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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
14. Buch

26. Der Glückszustand des paradiesischen Daseins hätte es verstattet, den Zeugungsakt ohne beschämendes Verlangen vorzunehmen.

Es lebte also der Mensch im Paradiese so, wie er wollte, solang er wollte, was Gott befohlen hatte; er lebte im Genusse Gottes, und aus diesem Gute floß seine eigene Gutheit; er lebte ohne allen Mangel und hatte es dadurch in seiner Gewalt, immer zu leben. Da gab es Speise, damit ihn nicht hungere, und Getränk, damit ihn nicht dürste, und einen Baum des Lebens, damit ihn nicht das Alter aufreibe. Nichts von Vergänglichkeit in seinem Leibe oder von seinem Leibe ausgehend bereitete irgendwelche Beschwer irgendeinem seiner Sinne. Keine innerliche Krankheit, keinen Angriff von außen hatte man zu befürchten. Das Fleisch erfreute sich höchster Gesundheit, der Geist vollster Ruhe. Wie es im Paradiese weder Hitze gab noch Kälte, so erfuhr im Paradiesesbewohner der gute Wille keine Gefährdung weder von Seiten der Begehrlichkeit noch von Seiten der Furcht. Alles Traurige war völlig ausgeschlossen, aus der Fröhlichkeit alles Nichtige verbannt. Wahre Freude strömte ununterbrochen zu aus Gott, gegen den „die Liebe“ entbrannte „aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben“1 , und die Genossenschaft zwischen den Gatten war treu aus reiner Liebe, die Sorgfalt für Geist und Leib einträchtig, die Beobachtung des Gebotes mühelos. Keine Ermüdung verdarb die Feiertagsstimmung, kein Schlaf drängte sich auf wider Willen. So günstig war die ganze Lage, so glücklich der Mensch selbst, daß wir nicht wähnen dürfen, es hätte nur unter dem Fieber der Lust Nachkommenschaft gezeugt werden können; vielmehr würden sich dazu die Zeugungsglieder auf den Wink des Willens angeschickt haben wie die übrigen Glieder zu ihren Verrichtungen, und ohne den verführerischen Anreiz der Begier, mit voller Ruhe des Geistes und des Leibes, ohne Verletzung der Unversehrtheit, hätte sich der Gatte in den Schoß der Gemahlin ergossen2 . Läßt es sich auch nicht durch Erfahrung beweisen, so ist doch anzunehmen, daß, da ja nicht ungestüme Hitze diese Körperteile regiert, sondern frei herrschender Wille sie in Dienst genommen hätte, wie es nötig gewesen, der männliche Same sich in den Schoß der Gattin damals so gut unbeschadet der leiblichen Unversehrtheit hätte ergießen können, wie jetzt ebenfalls unbeschadet dieser Unversehrtheit aus dem Schoße der Jungfrau der monatliche Fluß sich ergießen kann. Auf demselben Wege hätte ja der eine eingebracht werden können, auf dem der andere abgeht. Denn wie zum Gebären nicht die Geburtswehen den Mutterschoß geöffnet hätten, sondern der Antrieb der Reife, so würde zur Befruchtung und Empfängnis nicht das Begehren der Lust, sondern frei gewollte Ausübung die beiden Naturen verbunden haben. Wir sprechen da von Dingen, die jetzt Gegenstand der Scham sind, und deshalb müssen wir uns, obwohl unser Versuch deren mögliche Beschaffenheit, ehe sie das noch waren, ins Auge faßt, doch aus Schamgefühl Grenzen setzen, um so mehr, als wir von der Rede, über die wir ohnehin nur in unzureichendem Maße verfügen, keine weitere Förderung zu erwarten haben. Denn was hier zur Behandlung steht, sind die, die es hätten inne werden können, selbst nicht inne geworden [die Sünde kam ihnen zuvor, und sie zogen sich die Vertreibung aus dem Paradiese zu, ehe sie sich noch zu dem Werke der Erzeugung von Nachkommenschaft in ruhigem Willensentscheide zusammentaten]; und so steht jetzt erst recht den menschlichen Sinnen, wenn von diesen Dingen die Rede ist, lediglich die Erfahrung stürmischer Lust zu Gebote, nicht aber die Vorstellung gelassenen Wollens. Daher kommt es, daß Scham die Rede hemmt, selbst wenn es dem Nachsinnenden an Gedanken nicht gebräche. Aber dem allmächtigen Gott, dem höchsten und höchst guten Schöpfer aller Naturen, der den guten Willen unterstützt und belohnt, den bösen verläßt und verdammt und den einen wie den andern einzuordnen weiß, gebrach es selbstverständlich nicht an Rat, die festbegrenzte und in seiner Weisheit vorherbestimmte Zahl der Bürger des Gottesstaates aus dem Menschengeschlecht vollzumachen auch nach der Verdammung, indem er diese Bürger nun nicht mehr nach ihrem Verdienst — die gesamte Masse ist ja verdammt worden als in der sündhaften Wurzel enthalten —, sondern durch Gnade auswählt und den Erlösten nicht nur an sich selber, sondern auch an den Nichterlösten vor Augen führt, was er ihnen Großes spendet. Denn aus freier, nicht aus geschuldeter Güte fühlt und bekennt sich jeder den Übeln entrissen, wenn er herausgenommen wird aus einer Genossenschaft von Menschen, mit denen er von rechtswegen gemeinsame Strafe teilen sollte. Warum also hätte Gott nicht Wesen erschaffen sollen, von denen er sich des Sündigens zum voraus versah, da er doch in und an ihnen zeigen konnte, was deren Schuld nach sich zog und was seine Gnade frei gewährte? Die rechte Ordnung der Dinge würden ja die Sünder durch ihre ungeordnete Verkehrtheit ohnehin nicht stören können, auch ihrerseits abhängig von ihm als dem Schöpfer und Lenker.

1: 1 Tim. 1, 5.
2: Vgl. Verg. Aen. 8, 406.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger