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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
14. Buch

2. Der Begriff „Leben nach dem Fleische“ umfaßt nicht nur leibliche, sondern auch geistige Laster.

Zunächst nun sind die Begriffe klarzustellen: nach dem Fleische leben und nach dem Geiste leben. Auf den ersten Blick und wenn man den Sprachgebrauch der Heiligen Schrift nicht vor Augen hat oder ihn zu wenig beachtet, möchte man meinen, nach dem Fleische lebte etwa die epikureische Philosophenschule, weil sie das höchste Gut des Menschen in die körperliche Lust setzt, und wer sonst noch unter den Philosophen das Beste des Leibes für das höchste Gut hält, und dazu die ganze Masse derer, die, ohne lang zu philosophieren, der Genußsucht ergeben, nur an Lüsten, die sie mit den leiblichen Sinnen empfinden, Freude zu haben vermögen; dagegen die Stoiker, die das höchste Gut des Menschen im Geiste suchen, lebten nach dem Geiste, weil auch der Menschengeist eben ein Geist ist. Allein wenn wir vom Sprachgebrauch der Heiligen Schrift ausgehen, so zeigt sich, daß die einen wie die andern nach dem Fleische leben. Sie bezeichnet als Fleisch nicht allein den Leib des irdischen und sterblichen Lebewesens [wie etwa in der Stelle1 : „Nicht jedes Fleisch ist dasselbe Fleisch; ein anderes ist das des Menschen, ein anderes das der Tiere auf der Erde, ein anderes das der Vögel, ein anderes das der Fische“], sondern sie gebraucht dieses Wort außerdem noch in vielen anderen Bedeutungen, und unter diesen mannigfachen Redeweisen nennt sie oft auch den Menschen selbst, die Natur des Menschen, Fleisch, wie zum Beispiel2 : „Aus den Werken des Gesetzes wird kein Fleisch gerechtfertigt werden“. Dabei meint sie natürlich: kein Mensch. Das sagt sie deutlicher kurz hernach3 : „Im Gesetz wird niemand gerechtfertigt“, und im Brief an die Galater heißt es4 : „Wir wissen aber, daß der Mensch aus den Werken des Gesetzes nicht gerechtfertigt wird“. In demselben Sinn heißt es ferner5 : „Und das Wort ist Fleisch geworden“, d. i. Mensch geworden, was manche6 unrichtig dahin aufgefaßt haben, Christus habe keine menschliche Seele gehabt. In diesen Stellen ist lediglich der Teil statt des Ganzen gesetzt und also der Mensch gemeint, wenn man das Fleisch nennt, gerade so wie umgekehrt das Ganze im Sinne eines Teiles gebraucht ist in den Worten, die das Evangelium von Maria Magdalena berichtet7 : „Sie haben meinen Herrn fortgenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben“, da sie hier doch nur vom Fleische Christi spricht, welches sie bestattet glaubte und nun aus dem Grab entführt wähnte. Während so die Heilige Schrift das Wort Fleisch in vielerlei Bedeutungen gebraucht, die zu durchforschen und zusammenzustellen zu weit führen würde, wollen wir, um darauf zu kommen, was nach dem Fleische leben heißt [es ist etwas Schlechtes, obwohl die Natur des Fleisches nichts Schlechtes ist], genau ins Auge fassen die Stelle aus dem Galaterbrief des Apostels Paulus, wo er sagt8 : „Offenkundig sind die Werke des Fleisches, als da sind: Hurereien, Unreinigkeiten, Geilheit, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Zank, Eifersucht, Erregtheit, Uneinigkeit, Ketzerei, Neid, Trunksucht, Völlerei und anderes der Art, wovon ich euch verkündige, wie ich es schon ehedem gesagt habe, dass die, die solches tun, das Reich Gottes nicht besitzen werden“. Diese Stelle aus dem Apostelbrief, in ihrer Gesamtheit betrachtet, soweit es für den vorliegenden Gegenstand nötig erscheint, wird die Frage entscheiden können, was nach dem Fleische leben heißt. Unter Werken des Fleisches, die der Apostel da offenkundig nennt und verurteilt, nachdem er sie aufgezählt hat, finden wir nicht nur solche der Fleischeslust, wie Hurereien, Unreinigkeiten, Geilheit, Trunksucht, Völlerei, sondern auch solche, die Geistessünden bezeichnen und mit der Fleischeslust nichts zu tun haben. Leicht erkennt jeder, daß Dienstbarkeit, den Götzen erwiesen, Zauberei, Feindschaft, Zank, Eifersucht, Erregtheit, Uneinigkeit, Ketzerei, Neid Geistessünden sind, nicht Fleischessünden. Es kann ja sogar vorkommen, daß man sich um des Götzendienstes oder um eines ketzerischen Irrtums willen Enthaltung von leiblichen Lüsten auferlegt; und dennoch lebt der Mensch auch dann, mag er schon die Gelüste des Fleisches zähmen und beherrschen, nach dem Ausspruch des Apostels unzweifelhaft nach dem Fleische, und es zeigt sich, daß er in eben seiner Enthaltung von Fleischeslust verdammliche Werke des Fleisches übt. Feindschaften haben doch ihren Sitz im

Geiste; niemand würde sich einem wirklichen oder vermeintlichen Feinde gegenüber der Ausdrucksweise bedienen: „Du hast böses Fleisch wider mich“, sondern man sagt: „Du hast bösen Geist wider mich“. Und endlich wie man, hörte man von Fleischlichkeiten, um mich so auszudrücken, solche sofort mit dem Fleisch in Zusammenhang brächte, so zweifelt niemand, daß die Erregtheit zu den Geistesregungen gehört. Wenn also der Apostel, der Lehrer der Heiden im Glauben und in der Wahrheit, alle diese und ähnliche Dinge Werke des Fleisches nennt, so geschieht es nur deshalb, weil er nach der Redefigur, bei der das Ganze durch den Teil bezeichnet wird, den Menschen selbst unter dem Fleisch verstanden wissen will. .

1: 1 Kor, 15, 39
2: Röm. 3, 20.
3: Ein Erinnerungsirrtum; die Stelle findet sich nicht im Römerbrief, sondern Gal. 3, 11.
4: Gal. 2, 16.
5: Joh. 1, 14.
6: Apollinaris von Laodicea, der im Erlöser an die Stelle der vernünftigen Seele den Logos setzte.
7: Joh. 20, 13.
8: Gal. 5, 19 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger