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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
14. Buch

24. Wären die Menschen schuldlos und zum Lohn für geleisteten Gehorsam im Paradiese verblieben, so würden sie sich der Zeugungsglieder in derselben Weise bedient haben zur Gewinnung von Nachkommenschaft wie der übrigen Glieder, nämlich nach dem Machtspruch des Willens.

Es würde also der Mann Nachkommenschaft zeugen, das Weib sie aufnehmen, mit Zeugungsgliedern, die durch den Willen, wann und soviel es nötig wäre, in Bewegung gesetzt, nicht durch Lust zur Erregung gebracht würden. Wir bewegen ja nicht bloß solche Glieder nach Belieben, deren Teile aus festen Knochen bestehen, wie die Hände und Füße und Finger, sondern ebenso vermögen wir auch die Glieder, die aus weichen Muskeln und Sehnen bestehen und daher schlaff sind, nach unserm Willen hin und her zu bewegen, auszudehnen und zu strecken, zu drehen und zu wenden, zusammenziehend zu verhärten, wie denn der Wille z. B. die Mund- und Gesichtsmuskeln bewegt, so gut er kann. Selbst auch die Lungen, nächst dem Mark die weichsten Eingeweide und deshalb in der Brusthöhle geborgen, sind wie Blasebälge der Schmiedstätten oder der Orgeln dem Willen dienstbar zum Ein- und Ausatmen, zum Sprechen, Schreien, Singen. Und manchen Tieren ist es, wie ich im Vorbeigehen erwähnen möchte, von Natur aus gegeben, ihre den ganzen Körper bedeckende Haut nur an der Stelle zu bewegen, wo sie etwas zu Verscheuchendes verspüren, und durch solch zitternde Bewegung der Haut nicht nur Mücken, sondern selbst darin steckende Speere abzuschütteln. Der Mensch kann das nicht, aber deshalb stand es doch im Belieben des Schöpfers, solche Fähigkeit anderen Lebewesen zu verleihen nach seinem Gutdünken. Ebenso nun konnte sich auch der Mensch seinerseits des Gehorsams auch niedrigerer Glieder erfreuen, dessen er dann durch eigenen Ungehorsam verlustig ging. Denn es war nicht schwer für Gott, den Menschen so zu erschaffen, daß in seinem Fleische auch das, was jetzt nur durch die Lust bewegt wird, nur durch seinen Willen bewegt worden wäre.

Wir wissen ja, daß sich bei manchen Menschen natürliche Beschaffenheiten finden, die von den regelmäßigen weit abweichen und wegen ihres seltenen Vorkommens angestaunt werden; ich denke da an Menschen, die an ihrem Leibe allerlei nach Belieben vornehmen, was andere nicht können und auf bloßes Erzählen hin kaum glauben wollen. So gibt es Leute, die die Ohren bewegen können, jedes für sich oder beide zumal. Oder Leute, die die ganze Kopfhaut, soweit die Haare reichen, an die Stirne vorschieben und wieder zurückziehen nach Belieben, ohne den Kopf zu bewegen. Andere wieder holen von einer Unmasse der verschiedensten Dinge, die sie verschlungen haben, beliebige Gegenstände unversehrt wie aus einem Geldbeutel hervor und drücken dabei nur ein wenig das Zwerchfell. Manche ahmen die Stimmen von Vögeln oder von Haustieren oder von Mitmenschen, wer es auch sei, so täuschend nach, daß man es unmöglich unterscheiden kann, wenn man sie nicht sieht. Andere geben aus ihrem Inneren ohne allen Gestank nach Belieben Laute in so großer Zahl von sich, daß man meinen könnte, sie sängen auch von dieser Seite her. Ich selbst habe einen Menschen beobachtet, der in Schweiß zu geraten pflegte, wenn er wollte. Bekannt ist, daß manche weinen, wenn sie wollen, und sogar reichlich Tränen vergießen. Weit seltsamer aber ist etwas anderes, was viele Brüder in jüngster Zeit sich zutragen sahen. Im Sprengel der Kirche von Calama1 lebte ein Priester namens Restitutus. Der vermochte sich, wenn es ihm beliebte [es geschah auf Bitten solcher, die Augenzeugen des merkwürdigen Vorgangs zu sein wünschten], auf nachgeahmtes Wehklagen hin in einen Zustand der Empfindungslosigkeit zu versetzen und lag dann da wie ein Toter, so daß er nicht nur keinen Kniff und Stich spürte, sondern sich mitunter selbst von Feuer brennen ließ ohne jegliches Schmerzgefühl, nur daß nachher die Wunde schmerzte. Und dabei war sein Leib nicht etwa aus Standhaftigkeit bewegungslos, sondern aus Empfindungslosigkeit, wie sich daran zeigte, daß wie an einem toten Leibe kein Atem festgestellt werden konnte; jedoch vernahm er die menschliche Stimme, wenn man ziemlich laut sprach, wie aus der Ferne, so versicherte er nach dem Erwachen. Wenn also selbst gegenwärtig der Leib mancher Menschen, die auch im vergänglichen Fleische ihr mühseliges Leben hienieden hinbringen, auf solch merkwürdige Weise außerhalb der gewöhnlichen Art der Natur sich dienstbar erweist in mannigfachen Bewegungen und Zuständen, warum sollten wir nicht glauben, daß vor der Sünde des Ungehorsams und der Strafe der Verderbtheit die Glieder des Menschen dem Willen des Menschen zur Erzeugung von Nachkommenschaft ohne jede geschlechtliche Lust hätten dienstbar sein können? Es wurde also der Mensch, da er Gott aus Wohlgefallen an sich selber verlassen hatte, sich auch selber überlassen, und, ungehorsam gegen Gott, war er nun auch nicht mehr imstande, sich selbst zu gehorchen. Der Mensch lebt also nicht, wie er will, und dadurch ist das Elend handgreiflich geworden. Denn würde er leben, wie er will, so würde er sich für glücklich halten, was er freilich auch so nicht wäre, wenn er schmählich lebte.

1: In der römischen Provinz Afrika, zwischen Cirta und Augustins Bischofssitz Hippo.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger