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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
14. Buch

3. Die Ursache der Sünde ging aus der Seele hervor, nicht aus dem Fleische; und die durch die Sünde eingetretene Vergänglichkeit ist nicht Sünde, sondern Strafe.

Stellt man das Fleisch als die Ursache aller sittlichen Gebrechen hin mit Berufung darauf, daß eben nur die vom Fleische beeinflußte Seele ein solches Leben führt, so heißt dies doch, die Gesamtnatur des Menschen außer Auge lassen. Freilich „beschwert der vergängliche Leib die Seele“1 . Und deshalb äußert sich auch der Apostel, wo er von diesem vergänglichen Leibe handelt, über den er die Worte vorausschickt2 : „Wenn auch unser äußerer Mensch der Vergänglichkeit unterworfen ist“, wie folgt3 : „Wir wissen, daß wir, wenn dieses unser irdisches Wohnhaus aufgelöst wird, ein Gebäude von Gott empfangen, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, ein ewiges im Himmel. Wir seufzen ja danach, voll Verlangen, mit unserer himmlischen Wohnung überkleidet zu werden; wenn wir freilich auch bekleidet, nicht nackt erfunden werden. Denn die wir in dieser irdischen Wohnung sind, seufzen beschwert, und wollen darin nicht entkleidet, sondern überkleidet werden, damit das Sterbliche vom Leben verschlungen werde“. Wir fühlen uns also einerseits beschwert durch den vergänglichen Leib, wollen aber andrerseits dieses Leibes nicht entkleidet, sondern mit seiner Unsterblichkeit bekleidet werden, wohl wissend, daß nicht Natur und Wesen des Leibes, sondern seine Vergänglichkeit die Ursache der Beschwernis ist. Denn er wird auch im Jenseits vorhanden sein, aber er wird nicht beschwerlich fallen, weil er nicht mehr vergänglich ist. Also zurzeit beschwert der vergängliche Leib die Seele, und die irdische Einwohnung drückt nieder den Geist, den vieles erwägenden“. Allein wer alle Übel der Seele dem Leib auf Rechnung schreibt, ist im Irrtum.

Platos Anschauung allerdings legt Vergil4 in prächtigen Versen dar mit den Worten:

„All diese Samen des Lebens

Sind voll feuriger Kraft, vom Himmel gekommen, soweit nicht

Lästiger Körper Schwere sie drückt, nicht irdische Hülle

Sterblicher Glieder sie hemmt“;

und um zu verstehen zu geben, daß all die vier wohlbekannten Gemütserregungen5 : Begierde, Furcht, Lust, Traurigkeit, als die Wurzeln aller Sünden und Laster vom Leibe herkommen, fügt er bei:

„Dies die Quelle der Furcht und Begier, des Schmerzes, der Freude;

Eingeschlossen in Nacht und finsteren Kerker, erhebt sich

Nicht mehr zum Himmel der Blick.“

Aber unser Glaube lehrt anders. Nach ihm ist die Vergänglichkeit des Leibes, die die Seele beschwert, nicht die Ursache der ersten Sünde, sondern Strafe für sie, und nicht das vergängliche Fleisch hat die Seele zum Sündigen gebracht, sondern die sündigende Seele hat das Fleisch vergänglich gemacht. Wenn nun auch aus diesem Verderbnis des Fleisches mancher Anreiz zur Sünde und selbst auch sündhafte Begierden entspringen, so darf man doch nicht alle Laster eines verkehrten Lebens dem Fleische zuschreiben; sonst würden wir den Teufel, der kein Fleisch hat, in diesen Dingen völlig entlasten. Freilich kann man den Teufel nicht einen Hurer nennen oder einen Trunkenbold oder sonst etwas Schlimmes, was mit der Fleischeslust zusammenhängt, obwohl er auch zu solchen Sünden insgeheim überredet und anstachelt, aber er ist im höchsten Grade hochmütig und neidisch. Und so sehr hat diese Schlechtigkeit von ihm Besitz ergriffen, daß er um ihretwillen in den Kerkern dieser dunklen Luft zu ewiger Pein bestimmt ward6 . Jene Laster aber, die im Teufel die Oberhand haben, weist der Apostel dem Fleische zu, obwohl der Teufel sicher kein Fleisch hat. Er bezeichnet nämlich Feindschaft, Streit, Eifersucht, Heftigkeit, Neid als Werke des Fleisches, und Haupt und Ursprung all dieser Übel ist der Hochmut, der ohne Fleisch im Teufel seine Herrschaft übt. Wer ist feindseliger gesinnt als er wider die Heiligen? Wer gegen sie streitsüchtiger, heftiger, eifersüchtiger, neidischer? Und da er alle diese Leidenschaften hat, ohne Fleisch zu haben, so können sie Werke des Fleisches nur deshalb sein, weil sie Werke des Menschen sind, den der Apostel, wie gesagt, mit dem Fleische meint. Denn nicht dadurch ist der Mensch dem Teufel ähnlich geworden, daß er ein Fleisch hat, das der Teufel gar nicht hat, sondern dadurch, daß er nach sich selber, nach dem Menschen also, lebt; auch der Teufel nämlich wollte nach sich selbst leben, als er in der Wahrheit nicht standhielt7 und infolgedessen aus seinem Eigentum, nicht aus dem, was Gottes ist, Lüge redete, nicht nur ein Lügner, sondern selbst der Vater der Lüge. Er zuerst hat gelogen, und wie die Sünde, so hat auch die Lüge von ihm ihren Ausgang genommen.

1: Weish. 9, 15.
2: 2 Kor. 4, 16.
3: Ebd. 5, 1-4.
4: Aen. 6. 730-735.
5: Von dem Stoiker Zeno zuerst aufgestellt.
6: Vgl. Jud. 6.
7: Joh. 8, 44.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger