen künftigen Fall des Menschen genau wußte, hätte er ihn deshalb nicht versuchen lassen sollen durch die Bosheit des neidischen Engels? er, der durchaus nicht im Ungewissen darüber war, daß der Mensch besiegt würde, aber ebenso klar vorhersah, daß von dem Samen des Menschen mit Hilfe der göttlichen Gnade derselbe Teufel in den Heiligen um so rühmlicher besiegt werden sollte! Die Sache stand demnach so, daß Gott nichts verborgen war von den kommenden Dingen, daß er aber durch sein Vorherwissen niemand zum Sündigen nötigte und durch die nachfolgende Erfahrung seiner vernunftbegabten Schöpfung in Engel- und Menschenwelt den gewaltigen Unterschied vor Augen führte zwischen vermessener Selbstüberhebung und göttlichem Schutz. Es wäre natürlich in Gottes Macht gelegen gewesen zu bewirken, daß weder Engel noch Mensch gefallen wäre. Aber er zog es vor, das ihrer Macht anheimzustellen und auf diesem Wege zu zeigen, wieviel Schlimmes ihr Hochmut und wieviel Gutes seine Gnade vermöge.

1: Ps. 110, 2.
2: Vgl. oben XIV 11, 1. Absatz.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger