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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
14. Buch

17. Die Nacktheit der ersten Menschen und die nach der Sünde eintretende Erkenntnis, daß man sich ihrer zu schämen habe.

Mit Recht schämt man sich dieser Lust in hohem Grade, mit Recht werden die Glieder, die von ihr nach eigenem Rechte sozusagen, nicht in allweg nach unserer Willkür in Erregung gesetzt werden oder nicht, Schamglieder genannt, was sie vor der Sünde der ersten Menschen nicht waren. Denn diese „waren“, wie geschrieben steht1 , „nackt und schämten sich nicht“, nicht als wäre ihre Nacktheit eine unbewußte gewesen, aber schändlich war die Nacktheit noch nicht, weil die Lust noch nicht des Willens ungefragt jene Glieder erregte, das Fleisch noch nicht von dem Ungehorsam des Menschen Zeugnis gab in seiner Art durch Ungehorsam seinerseits. Sie waren ja nicht blind erschaffen, wie man in Volkskreisen annimmt; denn Adam sah doch die Tiere, denen er die Namen beilegte2 , und vom Weibe heißt es ausdrücklich3 : „Da sah das Weib, daß der Baum gut sei zur Speise und anzuschauen eine Augenweide“. Ihre Augen waren also offen, aber nach der Richtung waren sie nicht geöffnet, will sagen, darauf waren sie nicht gerichtet, daß sie es als Folge des Gnadenkleides erkannt hätten, wenn ihre Glieder von einer Widersetzlichkeit gegen den Willen nichts wußten. Als diese Gnade gewichen war, entstand, um den Ungehorsam mit gleicher Strafe zu züchtigen, in der körperlichen Regung etwas Neues, Unschamhaftes, infolgedessen die Nacktheit unanständig wurde, und dieses Neue erregte ihre Aufmerksamkeit und machte sie beschämt. In diesem Sinne heißt es von ihnen nach der Verletzung des Gebotes Gottes durch offene Übertretung4 : „Da öffneten sich die Augen beider und sie merkten, daß sie nackt seien, und sie flochten Feigenblätter ineinander und machten sich Schürzen“. „Die Augen beider öffneten sich“, heißt es, aber nicht zum Sehen, sie sahen ja vorher auch, sondern zur Unterscheidung zwischen dem Gute, das sie verloren hatten, und dem Bösen, dem sie verfallen waren. Deshalb hat auch der Baum selbst, weil er diese Unterscheidung herbeiführen sollte, wenn er zum Zweck des Genießens davon wider das Verbot berührt würde, eben daher seine Benennung erhalten; er hieß der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Ist man einmal die Lästigkeit des Krankseins inne geworden, so springt andrerseits die Annehmlichkeit des Gesundseins um so mehr in die Augen. „Sie merkten also, daß sie nackt seien“, entblößt nämlich der Gnade, die bewirkte, daß ihre Nacktheit sie nicht beschämte, indem kein Gesetz der Sünde in Widerspruch trat zu ihrem Geiste5 . Sie merkten also etwas, was ihnen glücklicher verborgen geblieben wäre, wenn sie, gläubig und gehorsam ihrem Gott, nicht etwas begangen hätten, was sie das Unheil inne werden ließ, das Unglaube und Ungehorsam anstiften. Beschämt nun durch den Ungehorsam ihres Fleisches als durch die ihren eigenen Ungehorsam bezeugende Strafe, „flochten sie Feigenblätter zusammen und machten sich «campestria», d. i. Schamgürtel. Manche Übersetzer gebrauchen in der Tat hier das Wort Gürtel. Nun ist freilich „campestria“ ein im Lateinischen übliches Wort, aber es leitet sich davon her, daß die jungen Männer, die auf dem campus nackt ihre Übungen machten, ihre Scham bedeckten; im Volksmund heißen daher also Umgürtete campestrati. Die Sittsamkeit also bedeckte züchtig das, was durch die Lust zum Ungehorsam aufgereizt wurde wider den ob seines Ungehorsams gestraften Willen. Daher ist es allen Völkern — alle sind sie ja aus jenem Stamm entsprossen — so sehr angeboren, die Scham zu verhüllen, daß man bei manchen Barbaren nicht einmal im Bade diese Körperteile entblößt, sondern sich mit deren Umhüllung badet. Und die Philosophen, die in den dichten Wildnissen Indiens nackt philosophieren und deshalb die Gymnosophisten heißen6 , bedienen sich ebenfalls einer Bedeckung für ihre Scham, obwohl sie sonst ganz nackt sind.

1: Gen. 2, 25.
2: Ebd. 2, 20.
3: Ebd. 3, 6.
4: Gen. 3, 7.
5: Vgl. Röm. 7, 23.
6: Buddhistische Philosophen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger